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Sonntag, 24. Juli, 6.30 Uhr

Die Angst vor Nachahmungstätern ist groß und berechtigt. Ein gestörter junger Mensch kann eine Großstadt lahmlegen, die GSG 9 einfliegen lassen und Weltschlagzeilen schreiben. Mit vergleichsweise wenig Aufwand, denn auch in Deutschland kommt man an Waffen, notfalls reicht ja auch eine Axt (für etwas kleinere Schlagzeilen allerdings, wenn ein Gleichgesinnter kurz darauf an eine Pistole kommt).

Was kann man dagegen tun? Und gegen alle die anderen Schreckenstaten unserer Zeit? Nichts, das ist die Botschaft. Es sind fast ausschließlich junge Männer, die dem Vernichtungswahn verfallen. Auch ihr persönlicher Hintergrund ähnelt sich, sie schwanken zwischen Depression und Größenwahn, fühlen sich nicht anerkannt, ausgegrenzt, oft gemobbt … und dann schwimmt in ihrem Gefühlschaos ein Strohhalm daher, verspricht irgendwas zwischen 70 Jungfrauen und Warholscher 15-Minuten-Weltberühmtheit … und dann geschieht bei 99,999 Prozent dieser Jugendlichen bzw. Fast-noch-Jugendlichen … gar nichts. Denn das, was sie erleben und fühlen, ist völlig normal, gehört zum persönlichen Entwicklungsprozess und bleibt für die anderen folgenlos. Aber der verschwindend geringe Prozentsatz, der so verblendet ist, von sich und von Strohhalmen (auch IS ist einer), und derart empathielos, dass er sein Leiden an der Welt wichtiger nimmt als das Leben seiner Mitmenschen, dieser verschwindend geringe Prozentsatz produziert aber in absoluten Zahlen genügend Täter und Nachahmungstäter, um die Welt in Atem zu halten.

Irgendwo in meinem aktuellen Lektürestapel, in dem ich Materialbausteine für die Kolumnen sammele, habe ich gelesen, dass Joseph Conrad 1908 in seinem Roman “Der Geheimagent” (habe ich leider nicht gelesen) geschrieben hat, die Hauptcharakterzüge, die zum Terrorismus führen, seien Eitelkeit und Faulheit. Da ist hundert Jahre später mehr als nur etwas dran. Ich möchte nur ergänzen: Hinzu kommt die moderne Form der Empathie, die für sich selbst alles Mitfühlen beansprucht und für andere wenig bis nichts übrig lässt. Dazu kommt noch das, was ich in einer frühen Kolumne, als es diese Amokläufe und Terrorattacken noch gar nicht gab (die sich als Möglichkeit aber schon abgezeichnet hatten), als innere Verwahrlosung bezeichnet habe. Wozu auch die gefühlsrohen und dennoch – oder daher? – so beliebten Ballerspiele gehören, auch die “dank” Internet auch für Kinder frei verfügbare und ekelhafteste  Pornographie.

Faulheit und Eitelkeit: Weltbekannt werden, ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Hätte Conrad geahnt, dass dies hundert Jahre später fast als allgemein anerkannter Lebenssinn gelten würde (Castingsshows leben davon, der Model-Wunschtraum sowieso), er hätte schon seinen frühen Roman und nicht die Apocalypse now-Vorlage mit den Worten enden lassen: “Das Grauen, das Grauen …”

……

Seit ich diesen Satz geschrieben habe, sind ein paar Minuten vergangen. Ich wollte nur mal kurz ins eigene Archiv klicken, weil mir der Romantitel nicht eingefallen ist, ich mich aber daran erinnerte, dass ich für meine Bücherseite in der Wochenend-Beilage vor Jahren eine Conrad-Neuauflage gelesen und besprochen  habe (ja, “meine” Bücherseite, auch die ist ein Baby von mir, das schon lange bei Pflegeeltern lebt, wie die “Nach-Lese”, der “Meinungstreff” u.a.). Dann las ich mich aber fest in meinem eigenen, Text aus dem Jahr 2005, dessen Inhalt ich total vergessen hatte. Vielleicht interessiert sie die alte Rezension ebenfalls:

 

 

»Das Grauen! Das Grauen

Eine irritierende Wiederentdeckung des berühmten Joseph-Conrad-Romans
 

Gelesen mit zwölf oder dreizehn, als düsteren Abenteuerroman. Vage Erinnerung: unheimlich, aber nicht übermäßig spannend. Kein Vergleich mit Karl May. Später nie mehr im, sondern nur noch über den Roman gelesen. Assoziationen heute: Afrika, Dschungel, kafkaesk; Freuds helle Freud; Reise ins eigene Innere; Warten auf Godot; Apocalypse now, Marlon Brando, The Doors, Jim Morrison: This is the end, my friend; magisch-eindringliche Hubschrauberrotoren . . . Hubschrauber im Dschungel, gegen Ende des 19. Jahrhunderts? Man sollte »Herz der Finsternis« wohl doch noch einmal lesen, unter all diesen sekundärliterarisch, filmisch oder popmusikalisch bedingten Verschüttungen den berühmten Roman von Joseph Conrad wieder pur entdecken. Lesen also. Zwei Tage später (der Roman ist Kurtz, kleiner Scherz): Es war kein reines Lese-Vergnügen. Eher: ein Lese-Muss. Vorherrschender Eindruck: Um Himmels willen, welch ein rassistisches Buch! Da fährt Kapitän Marlow auf der Suche nach dem legendären Elfenbeinhändler Kurtz mit dem Schiff flussauf in den Dschungel, mitten ins Herz der Finsternis. »Und zwischendurch musste ich noch nach dem Wilden sehen, der unser Heizer war. Ihn zu betrachten war so erbauend wie einem dressierten Hund in Kniebundhosen und Federhut zuzusehen, der auf den Hinterbeinen läuft.« »Spitz gefeilte Zähne hatte er auch, der arme Teufel«, »auf jeder Wange drei Narben zur Zierde« und »ein poliertes Stück Knochen flach in seiner Unterlippe«. »Er hätte am Ufer sein sollen, in die Hände klatschen und mit den Füßen stampfen, doch statt dessen war er hier, hart bei der Arbeit, ein Knecht des fremden Hexenwerks (…) Er war nützlich, und was er wusste war folgendes – dass, falls Wasser in dem durchsichtigen Ding verschwand, der böse Kesselgeist vor lauter Durst in Zorn geraten und furchtbar Rache nehmen würde. Also schwitzte der Bursche und heizte und beobachtete ängstlich das Glas.« Für Marlow »das Schlimmste daran«: »Der Verdacht, dass sie nicht unmenschlich waren.« »Sie heulten und sprangen und drehten sich und schnitten schreckliche Fratzen, doch was einen packte, das war exakt der Gedanke an deine entfernte Verwandtschaft mit dieser wilden, leidenschaftlichen Raserei.« Den Text, und es gibt viele ähnliche Stellen, hätte man mal bei Live 8 singen sollen . . . Kein Wunder, dass Afrikaner, die den Roman im späten 20. Jahrhundert lasen, entsetzt waren von dem darin enthaltenen Rassismus (Chinua Achebe: »Ein Bild von Afrika. Rassismus in Conrads >Herz der Finsternis<«). Die Weißen kommen bei Conrad zwar auch nicht viel besser weg, doch man muss nicht unbedingt »political correct« sein, um den üblen rassistischen Grundton zu missbilligen. Diese Menschenverachtung spürt doch jedes Kind! Aber warum hat man es selbst nicht gespürt, damals, sogar als nur noch halbes Kind, bei der Erstlektüre? Irritierend. Tobias Döring schreibt in seinem Nachwort, »dass >Herz der Finsternis< weiterhin ein Schlüsseltext bleibt, um unbegriffene Wirklichkeiten zu erkunden«. Doch wo, was, wer ist der Schlüssel? Kurtz? In »Apocalypse now«, Coppolas filmischer und in den Vietnam-Krieg verlegten Version des Romans, spielt Marlon Brando den Kurtz. Monumental. Der Kurtz des Romans dagegen bleibt vage, kommt kaum vor, ist vor allem Gesprächsthema für Marlow und einige der sinistren Figuren, mit denen er es zu tun bekommt. Überlebensgroß, gefährlich, undurchschaubar und größenwahnsinnig erscheint Kurtz im Raunen der ihn furchtsam und dennoch erwartungsvoll Suchenden. Sie warten nicht auf Godot, sie fahren zu ihm. »Alles gehörte ihm – doch das war unerheblich. Vielmehr ging es um die Frage, wem er gehörte, welche Mächte der Finsternis ihn für sich beanspruchten.« Später, in Europa, erklärt ein Journalist dem zurückgekehrten Marlow, »dass Kurtz’ eigentliche Sphäre die Politik hätte sein sollen, eine >populistische<«. Denn: »Wie der Mann reden konnte! Er konnte große Versammlungen elektrisieren. (…) Und er konnte sich dazu bringen, alles zu glauben – alles. Er wäre der hervorragende Führer einer radikalen Partei geworden.« Die Plattitüde des Hinweises auf Ähnlichkeiten in unserer Zeit ersparen wir uns und begnügen uns mit Conrads zeitloser Diagnose: »Laut hallte es in ihm wider, denn er war im Innern hohl.« Viel mehr ist an Kurtz nicht dran. An allen Kurtzens nicht. Als sie Kurtz finden und todkrank an Bord bringen, lebt er nur noch ein paar Stunden. Marlow ist bei ihm, als er stirbt: »Zweimal rief er, ein Schrei, der kaum mehr war als ein Hauch: >Das Grauen! Das Grauen!<« In »Herz der Finsternis« steckt auch das eigene Grauen Conrads, der sich 1891 auf einer Reise in den Kongo schwerwiegende Gesundheitsschäden zuzog, so dass er danach nie mehr seiner Leidenschaft, dem Reisen, nachgehen konnte. Wenn die Reise in das »Herz der Finsternis« ein Spiegelbild der Abgründe der eigenen Seele ist, dann aber doch wohl vor allem der Conradschen Seele. Auch scheint die Distanz des Autors zu Marlow zu gering, um den Rassismus nur in der Figur und nicht auch in ihrem Schöpfer zu vermuten. Dennoch: Gut, den berühmten Roman noch einmal gelesen zu haben. Manche Bücher muss man halt einfach lesen, auch wenn sie nicht nur faszinieren, sondern auch irritieren und zum Teil sogar abstoßen. (gw

Zurück in die Gegenwart des 24. Julis 2016, mittlerweile um viertel nach sieben. Langsam muss ich ans übliche Procedere kommen, zu den Präliminarien (schriebe ich dieses Wort für die Zeitungskolumne, würde ich nachprüfen, ob es richtig geschrieben ist; oder würde es lieber gar nicht schreiben) vor den “Montagsthemen”: Stichworte aus dem Stein(es)bruch des Blogs und den Notizen des abgearbeiteten (nee, ist ja freudvolles Tun, also:) des abgelesenen Lektüre-Stapels untereinander aufreihen, um sie später miteinander zu verbinden bzw. die meisten zu streichen, dann KKKK mit FAS und Wochenend-SZ langsam zu den Montagsthemen übergehen. Mal sehen, was jetzt schon auf dem Zettel steht: Crossfit-WM und Glock / Gomez-Hochzeit / Rebrik (als dritte makabre Neben-Geschichte zu Welt-Problemen) / Testosteron (zu Faulheit und Eitelkeit) / Hitlers Ansprache im Weltraum / das urdeutsche Wort “Putsch2 / Grüßt mir die Ägäis / Testspiele / Don McLean hat seine Frau misshandelt … bye, bye miss american pie. Bis dann!

Baumhausbeichte - Novelle