Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 1. August)

Nachdem nur in Hockenheim die Motoren dröhnten (und deutschlandweit im Stau tuckerten), stehen die sportlich bemerkenswerten Nachrichten nicht in belanglosen Testspiel-Schlagzeilen, sondern weit hinten in den Kurzmeldungen. Diese hier, mein »Das ist ja ein Ding!« des Wochenendes, finde ich sogar nur in einem Leichtathletik-Fachportal: »Dominik Illovszky schnellster 14-Jähriger aller Zeiten.« Der Junge wird Zweiter der ungarischen Männer-Meisterschaften über 100 Meter. In 10,59 Sekunden! Unglaublich. Trend der Zeit: Immer jünger, immer besser, immer weniger Kind. Wenn ich mich richtig erinnere, durften wir als 14-Jährige noch gar keine 100 Meter laufen, sondern nur 75 Meter. Da war ich sogar ein paar Zehntel schneller als Dominik und nur unwesentlich langsamer als Usain Bolt. Diese beiden allerdings laufen 25 Meter mehr. Mal sehen, wie schnell Dominik in fünf Jahren sprintet. 8,5? Oder eher 10,4? Oder gar nicht mehr?
*
Bastian Schweinsteiger ist erst 31, ein Alter, das früher als das beste für einen Fußballer galt. Jetzt hat er ein paar Wochen zu spät seinen Rücktritt verkündet. Vielleicht sogar zwei Jahre zu spät. Der WM-Titel wäre der ideale Moment des Abschieds gewesen. Dennoch hat er Dominik wahrhaft Weltbewegendes voraus. Von ihm wird nicht das kuriose Altherren-Handspiel von 2016 die kollektive Erinnerung beherrschen, sondern das ikonische Bild des heldenhaften WM-Kämpfers von 2014.
*

Bei Dominik wird es womöglich nicht einmal der Nachname unfallfrei in eine  Schlagzeile schaffen. Na ja, auch mit Schweinsteiger hatten  ausländische Reporter ihren Schaff’. Aus einer japanischen WM-Reportage von 2006: »Diesen  Spieler kann kein Mensch aussprechen … Shi-wai-nu-shi-tai-gari. Nennen wir ihn einfach Das Lachsgesicht mit der Bürste auf dem Kopf.«
*
Mittlerweile ist »Schweinsteiger« sogar in Japan ein Begriff, auch ohne »Lachsgesicht«. Noch kein Begriff in England ist der Name Loris Karius. Der ehemalige Mainzer Torhüter sollte in Klopps Liverpool die Nummer eins werden, brach sich aber in einem Testspiel die Hand und wird ein Vierteljahr ausfallen. Dies ist die viel wichtigere Meldung als die Siege von FCB und BVB in den USA gegen Mailand (Inter bzw. AC). Beide Ergebnisse kann man getrost in den Sack Mais packen, der in Amerika umfällt.
*
Dennoch erfüllen die Spiele dort drüben ihren gewollten ökonomischen Zweck. Das 4:1 der Bayern übererfüllt ihn sogar, denn dass US-Nationalspieler Julian Green in den USA gleich drei Tore schießt, wirkt wie eine überzogene Good-Will-Aktion. Man kann die PR auch übertreiben.
*
Kleiner Scherz. Aber Stichwort Überoptimierung: Der Trend der Zeit sucht sich immer aberwitzigere Körperideale. Dass junge Mädchen aussehen wollen/sollen wie klapprige Kleiderbügel, diese von den Klums der Castingwelt geforderte und geförderte Eintrittskarte in die große, weite, bunte Promiwelt (im Idealfall sogar bis auf die Spielerfrauenbank) … ach was, wer sich darüber noch aufregt, ist so was von »old fashion«. Aber jetzt: Kaum freue ich mich, dass der »Thigh Gap«-Wahn aus der Mode gekommen ist, schon ist der neue Hype da: »Ab Crack«. »Thigh Gap«, das war das Nonplusultra der möglichst großen Lücke zwischen den Oberschenkeln. Um schlüpfrigen Gedanken vorzubeugen: bei geschlossenen Beinen. Böse Jungs stöhnten dann bei besonders ausgeprägtem »Thigh Gap« gequält  auf: »Da passt ja ein Laib Brot durch!« Und nun »Ab Crack«. Das ist eine möglichst tiefe senkrechte Spalte von Brustbein bis Nabel in der Mitte des »Sixpacks«. Für die Mädels das neue Muss. Arme Dinger. Spielt meinetwegen lieber mit den Pokemon-Monsterchen, als eure Körper zu Spielfiguren der Hype-Industrie machen zu lassen!
*
Aber auf mich hört ja keiner. Auch vor dem »Cupping« warne ich vergeblich. Das soll Sportlermuskeln weich und geschmeidig machen. Auch Schwimm-Übergröße Michael Phelps praktiziert das »Cupping«, bei dem auf die Muskeln Gläser gesetzt werden, in denen Unterdruck herrscht. Ein alter Hut. Bei mir eine sehr alte Milchflasche. Als Junge saugte ich nicht nur die letzten Milchtropfen aus der Flasche, sondern immer weiter, bis ich die Literflasche wie einen Rüssel an den Lippen hängen hatte. Ein paar Mal damit elefantenmäßig gebaumelt, dann die Flasche abgeploppt – in den Spiegel geschaut und ein Monster gesehen, dem ein wahnsinniger Schönheitsguru zehn Liter Botox in die Lippen gespritzt hat. – Liebe Kinder, gebt fein acht, denn ich muss nun unbedingt die Warnung wiederholen, die im US-Fernsehen bei Wrestling-Sendungen eingeblendet wird: »Don’t try this at home!« Bitte nicht zu Hause nachmachen! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle