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Schneller, höher … (“Anstoß” vom 3. August)

… stärker! Alle (4) Jahre wieder schlägt bei der Olympiade die Stunde der olympischen Besserwisser. Sie heben den humanistisch gebildeten Zeigefinger und dozieren: Die Olympischen Spiele sind keine »Olympiade«, sondern eine Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Und: Im Original (citius – altius – fortius) heißt es nicht »schneller – höher – weiter«, sondern »schneller – höher – stärker«.
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Aber was heißt denn schon »im Original«? Sprachen die alten Griechen wie die etwas jüngeren Römer? Natürlich nicht. Und das »alte« olympische Motto stammt von keinem Latein-Muttersprachler, sondern von einem französischen Pater, der es im späten 19. Jahrhundert anlässlich eines Schulsportfestes erstmals aussprach, was  Pierre de Coubertin derart gut gefiel, dass er es für seine Neuerfindung der Spiele übernahm (was nicht mein hochgestapelter Zeigefinger weiß, sondern Wikipedia).
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Noch so’n Thema: Die fünf verschiedenfarbigen olympischen Ringe symbolisieren die fünf Erdteile, weiß doch jeder. Oder? Aber welche Farbe für Europa, für Asien usw.? Fragen wir Coubertin, der die Ringe im Jahr 1913 höchstpersönlich kreiert hat: »Die Gestalt der Fahne ist symbolisch zu verstehen, sie stellt die fünf Erdteile dar, die in der Olympischen Bewegung vereint sind. Ihre sechs Farben entsprechen denen sämtlicher Nationalflaggen der heutigen Welt.« Och! Die Farben haben gar nix mit den Erdteilen zu tun?! Aber wieso sechs? Weil Coubertin den weißen Untergrund als sechste Farbe wertete. Olympia lernt uns viel, und man lehrt nie aus.
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Noch mal Coubertin. Sein neuolympisches Ideal: »Das Wichtige bei den Olympischen Spielen ist nicht zu siegen, sondern teilzunehmen.« Dagegen steht das altolympische Ideal: »Immer der Beste zu sein und überlegen den anderen!« Ein Ideal, verinnerlicht auf dem Grabstein eines antiken Olympioniken: »Kranz oder Tod!«
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Nach Olympia 1964 in Tokio nahm dies ein  japanischer Marathonläufer wörtlich, der auf den letzten Metern überholt worden war und »nur«  Bronze gewann. Wegen der Schmach nahm er sich das Leben.
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Eher unbekanntes olympisches Motto von Coubertin: »Die Spiele sind ein Ausbund männlicher Athletik, und der Beifall der Frauen ist deren Lohn.« Solch ein Wort heute – dann ginge es aber rund im Stadion!
Na ja, rund »geht« es sowieso. Wieso eigentlich? Und was ist das überhaupt, ein Stadion? Ein Schritt, ein Fuß nach dem anderen: Ein »Stadion« (= 600 Fußlängen) war bei den alten Griechen die Länge der Bahn, auf der gelaufen wurde. Die Bahnen waren aber nicht gleich lang, denn sie wurden nach der jeweiligen lokalen Fuß-Durchschnittslänge bestimmt. So war die Bahn in Delos mit 167,00 Metern die kürzeste und die von Olympia mit 192,25 Metern die längste, denn in Olympia war ein Fuß genau 32,045 Zentimeter lang.
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32 Zentimeter? Das entspricht unserer Schuhgröße 50. Waren die Einheimischen in Elis Dirk Nowitzkis Urväter? Die Frage stellte ich schon einmal bei einer früheren Olympiade (»sic«, streicht hier der akademische Zeigefinger an). Damals klärte unser früherer Feuilletonchef Dr. Otto Gärtner auf, und der musste es als hochgeachteter Graezist einfach wissen: Die alten Olympier nahmen nicht bei sich selbst Maß, denn bei der Vermessung hatte Herakles höchstpersönlich seine Hand als Fuß im Spiel.
Wieso geht es im einst schnurgeraden Stadion heute rund? Damit ein Fußballplatz in die Mitte passte? Und warum wird im Stadion immer gegen den Uhrzeigersinn gelaufen? Gängige Vermutung: Weil dies die natürliche Bewegungsrichtung ist. Denn der Mensch ist nicht nur normalerweise Rechtshänder, sondern auch Rechtsfüßer, schreitet deswegen mit rechts kräftiger aus, was ihn, zum Beispiel beim scheinbaren Geradeausgehen in der Wüste, nach einem unbewussten Linksherum-Gang wieder zum Ausgangspunkt führt. Oder so.
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Oder anders? Und was hat das alles damit zu tun, dass die Gänge in Supermärkten meist linksherum angelegt sind? Und warum überhaupt geht’s im Uhrzeigersinn rechtsherum? Hängt angeblich mit dem scheinbaren Lauf der Sonne zusammen. Ein Leser klärte mich sogar einmal auf, dass in der Jugendbewegung die Bezeichnungen »mitsonnen« (ms) für »im Uhrzeigersinn« und »gegensonnen« (gs) für »gegen den Uhrzeigersinn« entstanden seien und dass diese Ausdrücke heute noch für die Angabe der Tanzrichtung im Volkstanz verwendet werden sollen.
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Nun beginnt er also wieder, der globale Volkstanz um das goldene Kalb im Medaillenspiegel. Motto der Olympiade: Schneller, höher … weider, als weider! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle