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Sport-Stammtisch (vom 23. Juli)

Wo anfangen? Dass der Ausschluss nichts als ein Boykott der anderen Art wäre, genauso sinnvoll oder sinnlos wie die Boykotte von 1980 oder 1984? Dass Sommer-Olympia nichts mit Winterspielen zu tun hat, Sotschi also keine Rio-Strafen rechtfertigt? Dass Doping weltweit systemimmanent ist und der Unterschied nur, dass Autokraten zentralistisch dopen lassen und in unserem gesellschaftlichen System Kleingruppen wie das Team Springstein, das Team Telekom oder das Team Freiburg (oder die Teams Armstrong, Balco, Fuentes, Salazar usw. usw.) eigenverantwortlich handeln? Dass Russland überall ist und Sport, echter Sport, nur ein Phänomen des 20. Jahrhunderts war? Dass er mit Regeln begann, weil wettende englische Gentlemen ihre Boxer nicht totgeschlagen, sondern zur Weiterverwendung benötigten, und dass er mit Regeln endet, die niemand einhält, der erfolgreich sein will? Ich könnte noch jede Menge derartiger Fragen stellen und alle ausführlichst beantworten – aber das habe ich schon zu oft gemacht.
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Dass ich nicht mehr mitdiskutieren will, zum Beispiel über das Clever-Doping stützende, Armuts- und Dummheits-Doping bestrafende und rechtlich absurde Anti-Doping-Gesetz, liegt nicht an Resignation, sondern an ermattetem Interesse. Die Sache ist verfahren, die Diskussion verlogen, der Sport am Ende. Ob mit oder ohne Russen, Rio wird »die gedoptesten Olympischen Spiele aller Zeiten« erleben (Perikles Simon, Mainzer Sportmediziner und Doping-Kenner). Ein Rekord, der nur vier Jahre halten wird.
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»Auch Ihre jahrzehntelangen Versuche der Versachlichung (leider ohne allgemeine Akzeptanz) sind ins Leere gelaufen. Löblich ist Ihre in letzter Zeit doch eher deutliche Zurückhaltung«, schreibt Michael Müller (Staufenberg), dessen ausführliche und bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem Doping-Problem im Online-Ableger dieser Kolumne (»Sport, Gott & die Welt«, dort in der »Mailbox«) nachzulesen ist.
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»Löbliche Zurückhaltung« – daran will ich mich halten. Viel mehr als alle Doping-Heucheleien interessiert mich ja auch, wie heute in London das Aufeinandertreffen der drei Kugelstoß-»Systeme« Storl, Walsh und Kovacs endet. Storl: begnadetes Talent, aufgewachsen und behütet im deutschen Rundum-Sorglos-System. Walsh: Individualist aus Neuseeland, von Beruf Maurer und immer noch auf dem Bau arbeitend. Kovacs: Kraftkreisel aus dem Land der seit Armstrong nicht mehr ganz unbegrenzten Möglichkeiten.
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Oder Fußball-Bundesliga. Da drängen sich vor dem Saisonstart viele schöne Fragen auf, die wir lustvoll diskutieren können. Nicht nur die hessenpatriotische, ob Niko Kovac alle Hoffnungen erfüllt, die er im Saison-Endspurt geweckt hat. Zum Beispiel Borussia Dortmund: Viele verheißungsvolle Neuzugänge, vor allem in der Offensive. Nur einer davon in Frankfurt, er würde Eintracht-Fans in den Freudentaumel stürzen. Aber wo wollen und sollen die denn beim BVB alle spielen? So viele flinke Füße!
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Immer noch besser als zwei linke Füße. Wie die von Goethe, unserem Hessen aus der literarischen Champions League. Und damit zu einem ganz anderen Thema. Auf mich hört ja nicht nur beim Thema Doping niemand. Vor etwa drei Jahren stand ich im Frankfurter Städel ratlos vor einem sehr bekannten Gemälde. »Goethe in der römischen Campagna« von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Da liescht er, hingefläzt auf einer Bank, im weißen Gewand, das linke Bein locker auf der Bank ruhend, das rechte leicht gebeugt mit dem Fuß am Boden.
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Zwischenruf: Da »liescht« er hingefläzt, der alte Hesse Goethe? Wie auf dem Totenbett. Angeblich waren seine letzten Worte: »Mehr Licht«. Aber ich weiß auch das besser, denn Goethe wollte sagen: »Mer liescht … (hier so schlecht).«
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Alter Kalauer, ich weiß. Zurück zu Goethes Tischbeinen: Diese seltsamen Proportionen! Als wären die Beine falsch angeschraubt, das linke zudem seltsam unförmig und so viel länger als das rechte, dass er unmöglich mit diesen Gehwerkzeugen ohne Krücken laufen könnte. Ich machte eine mir nicht nur dort im Städel sehr nahestehende Dame auf das offenbar nur mir auffallende Proportions-Dilemma aufmerksam. Und was lese ich jetzt, Jahre später, in der FAZ: »Erst in jüngerer Zeit rückten die anatomischen Merkwürdigkeiten in den Fokus des Interesses« – die »beiden linken Füße«, das linke Bein »unnatürlich lang«, und dass »nicht nachvollziehbar ist, wie beide Beine unter dem Tuch mit dem Torso verbunden sind«. Sach ich doch! Hat mich damals jemand abgehört? Die Kultur-Mafia, die nun meine Entdeckung als die ihre verkauft? Ich klage heute mein Leid der mir Nahestehenden, und sie … kann sich nicht an meine Worte erinnern!
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Ich werde halt in jeder Beziehung verkannt, ob als Doping- oder als Goethe-Fachmann. Aber etwas könnt ihr mir alle glauben: Wenn die Eintracht-Neuen Goethes Füße hätten, wäre der Abstieg jetzt schon besiegelt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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