Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 25. Juli)

Auf der Bühne des Sports wird das Stück »Russland« gespielt – als Lehrstück, Schwank oder Tragödie? Wie es euch gefällt. Hinter den Kulissen geht es drunter und drüber, aber fernab von diesem absurden Theater wird für echte sportliche Aufführungen geprobt. Wie in den Trainingsspielen der Bundesligisten und beim Rio-Test der Leichtathleten in London.
*
Die Testspiele geben keine Fingerzeige für die Saison. Jedenfalls uns Außenstehenden nicht. Nur der jeweilige Trainerstab und einige wenige methodisch interessierte Spieler wissen, wo sie stehen. Der Rest liest in Testspielen dieser Trainingsphase wie im Kaffeesatz. Die Rio-Generalprobe in London ist da schon eher interpretierbar. Drei Beispiele: Mit Usain Bolt reimt sich Jamaica wieder auf Gold, Mo Farah bleibt das Synonym für »Nike Oregon Project« und David Storl ein solches für die deutsche Wohlfühl-Oase. Drei Themen, deren Vertiefung hier viel zu weit führen würde. Außerdem bleibt bei Storl die Hoffnung, dass sich einzigartiges Talent nicht völlig einlullen lässt.
*
Alles hängt mit allem zusammen, bei Bolt, Farah und Storl wie bei Gomez, Rebrik und der Crossfit-WM. – Gomez? Klar, Mario. Rebrik? Vorname Wera. Crossfit-WM? Glock!
*
Dreifach makabrer Bezug zu den Schrecken der Zeit: Mario Gomez flieht wegen der Gewalt aus Istanbul, heiratet am Freitag in München – und sagt am Abend die Hochzeitsparty ab, alle Gäste mussten in ihren Hotels bleiben, der Gewalt  wegen.
*
Wera Rebrik aus Jalta auf der Krim, 2012 in Helsinki Speerwurf-Europameisterin für die Ukraine, entscheidet sich nach dem Referendum für Russland und muss daher nach Lage der Dinge (Stand: Sonntag, High Noon) auf Olympia in Rio verzichten. Das Groteske im Absurden (oder umgekehrt): Der ukrainische Verband lässt sich von den Russen das Startrecht für Rebrik für 150 000 Dollar abkaufen, sollte aber nicht wegen des »money for nothing« frohlocken, sondern erkennen, dass er für ein paar Dollar mehr die russische Annexion der Krim durch die bzw. an der Hintertür anerkannt hat.
*
Mit der Crossfit-WM ist aber endgültig Schluss mit lustig. Zunächst einmal: Was ist das überhaupt? Ich wusste es nicht, weil ich mich für alle künstlich herbeigeführten (= PR) Trends nicht interessiere, die zudem oft auf stinknormalem Zirkeltraining basieren. Daher fragte ich Wikipedia: CrossFit ist eine Fitnesstrainingsmethode und zugleich ein Wettkampfsport, der von dem gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmen vertrieben wird und Gewichtheben, Sprinten, Eigengewichtsübungen sowie Turnen miteinander verbindet. – Aha! Aber jetzt kommt’s: Neben sechsstelligen Dollarprämien bekommen alle Sieger der WM je eine Glock. Also eine Pistole der Marke, mit der der gestörte Mörderjunge von München – und auch dessen norwegisches Vorbild – geschossen hat. Beider Namen sollten keine Schlagzeilen schreiben, die ihrer Taten sind übergenug.
*
Joseph Conrad hat vor hundert Jahren in seinem Roman »Der Geheimagent« geschrieben, die Hauptcharakterzüge, die zum Terrorismus führten, seien Eitelkeit und Faulheit. Da ist heute mehr als nur etwas dran. Dazu kommt noch das, was ich  in einer frühen Kolumne als innere Verwahrlosung bezeichnet habe. Wozu auch  gefühlsrohe  Ballerspiele gehören, auch die »dank« Internet  frei verfügbare  Pornografie ekelhaftester Art. – Klar,  das Internet ist nicht an allem schuld, die Gründe sind  komplexer. Im Blog  »Sport, Gott & die Welt« versuche  ich darauf einzugehen. Im Internet natürlich …
*
Faulheit und Eitelkeit: Weltbekannt werden, ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Hat Conrad geahnt, dass dies hundert Jahre später fast als allgemein anerkannter Lebenssinn gelten würde (Castingshows leben davon, der Model-Wunschtraum sowieso), als er dem mysteriösen Dschungel-Herrscher Kurtz in der »Apocalypse now«-Vorlage »Herz der Finsternis« die letzten Worte in den Mund legte: »Das Grauen, das Grauen …«
*
Im Herzen der Finsternis« lesen wir auch über Kurtz: »Wie der Mann reden konnte! Er wäre der hervorragende Führer einer radikalen Partei geworden.« Den platten Verweis auf Ähnlichkeiten in unserer Zeit erspare ich mir und Ihnen und begnüge mich mit Conrads zeitloser Diagnose: »Laut hallte es in ihm wider, denn er war im Innern hohl.« Aber das ist ein ganz anderes … nein, das ist kein anderes Thema. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle