Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Bert und die Amsel (“Anstoß” vom 20. Juli mit Blog-Rückblick)

»Sport, Gott & die Welt« (www.anstoss-gw.de) begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Vierteljährlich veröffentlichen wir im »Anstoß« Auszüge. Heute – leicht verspätet – mit Fragmenten aus dem Blog von März bis Juli. Wie man liest, ist der Sonntagmorgen Haupt-Blogtag.
*****
Sonntag, 13. März: Mit einem Leser korrespondiert. »Waren Sie nicht ein sehr erfolgreicher Hürdenläufer?«, fragt er im P. S. seiner Mail. Nee, nee, antworte ich ihm. Der Hürdenläufer hieß Bert Steines, und als Junge habe ich immer mächtig angegeben, ich sei mit ihm verwandt. Stimmte aber nicht.
*
Sonntag, 20. März: Einer der Toten der letzten Tage: Lothar Späth. Ein wendiger, schlauer, listiger kleiner Mann. Und zuletzt dement gewesen, eine seltsame Vorstellung. Als Politiker umstritten und zusammen mit Geißler an Kohl gescheitert. In der Wirtschaft erfolgreich. Weiß man alles. Was nicht alle wissen: Klümper hatte gute Verbindungen zu ihm.
*
Ungetwittert: Der Urknall und das expandierende Weltall: Gottes Zaun für seine eingepferchte Herde. Auch für die schlauesten Schafe in ihr.
*
Freitag, 16. April: Ich glaube, ich habe soeben eine ziemlich einzigartige Kolumne geschrieben. Oder wird morgen irgendwo in Deutschland noch eine Wochenende-Kolumne ohne die Namen Klopp und Böhmermann erscheinen? Obwohl der eine zwischen den Zeilen gepriesen wird und der andere mir mit seinem »Ziegenficker« die Gelegenheit gibt, am Schluss noch einmal Gottfried Benns Stubenfliegen totzuklatschen.
*
Sonntag, 24. April: Im aktuellen »Spiegel« schreibt Uwe Buse die Titelgeschichte über Testosteron. Mit Selbstversuch. Den Autor habe ich kennengelernt, als er nach R.’s Tod die Titelgeschichte schrieb. Wir saßen damals bei »meinem« Griechen im »Boxer-Klub«, er wollte Information aus quasi erster Hand, ich wollte ihn unterschwellig so dirigieren, dass die Geschichte in meinem Sinne ausfiel (keine Doping-, sondern eine Gesellschaftssache). Hat nicht geklappt, jedenfalls nur in Ansätzen. Obwohl ich immer noch glaube und oft genug geschrieben habe, dass das Dopingproblem des Sports ein vergleichsweise kleines ist gegenüber dem gesamtgesellschaftlichen des Optimierungswahns, jener Bewegung, deren Speerspitze mein bester Freund gewesen ist. In Buses Text kommt das jetzt auch klar durch. Wäre ich ein Besserwisser, würde ich sagen: Siehste, ich hatte recht!
*
Sonntag, 8. Mai: In London wird ein Muslim Bürgermeister, das wird als exotische Ausnahme beschrieben, fast wie »Mann beißt Hund«. Dabei war und ist der Vorgänger des neuen Bürgermeisters der Exotischste von allen.
*
Sonntag, 22. Mai: Die armen Kollegen. Verlängerung, Elfmeterschießen, Redaktionsschluss für die bundesweite Ausgabe – ich habe das oft genug erlebt, die Hektik, das Rotieren, das Hantieren mit Ersatzartikeln für die jeweiligen Ausgaben mit unterschiedlichem Redaktionsschluss, der hochschießende Puls – und dann ist dennoch alles zu spät, nur die letzten Druckausgaben kriegen noch den Bericht vom Spiel mit, von dem man selbst, im Gegensatz zu seinen Lesern, in der anschwellenden Hektik so gut wie nichts mitgekriegt hat … und dann ist plötzlich Schluss, ausgepumpt hängt man in den Seilen, schlapp im Kopf, aber mit noch zwei, drei Stunden hämmerndem Puls. Zu Hause ist man immer noch aufgeputscht, zappt sinnlos herum (»Rrrruf mich an!« – gibt’s das immer noch?), und am Morgen liest man dann alle Fehler, die einem in der Nacht unterlaufen sind. Wie schön, jetzt Rentner zu sein.
*
Donnerstag, 14. Juli: Hatte ein paar Tage lang die Amsel nicht gesehen, die auf einem Balken oben im Geräteschuppen ein Nest gebaut hatte. Einmal kletterte ich vorsichtig auf eine Leiter und schaute hinein – schon reckten sich mir drei weit aufgesperrte Hälse entgegen. Wie im Tierfilm. War richtig gerührt und bin still verschwunden. Heute dachte ich, das lange Schweigen sei eine Indiz, dass die Brut flügge und verschwunden ist. Wieder hoch geklettert. Die drei Küken (heißt das so bei Amseln?) lagen noch im Nest. Tot. Ineinander verkrallt. Wohl verhungert. Beim Rasenmähen fand ich eine tote Amsel. Ob es die Mutter war? Und ihr Mörder eine unserer beiden Katzen?
*
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht / Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, / Das den großen Gedanken / Deiner Schöpfung noch einmal denkt. – Zürchersee. Von Klopstock. Vornehme Hessen sagen auch Klopfstock.
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht …? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle