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Am Ohr gezupft (“Wer bin ich?” vom 14. Juli)

»›Langer, der Herberger will dich sprechen. Und zwar … in deinem Dings da, in dieser Disko.‹ Im April 1971 hatte ich in Mönchengladbachs Waldhausener Straße, der Kneipenmeile, die Diskothek ›Lovers Lane‹ eröffnet. Was Weisweiler an den Rand eines Herzinfarktes gebracht hatte. Als ich ihn zur Eröffnung einlud, hatte er nur gestammelt: ›Nein! Das ist das Ende!‹«
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Gesucht wird »ein Fußballexperte, der für die Tiefe seiner TV-Analysen berühmt wurde. Wie heißt er?« – frage nicht ich, sondern »Das literarische Rätsel« in der Welt-Beilage Literarische Welt. Denn Sie glauben doch nicht wirklich, dass die neue WBI-Runde derart einfach zu lösen ist, oder? Die Frage nach Netzer mag sportfernen Lesern der Literarischen Welt schwierig erscheinen, für unsere WBI-Profis taugt sie nicht einmal zum Warmraten.
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So, nach diesem Vorspiel geht es los, und zwar heute richtig schwierig. Der Gesuchte hat das Wort: »Stellen Sie sich vor, ein junger Mann steckt in einer schweren Ehekrise, wird von seiner Frau verlassen, stürzt ab. Alles leider ganz normaler Alltag. Aber wenn man so heißt wie ich, diskutiert eine ganze Nation – vor allem darüber, ob das schmale Handtuch tatsächlich 20 Weißbier getrunken haben kann. Ein großer Fernsehstar spottete sogar, ich müsse zum Alkoholbeauftragten unseres Vereins und nannte auch dessen Namen, was besonders geschmacklos und weit unter der Gürtellinie war.
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In einem Interview konnte ich die Sache dann endlich aus meiner Sicht geraderücken. Die ganze wahre Wahrheit: Wir haben nett zusammengesessen und auch etwas Alkohol getrunken. Hinterher sind einige – darunter auch ich – noch weitergezogen in eine Bar. Dort hat mich dann ein Gast beleidigt. Normalerweise kratzt mich so was nicht die Bohne, solche blöden Sprüche höre ich doch täglich. Aber in dieser Situation habe ich diesen Typen halt mal am Ohr gezupft. Eine Schlägerei wollte ich nun wirklich nicht anzetteln – zumal der einen Kopf größer war als ich und mich wahrscheinlich noch kleiner gemacht hätte. Danach haben mich zwei aus unserer Mannschaft weggeführt, und die Sache war beendet. Auf dem Heimweg habe ich dann noch ein bisschen – nur so zum Spaß – mit einem von uns gerauft, aber eine Schlägerei war auch das beim besten Willen nicht.
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Wie man daraus Schlagzeilen machen kann? Und wie das überhaupt bekannt werden konnte? Ich glaube es zu wissen, und das irritiert mich sehr, denn es waren nur sechs Spieler von unserer Mannschaft dabei. Das Medienecho bestätigt also das Bild, das ich von einigen Kollegen habe: Die Verbindungen zur Boulevardpresse sind manchem wichtiger als die Verbindung zu einem Mannschaftskameraden. Jeder ein potenzieller Maulwurf!
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Wer auf einen schlagzeilenträchtigen »Rosenkrieg« gehofft hatte, den musste ich enttäuschen. Wir haben uns zwar noch im selben Jahr scheiden lassen, aber meine Partnerin hatte mir die bis dahin schönsten Jahre meines Lebens geschenkt, und wir hatten wirklich wunderbare sieben Jahre zusammen.
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Das ist schon lange her. Unglaublich lange. Gefühlt jedenfalls. Seither ist viel passiert, auch mit mir, und auch in den Schlagzeilen tauche ich manchmal wieder auf. Und nicht nur dort. Mich wundert nur, dass ich noch nicht für eine andere aktuelle Diskussion missbraucht worden bin – mein Name bietet sich dazu doch an. Wer bin ich? (Einsendeschluss: Mittwoch, 20. Juli)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle