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Sport-Stammtisch (vom 16. Juli)

Deutschland verliert auch das EM-Finale mit 0:2. Diese Niederlage können wir allerdings etwas besser verkraften als jene im Halbfinale. Im Gegensatz zum Hauptsponsor der EM. Der leidet. Denn Nike (Portugal) traf auf Nike (Frankreich). Endspielergebnis also 2:0 gegen Adidas. Gemeinsamkeit von Bundestrainer Joachim Löw und Adidas-Chef Markus Baumann: Beide behaupten trotzig, dennoch die Nummer eins zu sein.
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Wenn es nach nackten Zahlen ginge, hätten die Motten im Stadion gewonnen. Siebenstellig zu fünfstellig. Motten? Natürlich nicht. Nachtfalter der Spezies Gamma-Eule waren es, wie uns der Insektenforscher Thomas Schmitt in der Süddeutschen Zeitung aufklärt. Endlich mal ein Experte nach all diesen »Experten«, der den Namen verdient!
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Und im Gegensatz uns, die wir herzlose »Du-kriegst-die-Motten«-Witzchen reißen, zeigt Thomas Schmitt Empathie für die Gamma-Eulen. Die werden von der elektrischen Bandenwerbung und dem Flutlicht angelockt und sterben im Stadion zu Millionen. Obwohl sie extrem wichtig sind, wie Thomas Schmitt weiß, »fast so wichtig wie die Bienen. Es gibt sehr viele Pflanzen, die von ihnen nachts bestäubt werden.« – Stimmt. Eine von ihnen hat in ihrer Verblendung sogar versucht, den weinenden Cristiano Ronaldo zu bestäuben.
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Thomas Schmitt? Was macht der eigentlich? Nicht der Insektenforscher, sondern der Kugelstoßer. Vor einem Jahr hatte er seine Bestleistung auf einen Schlag um sage und schreibe 2,28 Meter verbessert. 21,35 Meter – weiter als David Storl vorige Woche bei seinem EM-Titel. Seitdem stößt Schmitt 17-m-Weiten, zuletzt 16,99 m bei den deutschen Meisterschaften in Kassel. Seine 21,35 m werden in Fachkreisen mehr als nur bezweifelt. Schmitt und Augenzeugen beteuern aber, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei.
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Im Universum soll ja alles möglich sein. Man muss es nur oft genug versuchen, heißt es, mindestens fantastillionenmal, dann fällt auch ein Gegenstand, den man loslässt, einmal nicht nach unten, sondern er steigt nach oben. Sagen Fachleute. Oder Kugeln plumpsen nicht bei 17 m runter, sondern schweben scheinbar schwerelos über 21 m weit. Soll etwas mit zufälligen Massekonzentrationen zu tun haben. Oder so. Fragen Sie nicht mich, sondern die Experten.
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Manchmal gibt es einfache Erklärungen. Ich war Augenzeuge, als sich eine Frau plötzlich von 17 auf über 21 Meter steigerte. Bei einer EM stieß die damalige Kugelstoß-Weltrekordlerin aus der UdSSR (für Nachgeborene: Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) beim Aufwärmen mit der Männerkugel 17 Meter und dann im Wettkampf mit der Frauenkugel über 21 Meter. Fast möchte man hoffen, dass Thomas Schmitt in wahrer Gendermanier ebenfalls die Frauenkugel genommen hatte und sich seitdem über uns ins Fäustchen lacht. Denn tragisch wäre es, wenn ihm tatsächlich in einer Sternsekunde eine unerklärliche Lebensleistung gelungen wäre, die ihm niemand abnimmt.
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Warum gibt es überhaupt unterschiedliche Gewichte für Werferinnen und Werfer? Warum keinen männermordenden Zehnkampf für Frauen, sondern nur die Light-Version Siebenkampf? Warum protestiert keine der tausendundeinen Genderprofessorinnen gegen diese Diskriminierung? Der Sport, vor allem die Leichtathletik mit ihren objektiv messbaren Leistungen, wirft viele dieser unbequemen Fragen auf. Oder jene Olympiasiegerin, die aus dem Nichts kam und deren Weiblichkeit bezweifelt wurde. Nach intimsten Untersuchungen durfte sie weiterhin bei den Frauen starten, musste sich aber einer massiven Hormonkur unterziehen. Sie wurde quasi ins Frauliche abgeregelt und zeigte danach auch nur noch sehr frauliche Leistungen. In Rio gehört sie aber wieder zu den Favoriten, da nach Protesten die Abregelung wieder weggeregelt sein soll. Schwieriges Thema. Kann nur Haue geben.
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Kein schwieriges Thema mehr: dunkelhäutige Sportler und die technischen Disziplinen. »Die Nehscher könne hüppe, awwer ned schmeisse«, höhnte es nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Mittlerweile werden weiße Spötter noch blasser. Vor Neid. Mit Olympiasieger Keshorn Walcott aus Trinidad und Weltmeister Julius Yego (Kenia) dominieren die »Nehscher« sogar das urGERmanische Speerwerfen. – UrGERmanisch? Ja, unsere Vorfahren warfen mit dem Ger (den jeder Kreuzworträtsler kennt). Und zwar hart, deswegen heiße ich ja so.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle