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Schwarz + Weiß (“Anstoß” vom 4. August)

Für Robert Harting ist Thomas Bach »Teil des Dopingsystems« und »etwas, wovor ich mich ekle«. Er »schämt« sich für den IOC-Präsidenten, und nach diesen starken Worten startet der Diskuswerfer mit medialem Rückenwind in seine Operation Gold, denn er spricht damit der lautstarken Mehrheit aus dem Herzen. Was nicht immer so war.
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In diesen Tagen ist viel von Jesse Owens die Rede. Seine Filmbiografie »Race« (deutscher Titel: »Zeit für Legenden«) hat noch nicht die Kinos erobert, aber schon die Feuilleton- und Sportressorts. Owens steht für alle guten Seiten des Sports. Seine Freundschaft mit Luz Long, seine angebliche Verachtung für Hitler gehören zu den großen, ehrenvollen Legenden der Olympischen Spiele. Was nicht immer so war.
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Owens und Harting. Schwarz und Weiß. Nicht wegen der Hautfarbe. Die ist uninteressant. Sondern: Es gibt keine Grautöne. Nicht in ihrer Bewertung, bei Harting auch nicht, wenn er selbst wertet. »Ein kompletter Athlet bist du erst als Olympiasieger.« Sind alle anderen nicht komplett, sondern eher bekloppt?
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Harting hat aus seiner eigenen Mediengeschichte gelernt. Als ihn Proteste von DDR-Dopingopfern nervten, hätte er ihnen am liebsten seinen Diskus an den Kopf geworfen. Auch seien Kontrollen sowieso belanglos (was natürlich stimmt), daher sollte man Doping freigeben (Oho! Oha!). Aber nun ist der böse Junge »ein ganz harter Anti-Doping-Kämpfer« geworden und liebster Junge der deutschen Medien, zumal nach seiner Bach-Kritik.
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Jesse Owens beschimpfte Journalisten noch Jahre nach Olympia 1936 für ihren »schlechten Geschmack, als sie den Mann der Stunde in Deutschland kritisierten«. Das Zitat ist belegt, auch dieses von 1938, als er Hitler als einen »Mann voll Würde« lobte. Auf Avery Brundage ließ Owens schon mal gar nichts kommen, ihn verehrte er bis zu seinem Tod. Brundage, der spätere »The Games must go on«-Verkünder von 1972, hatte 1936 als Olympia-Chef der USA zwei Läufer aus der Sprintstaffel geworfen. Sie waren die einzigen Juden im US-Team, und Brundage wollte es Hitler nicht zumuten, ihnen bei der Siegerehrung gratulieren zu müssen.
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Robert Harting ist »kompromisslos, eiskalt. Alles muss so funktionieren, wie er das will«. Sagt einer, der es wissen muss: Christoph Harting. Robert widerspricht in dem Brüder-Interview der FAS von 2012 ausnahmsweise nur halbherzig: »Dickköpfig und zielstrebig hört sich besser an als eiskalt. Sonst denken die Leute noch, ich sei skrupellos.« Selbstironischer Humor zeichnet ihn jedenfalls auch aus.
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Aber denkt er, der durchaus kluge Junge, immer zu Ende, was er sagt? Wenn es bei uns nicht bald eine lebenslange und lebensstandardsichernde Rente für Medaillengewinner gäbe, würde die Leichtathletik viele talentierte 20-Jährige an Berufe zum Beispiel in der Wirtschaft verlieren, behauptet er. Aber wer soll dann 50 und mehr Jahre lang die Rente für Medaillengewinner bezahlen – und für 99 Prozent der Leistungssportler, die keine Medaillen gewinnen werden und wegen fehlender beruflicher Ausbildung und Tätigkeit unser Sozialsystem ihr Restleben lang belasten? Hartings Modell der staatlichen Rundum-Versorgung erinnert an DDR-Verhältnisse. Damit kommt man im Sport weit, als Staat geht man pleite.
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Frühgeborene erinnern sich an die Black-Power-Demo von Tommie Smith und John Carlos in Mexiko 1968 – das Bild ging um die Welt: schwarzer Handschuh, geballte Faust, ikonische Symbole des Protestes gegen den Rassismus in den USA. Ein prominenter US-Bürger schimpfte: »Diese zornigen jungen Männer schwarzer Hautfarbe heizen das Klima an. Sie sind berufsmäßige Hasser. Wenn sie nicht ihren Willen kriegen, werfen sie Bomben.«
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Wer sagt denn sowas? . . . Jesse Owens! Aber trotz aller Grautöne: Er bleibt einer der größten Athleten der Sportgeschichte, und ein Robert Harting ist mir lieber als hundert weichgespülte »Da müssen Sie den Trainer fragen«-Feiglinge.
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Schwarz und Weiß als Haut»farbe«, Schwarz oder Weiß im kategorischen Denken, Schwarz auf Weiß in den Schlagzeilen – wie würden Außerirdische uns und unser Mit- und Gegeneinander sehen? Wären sie begeistert vom (hoffentlich) friedlich-bunten Eröffnungsspektakel von Rio? Wir können es nicht wissen, denn sie sehen uns nicht. Zu weit weg. Aber vielleicht schon in Kürze nicht weit genug für das erste Radiosignal, das die Menschheit ins All geschickt hat. Die Sendung, die in mittlerweile über 80 Millionen Lichtjahren Entfernung zu empfangen ist: Hitlers Eröffnungsrede bei den Olympischen Spielen 1936. Ja, wirklich!
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Ob die Aliens schwarz oder weiß oder sonstwas sind, mit Grau … sen werden sie sich abwenden. Vielleicht sind sie deshalb noch nicht gekommen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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