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Zurück zu den Wurzeln (“Anstoß” vom 29. Juli)

In diesen unruhigen und unsicheren Zeiten würden wir gerne wenigstens im Sport alles auf Null stellen, zu den Wurzeln zurückkehren und uns auf die alten olympischen Ideale besinnen, die heute derart fies in den Schmutz gezogen werden. Also ohne Bach und Putin zurück nach Hellas, zur Wiege der Demokratie, der Geburtsstätte der Olympischen Spiele!
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Zeitreise. Wir schicken einen modernen Olympioniken zurück ins klassische Griechenland. Dort angekommen, erleidet er allerdings einen traumatischen Kulturschock, als er sieht, wie die Spartaner ihren Geburtenüberschuss in einer nahe gelegenen Schlucht entsorgen. Dass überzählige Babys zu den Grundnahrungsmitteln der peloponnesischen Fauna gehören, muss erst mal verdaut werden . . .
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Geschockt macht er sich vom rauen Sparta aus auf nach Athen, wo die Menschen edel, hilfreich und gut sind, und wo Demokratie wunderbar funktioniert. Aber warum funktioniert sie so wunderbar? Weil immer wieder mal ahnungslose Fremde wie unser Olympionike daherspazieren und von den Athenern geschnappt werden. Als Sklaven nehmen sie den Bürgern von Athen die grobe Arbeit ab. Je mehr Sklaven, desto mehr Spaß macht die Demokratie. Denn Demokratie gilt natürlich nicht für Sklaven, erst recht nicht für Frauen und deren tägliche Hausarbeit, wo kämen wir denn hin? Demokratie ist das Vorrecht des Herrn im Hause, nicht seines Gesindes.
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Soviel zum Thema klassische Demokratie. Wir beschützen unseren Olympioniken vor der Versklavung und teleportieren ihn direkt ins alte Olympia. Doch beim Olympischen Ur-Eid druckst er herum. Stimmt es, dass der Sieg alles, die Teilnahme nichts ist? Gibt es wirklich keine Silber- und Bronzemedaillen? Muss er eher sterben als verlieren zu dürfen? Warum heißt sein Trainer »paidotribes«? Bedeutet das nicht »Knabenschinder«?
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Dass und warum der Trainer so heißt, erfährt er schnell genug. Und dass er nur bei den Prolls beliebt ist, weiß er, nachdem er Euripides gelesen hat: »Es gibt zahllose Übel in Griechenland, doch nichts ist schlimmer als das Pack der Athleten. Ihr Training macht sie für ein normales Leben untauglich. Sie dienen nur ihren Kauwerkzeugen und sind Sklaven ihres Magens.«
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Apropos Magen: Unser Athlet muss in der Tat allerlei in sich hineinstopfen. Schon damals gab es viele Mittel, die wie Doping wirkten, aber kein Doping waren, weil es keine Dopinglisten gab. So hält er, ungedopt gedopt, allen Belastungen stand. Fast allen.
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Schon reichlich desillusioniert, bereitet er sich auf seinen Olympiastart vor, natürlich im Pankration, der urolympischsten Sportart. Der Pankration, der Allkampf, ähnelt dem heutigen Ultimate Fighting, das aber im Vergleich zum alten olympischen Vorbild eher etwas für Weicheier ist. Im Pankration war alles erlaubt. Man durfte dem Gegner die Nase eindrücken, ihm Arme und Beine brechen und bis zur Bewusstlosigkeit würgen. Es gab eigentlich nur eine Regel: Starb der Gegner, was nicht selten vorkam, bekam er posthum den Siegerkranz. Fair Play auf hellenisch.
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Aber diese Belastung wollen wir unserem Zeitreisenden nun doch nicht zumuten. Wir beamen ihn zurück, auch weil er an eine Gruppe von edlen, hochwohlgeborenen Männern geraten ist, die ihn aus den Fängen der Knabenschinder retten wollen. Diese Knabenfreunde waren gesellschaftlich voll anerkannt. Als einer von ihnen unseren jungen, knackigen Olympia-Knaben zu seinem Lustsklaven machen will und im Verweigerungsfall mit der Schlucht von Sparta droht, holen wir den Jungen zurück.
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In Rio wird er Gold für uns gewinnen. Denn er wird um sein Leben rennen. Wenn er nur Zweiter wird, das haben wir ihn wissen lassen, wird er ins klassische Olympia zurück geschickt.
Ohne Rückfahrkarte.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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