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Montagsthemen (vom 18. Juli)

Wo sind alle die Sportler hin? Nur die Tour-Asse fahren noch unter den Augen der Öffentlichkeit, die sie aber doppelt misstrauisch beäugt. Zu den üblichen Verdächtigungen kommt jetzt noch das Motor-Doping. Wärmebildkameras sollen die Betrüger enttarnen. Aber ob es sie wirklich gibt? Epo war ein Massenphänomen, fast ein Fall von kollektiver Notwehr. Aber wer einen Minimotor im Rahmen versteckt, ist ein fieser Sportverbrecher. Ich wage zuversichtlich zu behaupten: Bei der Tour de France gibt es prozentual weniger von ihnen als in Deutschland frei herumlaufende Mehrfachmörder.
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Wobei zu relativieren ist: Elektroantrieb boomt bei uns, aber Pedelec-Fahrer sind keine Sportbetrüger, sondern Radgenießer. Bei Elektro-Autos ist der Boom dagegen ausgeblieben. »Experten fordern realistische Angaben zur Reichweite«, lese ich. Dazu meine Erfahrung mit dem Pedelec: Wenn es beim E-Auto ähnlich ist, sind die Angaben nicht bloß unrealistisch, sondern surrealistisch, denn wenn ich auf »Eco« fahre, wird die Reichweite scheinbar immer größer.
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Aber ich schweife ab. Noch einmal: Wo sind alle die Sportler hin? Ins Trainingslager natürlich. Rio ruft! Und auch der Innenminister ruft. Nach Medaillen. Ein Drittel mehr als in London müssen es schon sein. Bisher habe ich mich gefragt, ob dies ein Aufruf zum Doping ist, so wie in alten Zeiten: Mach es, und du wirst belohnt, mit Geld und Ruhm. Aber wehe, du lässt dich erwischen. Doch mittlerweile dämmert mir, dass es viel eleganter geht: Russen raus, und schon klappt’s mit den Medaillen.
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Und schon ertappe ich mich bei meinem Tabuthema. Da geht es mir wie Olaf Unverzagt, einem renommierten Fotografen, der schon viel beachtete Bildbände auch zum Thema Radfahren herausgebracht hat. Im FAS-Interview, zum Doping befragt, antwortet er: »Ich will dazu gar nicht viel sagen, außer dass mir die deutsche Scheinheiligkeit auf den Keks geht.« Aber dann sagt er dennoch viel. Ich kenn das ja.
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Das Doping-Problem ist unlösbar. Aber man kann wirkungsvoll etwas dagegen tun. Mit Taten statt Worten. Vor allem Olympia kann etwas tun. Zum Beispiel die Trainingslager: Viele Wochen vor den Spielen ziehen sich die Athleten freiwillig in abgeschiedenen Camps zurück. Warum nicht alle zusammen, an einem Ort? Im olympischen Dorf? Wie früher, im klassischen Olympia, wo die Teilnehmer aus kultischen Gründen lange vor dem Wettkampf anwesend sein mussten? Szenario: Das IOC modifiziert die Teilnahmebedingungen. Mitmachen darf nur, wer sechs Wochen vor Wettkampfbeginn im Olympischen Dorf eintrifft und das Areal nicht mehr verlässt. Zutritt haben nur Befugte, die gründlich kontrolliert werden. Die Olympia-Teilnehmer essen und trinken ausschließlich im olympischen Dorf. Falls medikamentöse Behandlung nötig ist, übernehmen IOC-Ärzte die Versorgung. Unter diesen Umständen gehen die Athleten mit größtmöglicher Chancengleichheit an den Start, denn die zuvor Gedopten werden von Tag zu Tag unsicherer, die auch vorher schon Sauberen täglich selbstbewusster. Das Wissen, nicht (mehr) dopen zu können, wirkt bei den Dopern als negativer, bei den sauberen Athleten als positiver Placebo-Effekt, der sich bis zum Wettkampftermin ständig steigert. *
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Sechs Wochen bei freier Kost und Logis, bester ärztlicher Versorgung, hervorragenden Trainingsbedingungen. Sechs Wochen, die man bisher so oder so ähnlich in Trainingslagern in aller Welt verbracht hat. Warum nicht? Fragte ich vor genau zehn Jahren an dieser Stelle. Der damalige DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach schrieb zurück: »Ich möchte Ihnen doch sagen, dass ich die Kolumne mit ebenso großem Interesse wie Vergnügen gelesen habe«. Nur eine freundliche Sportpolitiker-Floskel? Doch dann erfuhr ich, dass das DOSB-Präsidium den Vorschlag (»extravagante Idee«) immerhin diskutiert hat. Allerdings kam man, so die Pressemeldung, zur »Erkenntnis, dass eine Orientierung am ur-olympischen Vorbild unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr möglich ist. Aber eine gewisse Faszination geht davon aus.«
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Mich fasziniert die Idee immer noch. Den heutigen IOC-Präsidenten sicher weniger. Die Chancen auf Verwirklichung stehen ja auch ungefähr bei 0:123. Also so hoch, wie die Polizei kürzlich in Berlin den Häuserkampf gegen lebensverwöhnte Chaotenbürschelchen verloren hat. Einhundertdreiundzwanzig verletzte Polizisten! 1, 2, 3, welch schöne Keilerei. Zum Glück läuft momentan kein polizeiliches Austauschprogramm mit US-Cops. Oder mit russischen Polizisten. Putin-Berater Karaganow im Spiegel-Interview zur Silvesternacht in Köln: »Männer, die so etwas in Russland täten, würden umgebracht.« Aber das ist nun wirklich ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle