Archiv für August 2016

Sonntag, 28. August, 7.10 Uhr

Später, dafür kürzer. Brummschädel. Nicht wegen Suff. Null Promille. Wegen Infekt. Eingefangen auf 110-km-Tour am Mittwoch. Stimme wie Lee Marvin. Kopf wie Kreis Biedenkopf (alter Spruch, galt aber für Promille-Kopf).

Mein großes Interview im Blatt. Exklusiv. Mit dem Supersupermegastar, der sonst keine Interviews gibt. Am nächsten Tag steht das Interview in der FAZ.  Aber nicht unter meinem Namen. Gleich sechs FAZ-Redakteure lassen sich als Interviewer von Salep feiern. Ich bin stinksauer. Obwohl sich ein lästiger Gedanke im Kopf einnistet. Salep? Salep? Superstar? Interview von mir? Mache ich doch seit zig Jahren nicht mehr. Langsam wache ich auf, hustend. Wenn man  wegen Lee Marvin und dem Kreis Biedenkopf immer nur kurz schläft und schnell aufwacht, erinnert man sich geich an seine Träume. Salep …  aber selbst, als ich schon wach bin, bin ich immer noch sauer auf die FAZ.

Auf der 110-km-Hitzeschlacht, bei der ich nur einen Balken von fünf auf dem Pedelec verbraucht habe, also meistens Rad pur gefahren bin, kam ich an vollgestopften Schwimmbädern, Ausflugslokalen, Badeseen und Mitradlern vorbei. In diesen Hitzetagen reißen sich alle die Kleider vom Leib, und man sieht jetzt, dass die Tattoo-Manie ein echtes Volksleiden geworden ist. Opa mit dem vollprolltätowierten Unterarm, Oma mit dem Arschgeweih. Warum tun die sich das alles an? Sieht doch bescheuert aus! Was ich verstünde: Wenn man Camouflage betriebe und Hauthässlichkeiten  mit einem Tattoo überdeckte. Aber statt dessen fügt man sich Hauthässlichkeiten zu.

Ist natürlich reine Geschmacksache. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Männer meines Alters ihre Umgebung nicht mit kurzen Hosen  und nacktem Oberkörper belästigen sollten. Und wer fährt mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper an all den Tätowierten vorbei? Na ja, es reicht ja auch, wenn andere meine ästhetischen Vorstellungen erfüllen, dann muss ich das nicht auch noch tun.

Bild-Schlagzeile: Samuel Koch feiert heimliche Hochzeit. Gaaanz heimlich. Nur Bild war dabei. Exklusiv wie ich bei Salep.

Interview in der Welt mit Gerd Krämer, der als Mercedes-Manager  vor 25 Jahren Michael Schumachers Weg in die Formel 1 geebnet hatte. Am Schluss die Frage, ob er Kontakt zu Schumacher habe. „Nein. Er wird von seiner Familie vollkommen abgeschirmt.“ Anschlussfrage: Wissen Sie, wie es ihm geht? „Er befindet sich in einer mehr als schwierigen Situation, und es braucht ein Wunder, um ihn wieder in der Öffentlichkeit zu sehen.“ Wär das war für „Ohne weitere Worte“? Eher nicht, denn womöglich fällt nicht jedem auf, dass da einer erst zugibt, keine Ahnung zu haben, wie es Schumi geht, um dann aber so viel zu wissen vorzugeben, dass es ein Wunder sei, wenn wir ihn noch einmal sehen sollten.

Aber das geht schon in Richtung Montagsthemen. Sonst noch nicht viel auf dem Zettel. Auch nicht im Kopf, obwohl der voll ist. Mit Infekt-Sekreten. Und Lee Marvin. I was boooorn under a wandering star … klingt fast besser als das Original.

Veröffentlicht von gw am 28. August 2016 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 28. August, 7.10 Uhr

Sonntag, 21. August, 10.30 Uhr

Es hat nicht nur geploppt, sondern auch geflutscht. Beim Schreiben der Momtagsthemen war ich dort, wo Sportler sind, wenn es so richtig läuft, und was auch Jogger kennen: im Flow. Leider war ich zu lange im Flow. Diesen Riemen von Kolumne kann ich meinen alten Jungs – und den jungen Jungs, die ich nicht mehr kenne – nicht zumuten, sie würde das Layout der ersten Sportseite verhauen. Also habe ich schon gekürzt und gekürzt. Ist immer noch zu lang, aber in ihrer momentanen Länge habe ich die Montagsthemen schon mal online gestellt (unter den Links rechts „gw-Beiträge Anstoß“). Jetzt versuche ich, mir noch ein paar Wörter, wenn möglich sogar ein paar Sätze abzuringen, was wegzuringen bedeutet, denn es gilt, die Kolumne noch einmal auszuwringen. Auf geht’s und das war’s für heute.

Veröffentlicht von gw am 21. August 2016 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 21. August, 10.30 Uhr

Sonntag, 21. August, 6.45 Uhr

Heute machen wir’s kurz. Mein Mail-Seismograph sagt mir, dass viele von Ihnen im Urlaub sind und Besseres zu tun haben als im Stein(es)bruch für die Kolumnen zu lesen. Andere aus Gießener Kern- und -Umland liegen noch Stadtfest-geschädigt (oder einfach so) im Bett. Andere Indikatoren habe ich nicht, will ich nicht haben. Klickzahlen kenne ich nicht, will ich nicht kennen, sie interessieren mich nicht. Sonst würde ich immer ein paar Begriffe einstreuen, auf die Suchmaschinen reagieren, zum Beispiel die hochdeutsche Version von „buien“. Dieses manische Wort ist kein manisches im üblichen Sinn, sondern das Manische ist ein historischer Gießener Vorstadt-Slang.

Aber während des Schreibens kommen die Ideen,  daher der Blog als Stein(es)bruch. Ein Satz blinkt und plingt im Kopf auf: „Im Keudor wird gekeuert.“ Denn vor einigen Minuten habe ich bei der Sichtung der Meldungen der Nacht wieder einmal vom „Medaillenkorridor“ gelesen, in dem deutschbürokratische Stubenhengste zu den Medaillen galoppieren wollten. Korridor sprach ich als Kind hessisch aus, dass der „Keudor“, also der Flur, „Korridor“ geschrieben wird, war mir lange Zeit nicht bewusst. Und „Keuern“ ist ein manisches Wort für „ärgern“, und zwar mächtig ärgern.

Rio bei Nacht: Ein wunderbarer Speerwurf, eine höchst ehrenvolle Fußball-Niederlage, die fast ein unbewusstes diplomatisches Meisterstück ist (ein Gauck-Nachfolger wird ja noch gesucht. Horst Hrubesch?), und zwei Olympiasieger, die stellvertretend für die sportlichen Probleme von Olympia stehen: Mo Farah als Repräsentant des Nike Oregon Projects (übrigens auch Matt Centrowitz) und Caster Semenya … aber über deren persönliches und das damit verbundene wettkampfsportliche Problem habe ich schon alles geschrieben, was ich dazu schreiben kann und will. Außerdem sagen das Bild und die Art ihres Gold-Laufs mehr als tausend Worte.

Noch ein Stichwort für die Montagsthemen: Höchstens 20 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer werden in zwei Wochen noch die Namen der Hälfte der deutschen Medaillengewinner aufsagen können (der Satz holpert noch, den muss ich später ebnen).

Auch die Anzeigenkampagne der Bundeswehr soll rein, auch die gekonnte Satire der taz dazu (ein Beispiel für Böhmermann, wie man elegante Schmäh-Gedichte bzw. Schmäh-Prosa schreibt), außerdem das übliche Olympia-Fazit, mit Worten, die ich seit 1992 jedes Mal geschrieben habe, die diesmal aber ergänzt werden müssen.

Soo kurz war‘ nun auch nicht.

 

Veröffentlicht von gw am 21. August 2016 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 21. August, 6.45 Uhr

Sonntag, 14. August, 7.30 Uhr

Eine Stunde verspätet, weil in Ergebnislisten, auf YouTube, in Online-Texten und bei den Nachrichtenagenturen den Olympia-Tag rekonstruiert. Aufreger natürlich: Harting. Wird es das große Bruder-Ding der nächsten Jahre? Was ist daran echt, was inszeniert?

Als ich zu Beginn der Saison beim Werfer-Meeting in Wiesbaden den „kleinen“ 2,07-m-Harting erstmals hautnah erlebte, dachte ich schon: Oh, der Junge hat was drauf. Und: Oh, der ist speziell. Ich wusste vorher nur, dass er angekündigt hatte, in dieser Saison keine Interviews zu geben. Das fand ich an sich angenehm, wenn sich einer den scheinbaren Zwängen des Gewerbes entzieht, denn es sind ja wirklich nur scheinbare. Kein Journalist hat das Recht, ein Interview zu bekommen, kein Athlet die Pflicht, ein Interview zu geben. Aber ich sah in Wiesbaden auch, dass Christoph Harting ein seltsames Gehabe pflegt. Als ob da einer cool und locker und unverwechselbar und ein echter Typ sein wolle, der diese Rolle aber untalentiert und verkrampft spielt. In der Theater-AG der Schule ein belächelter, in der großen Öffentlichkeit ein peinlicher Auftritt. Steckt in Hartings Gehampel mehr Arroganz oder mehr Unsicherheit? Und wie viel davon ist Absetzbewegung vom großen Bruder, dem jahrelang Erfolgreichen, in dessen Schatten er stand? Ich weiß es natürlich nicht. Aber wir werden es wohl in den nächsten Jahren erfahren. Auf dem Zettel für die Montagsthemen steht bisher nur ein Satzbrocken: verkrampftes Gehabe der Unsicherheit.

Die höhnisch-höfische Geste der Verneigung: Soll das ein Ritual werden? Na ja, Malachowski hat ein Ritual, das noch seltsamer ist. Vor jedem Wurf rupft e mächtig an seinem Gemächt. Gesagt hat er aber etwas Kluges: »Jeder hat so einen Harting in seinem Leben, an dem er sich abarbeitet. Ich habe zwei.«

Christoph Harting hat auch zwei: Robert und sich.

Der Trainer der beiden bringt es auf den Punkt: „Christoph muss aufpassen, dass er nicht frei dreht.“ Also zum Dollbohrer wird. Im Englischen gibt es den Ausdruck „loose cannon“ an Bord, eine schwere Kanone, die weggebrochen ist, hin und her schlittert und alles an Bord zerschlägt. Christoph Harting muss aufpassen, dass er nicht die „loose cannon“ an Bord seines Lebens wird (weia, welch ein verkrampft-lockeres Bild …).

Ich habe mal schnell nachgeschaut, ob ich die loose cannon richtig geschrieben und verstanden habe. Wikipedia:

In Englischen bezeichnet eine loose cannon (dt. eine unvertäute („lose, entfesselte“) Kanone) eine unberechenbare Person (Situation, Gegebenheit), von der eine reale und ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Der Begriff suggeriert auch, dass es besser wäre (oder notwendig ist), diese Person wirklich unter Kontrolle zu bekommen, ehe die drohende Katastrophe passiert.[32]

Der Begriff wird der Seemannssprache ab dem 17. Jahrhundert zugeschrieben, obwohl es keine Belege gibt, dass dieser Begriff bereits so früh verwendet wurde. Kriegsschiffe waren mit Kanonen ausgerüstet, die zum Transport und zur Ausrichtung durch Räder manövrierbar waren. Zur Sicherheit waren diese Kanonen vertäut, hatten aber Spiel, so dass die Taue den Rückstoss beim Abschuss abfangen konnten. Löste sich die Vertäuung, konnte die Kanone frei hin und her rollen und dabei Aufbauten beschädigen und Personen verletzen.

Es wird angenommen, dass diese Gefahr zuerst von Victor Hugo 1874 in seinem Werk Quatre−vingt−treize[33] literarisch dargestellt wurde. Im zweiten Buch La Corvette Claymore beschreibt Hugo im Abschnitt IV. Tormentum Belli:

„Eine Kanone, die von ihren Standplatz ausbricht, wird plötzlich eine unbeschreibliche, übernatürliche Bestie. Es ist eine Maschine, die sich in ein Monster verwandelt. Diese Masse bewegt sich auf ihren Rädern, einer Billardkugel gleich, den Kopf gesenkt, schlingernd, vorwärts hechtend mit den Stampfen des Schiffes, sie kommt und geht, hält an, scheint nachzudenken, nimmt ihren Lauf wieder auf, überquert das Schiff pfeilschnell von einem Ende zum anderen, dreht sich, bricht seitlich aus, entweicht, bäumt sich auf, verletzt, bricht durch, tötet, vernichtet.[34]

Henry Kingsley griff dieses Bild in seiner Novelle Number Seventeen[35] (1875) auf: „Natürlich sofort war das Schiff in einem Wellental, eine weit schrecklichere, gefährliche Zerstörungsmaschine als die berühmte entfesselte Kanone von Herrn Victor Hugo.“[36][37] 1889 erschien die loose cannon als Metapher in einer amerikanischen Zeitung.[35][

 

Dazu stieß ich unter „Kanone“ auf viele schöne Ausdrücke, von Kanonenfutter bis Kanonenangst. Vielleicht ein Anstoß für die Montagsthemen. Aber jetzt kommt erst mal KKKK.

 

Veröffentlicht von gw am 14. August 2016 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 14. August, 7.30 Uhr

Sonntag, 7. August, 11.30 Uhr

Montagsthemen geschrieben, stehen schon online (für neu Hinzulesende: Link rechts unter „gw-Beiträge Anstoß“). Gefühl: so lala. Mal wieder das schriftlich getan, was mir mündlich nie passiert: verplaudert. Redselig bin ich unschriftlich eher wie Katsche (siehe Erwähnung in den Montagsthemen).

Nachteil (oder Vorteil? Was weiß denn ich?!): Nur einen Bruchteil vom Themenzettel untergebracht. Dabei habe ich mich auf meine Grimmsche Besserwisserei über den Putsch gefreut. Kommt aber noch. Demnächst. Auch Semenya/Chand und der US-Propagandafilm kommen noch. Daran muss aber viel gefeilt werden. Mit jedem der beiden Themen könnte ich Serien von Kolumnen füllen. Aber wer will das lesen? Die Kurzfassung, wenn sie denn lesbar und informativ sein soll, kostet viel mehr Zeit als das ungekürzte Schreiben.

Seit halb sieben sind die Jalousien runter. Es blendet zu sehr. Beim schreiben. Fürs Radfahren scheint das Wetter blendend zu werden. Kurze, knackige Tour mit dem Treckingrad, bergruff un runner und ruff un runner? Da grüßen die anderen Rad-Silberrücken auf ihren Rennrädern, da gehöre ich noch dazu. Oder gemütlich mit dem Pedelec eine 50-km-Runde? Da gibt es nur verächtliche Blicke hinunter zu meinem Akku. Ach was, ihr Neu- und Spätsportler, was juckt mich eure Geringschätzung! „KIA KAHA!“, sag ich mir. Stay strong! Außerdem gibt die KKKK-Mitradlerin sowieso vor, mit welchem Rad wir fahren.

Sowieso? Habe ich das Wort heute nicht schon ein- bis zweimal geschrieben? Und in letzter Zeit inflationär? Daran muss ich arbeiten. Jetzt ist Schluss mit Schreiben, jetzt kommt das nächste Sonntagsvergnügen. Ja, der Frühsonntagsmorgenblog ist auch eines. Sowieso.

 

Veröffentlicht von gw am 7. August 2016 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 7. August, 11.30 Uhr