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Sport-Stammtisch (vom 6. August)

Haben Sie die Eröffnungsfeier live gesehen? Ich auch nicht. An dem Brimborium interessiert mich in diesen Zeiten sowieso nur, ob alles gut gegangen ist. In anderen Zeiten gar nichts.
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ARD und ZDF melden aus Rio den ersten olympischen Rekord: Mehr Tele-Olympia gab es noch nie. So viele Stunden für so wenige Zuschauer? Alles ist relativ. Wenig kann viel sein. Sehr viel sogar. Die Sender werden sich die Quoten schönrechnen. Zwar schauen mitten in der Nacht nur wenige zu, denn senile Bettflucht ist trotz der demographischen Entwicklung noch kein Massenphänomen, und Ali boxt ja auch nicht mit, für den wir aufstehen würden, aber die Marktanteile werden durch die Decke schießen – hundertprozentig! Fast hundertprozentig. Ein paar Schlaflose, die zum Fernseher tapern, werden die Maximalquote verhindern, weil sie schlaftrunken den falschen Knopf drücken und Wellensalat anschauen. Oder was auch immer um diese Zeit noch laufen mag. Gibt es eigentlich noch die »Space Night«? Die wäre ein echter Olympia-Konkurrent.
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Auch tagsüber kann Rio, können Olympia, Wimbledon und die Tour de France zusammen, nicht mit den knapp 30 Millionen EM-Zuschauern konkurrieren. Immerhin wird es ordentliche Tag-Quoten geben, denn die Olympiaberichte sind dann nur ein paar Stunden alt. Was sonst noch im Sommer gesendet wird, hat meist schon Jahre der Wiederholung auf dem Buckel.
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Ich habe die erste Blamage auf dem selben. 80 Millionen Lichtjahre. In dieser Entfernung, schrieb ich am Donnerstag, könnten Aliens das erste Radiosignal empfangen, das die Menschheit ins All geschickt hat: Hitlers Eröffnungsrede bei den Olympischen Spielen 1936. »Da sich die Radiowellen in Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, kann es leider erst 80 Lichtjahre entfernt sein«, korrigiert Harald Sandleben (Staufenberg) die Zahl »leicht« nach unten. Jochen Pellatz (Biebertal) erinnert »mit kosmischen Grüßen« an den »genialen Science Fiction Film ›Contact‹ mit Jodie Foster, in dem die Eröffnungsrede von 1936 als zurückgesendetes Signal von der Wega empfangen wurde. Das könnte hinkommen. Wega ist 25 Lichtjahre entfernt.« Und dem Stoßseufzer von Hans Ludwig Fischer aus Buseck zur Hitler-Rede schließe ich mich an: »80 Millionen Jahre – wenn das doch nur so lang her wäre, oder?« – Ich bin zwar schon oft über das Ziel hinausgeschossen, aber 80 Millionen Lichtjahre, die muss mir erst mal einer nachmachen. Doch wenn Leser derart kundig und originell reagieren, würde ich mich gerne sogar freiwillig blamieren.
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Widerspruch könnte ich auch mit einigen kleinen Meinungen zum nichtolympischen Fußball provozieren. Schweinsteiger: Krokodilstränen sind heuchlerisch, Mourinho ist wenigstens ehrlich. – Draxler: Die Liga-Bosse reagieren empört, auch und ausgerechnet Rummenigge. Wie war das mit Götze? Außerdem werden alle Profi-Verträge vorsätzlich »auf Bruch« geschlossen. – Nationalmannschaft: Boateng Kapitän? Gute Lösung. Neuer Kapitän? Gute Lösung. Schlecht: Wenn dumpfe Gemüter in der Diskussion mitmischen. – Darmstadt: Spielerflucht verständlich. Bei aller Sympathie, solch ein Kraftakt bleibt einmalig. Jetzt droht wirklich das Unwort: Tasmania! – Eintracht Frankfurt …
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… da muss ich erst einmal tief Luft holen. Fan-Entfremdung durch Überfremdung? Ach, dass im Kader mehr Nationalitäten zu finden sind als in den meisten Flüchtlingsheimen, ist nicht das Problem. Wenn lauter kleine Messis und Ronaldos darunter wären, würde ich bei jedem alten Urhessen den Mourinho machen (na ja, nicht bei Alex). Das echte Problem: Bislang Unverzichtbare wie Aigner und Zambrano sind weg oder längerfristig nicht einsetzbar (Russ, Stendera), große hessische Talente wie Waldschmidt und Kittel konnte oder wollte man nicht halten, und die Neuen musste man an der Reste-Rampe einkaufen, da in Frankfurt die Fantastillionen buchstäblich auf der Bank liegen, aber leider nicht auf dem Konto der Eintracht. Obwohl die schon mit ein paar Peanuts-Millionen der Kategorie Kopper (Sie erinnern sich?) weit vorne mitmischen könnte.
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So, mit Hilfe der Fußball-Abschweifung ist es geschafft: Am Eröffnungstag der schwer belasteten Olympischen Spiele eine dopingfreie, eine total saubere Kolumne. Ich bin stolz auf mich.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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