Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 30. Juli)

Endlich paddele ich wieder einmal gegen den Strom. Dachte schon, das Mitschwimmen im Mainstream sei eine Alterskrankheit der milden Art. Also: Der Olympia-Ausschluss bisher unbescholtener Weltklassesportler – wie die Stabhoch-Weltrekordlerin Isinbajewa – ist ein unsportliches Unding, und Bachs Verzicht auf eine kollektive Verbannung der Russen verdient höchstes Lob und keine Verunglimpfung.
*
Thomas Bach hat schon einmal Mut vor Königsthronen bewiesen, als der Fechter und Aktivensprecher mannhaft gegen den Boykott von 1980 kämpfte und vom deutschen Boykott-Betreiber Helmut Schmidt persönlich abgebügelt und -gebürstet wurde. Heute sitzt nicht der damalige Kanzler auf dem Königsthron, sondern die vereinte deutsche Medienmacht.
*
Natürlich gibt es keine vernünftigen Zweifel, dass die Russen alles das getan haben, was ihnen vorgeworfen wird, und wahrscheinlich noch viel mehr. Aber das, was die Russen getan haben, taten und tun im Endeffekt alle, und wer das nicht glaubt, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Denn gedopt wird überall, oft auf unverschämteste Weise. Aber nachweisliches Staatsdoping gibt es nur in autokratischen Systemen und nur, wenn Überläufer whistleblowen. Dann ist eben Putin der böse Drahtzieher, während bei uns Telekom, Festina oder Nike natürlich nicht die geringste Ahnung haben, was unter und in ihren Namen getan wird. So gesehen hätte man Russland nicht des Staatsdopings anklagen sollen, sondern wegen des »falschen« gesellschaftlichen Systems. Das wäre wenigstens ehrlich gewesen.
*
Dass in den »richtigen« Systemen nicht nur Konzerne, sondern auch Verbände und Regierungsorganisationen beim Doping mitmischen (lassen), dafür gibt es genügend Anhaltspunkte von Deutschland aus weltweit über Spanien bis in die USA. Über viele von ihnen habe ich über die Jahre hinweg in dieser Kolumne geschrieben. Nur ein Beispiel: Einer der größten Olympioniken aller Zeiten hätte gar nicht an den Spielen teilnehmen dürfen und in Schimpf und Schande aus des Sportes heiligen Hallen verstoßen werden müssen. Aber sein nationaler Verband kehrte mehrere positive Dopingproben einfach unter den Teppich.
*
Aber was rege ich mich auf. Es gibt doch viel wichtigere Themen. Haben Sie den frisch gestylten Lionel Messi gesehen? Krass blondiert wie ein männlicher Blondinenwitz, dazu grausam vertätowiert und auf den Trend zum Vollbart gesprungen, sieht der außergewöhnliche und bisher auch außergewöhnlich normal wirkende Megastar aus wie die   Karikatur des ganz gewöhnlichen geschmacksverirrten Fußballprofis. Erinnern Sie sich an die Panini-Bildchen früherer Jahrzehnte? Da sahen alle gleich aus und aus heutiger Sicht gleich lächerlich. Irgendwo habe ich gelesen, wenn sogar Messi sich derart verhunzt, darf man sich nicht wundern, wenn Philipp Lahm  mit Vokuhila auftaucht.
*
Und schon wieder gibt es einen späten Bonus-Punkt für Cristiano Ronaldo. Glattrasiert statt Vollbart, Kurzhaarschnitt statt Irokesen- oder sonstiger Kopfhaarverirrung, kein einziges Tattoo (»Ich habe keine, weil ich sehr oft Blut spende«),  denn nach dem Stechen eines Tattoos darf man erst nach einigen Monaten wieder Blut spenden. Wenn man dann noch weiß, dass Ronaldo auch als Knochenmarkspender registriert ist, verzeiht man ihm alle Kindergarten-Mätzchen auf dem Fußball-Spielplatz.
*
Mit wem begann der Styling-Wahn im Fußball? Natürlich mit David Beckham. Ihm nähern wir uns mit Philip Kerrs Fußball-Krimi »Die Hand Gottes«. Kerr versteht etwas vom Fußball und lässt seinen Protagonisten schimpfen: »Ich hasse die WM …« – wahlweise: EM 2016 – » … weil dort fast immer nur Scheißfußball gespielt wird, weil die Schiris nichts taugen, wegen der dämlichen Maskottchen, wegen der ganzen Schwalbenkünstler und natürlich wegen der Vollpfosten, die keine Ahnung vom Fußball haben, einem aber plötzlich mit ihrer kackdämlichen Meinung ein Ohr abkauen.«
*
Kerr mischt Fakten und Fiktion. Warum hat ManU-Trainer Ferguson seinen berühmten Schuh auf Beckham geschmissen? »Weil er sich beim Training geweigert hatte, die Strickmütze abzunehmen, damit seine neue Frisur nicht vorzeitig bekannt wurde.« Stimmt das wirklich? Fakt oder Fake? Hat Thierry Henry tatsächlich ein zwölf Meter hohes Aquarium, wie bei Kerr zu lesen? Alles ist möglich. Aber … ist DAS wirklich Lionel Messi?
*
Doch Deutschland diskutiert heute ein anderes Thema. 50 Jahre Wembley. Drin oder doch drin? (»nicht« gibt es nicht). Ich habe keine Meinung. Ich war im Sommer 66 per Anhalter durch die französische Galaxis unterwegs, beim Endspiel sur le pont d’Avignon und nicht vor dem Fernseher, und stellte mir als Teenager sowieso lebenswichtigere Fragen. Fragen, die länger überdauern  als die nach dem Wembley-Tor. Gerade in diesen Tagen stellen sie sich wieder. Nicht nur sinnsuchenden Teenagern. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle