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Montagsthemen (vom 11. Juli)

Paris ist passé, Rio ruft. Dazwischen hören wir noch einen Rück-Ruf der Fußball-Analysten. »Den Trend zurück zum Mittelstürmer haben Löw und der deutsche Fußball verpasst« (FAS), der DFB muss seine Trainer »wieder für eine urdeutsche Position sensibilisieren« (SZ). So einfach ist das also! Und Mario Gomez wundert sich, wie er vom verhöhnten Auslaufmodell zum Prototypen des modernen Fußballs aufsteigt.
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Trend verpasst? Deswegen nicht Europameister geworden? Zu lange am Ex-Trend festgehalten, den Spanien geprägt hat? Ach was. Spanien hat keinen Trend geprägt, sondern hatte Xavi und Iniesta sowie als unerreichbares Vorbild die wahre, echte und einzigartige Dreierkette des FC Barcelona mit diesen beiden und Messi als stärkstem Glied in der Kette.
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Im Vergleich mit Messi sind alle »echten Neuner«  falsche Fuffziger. Mit ihm hätte Deutschland in den letzten zehn Jahren nicht einmal, sondern jedes Mal den Titel geholt. Und Messi hätte mit Deutschland Endspiele nicht nie, sondern immer gewonnen. Den Namen Messi könnte man aber auch mit dem eines echten und ebenso einzigartigen Mittelstürmers austauschen, dem von Gerd Müller. Das Eine (und solch einer) bedingt das Andere. Und nicht umgekehrt. Alles andere  ist Fußball-Hochstapelei.

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Dreierkette, Viererkette, Fahrradkette – darauf eine Licherkette!
Mit einem weiteren Retro-Ruf sagen wir Paris endgültig adieu und schauen in die nahe Zukunft. Essen ruft die Jugend der Welt zur WM im Rückwärtslauf, und alle, alle … nein so viele kommen nicht, aber alle könnten kommen. Es gibt keine Normen. Jeder darf teilnehmen, auch Sie und ich, auch spontan. Auf nach Essen!
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Sie lachen? Retrorunner, wie die Rückwärtsläufer neudeutsch heißen, beantworten Spott mit der frappierenden Logik, beim Schwimmen lache ja auch keiner über die Rückenschwimmer. Und wer einmal bei Youtube ein Video gesehen hat, staunt über die Flitzigkeit der Besten, die rückwärts schneller laufen als unsereiner vorwärts.
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Auf den Geschmack gekommen? Für WM-Spontananmelder die wichtigste Voraussetzung: Die Zehen müssen immer in die entgegengesetzte Laufrichtung zeigen. Ansonsten gelten die Regeln aus der Leichtathletik, mit einer Ausnahme: Rückspiegel sind erlaubt (wirklich!). Noch ein wunderbares Argument: Im Retro-Running  wird nicht gedopt, obwohl es keine Dopingkontrollen gibt. Ein Retro-Weltrekordler führte einmal den unschlagbar logischen Beweis: »Würden Rückwärtsläufer dopen, wären sie vorwärts doch so gut, um an der Olympiade teilnehmen zu können.«
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Nun ja, an der Olympiade nehmen wir alle teil, zwangsläufig, da die Olympischen Spiele keine Olympiade sind, sondern eine Olympiade die Zeitspanne zwischen zwei Olympischen Spielen ist. Das gehört zu den Oberlehrer-Zeigefingereien, die vor jedem Olympia bessergewusst werden. Ja, auch von mir wieder, da kenn’ ich nix, demnächst in dieser Kolumne, wenn »Rio ruft!«
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Fingerzeige für Rio gab es in Amsterdam nur wenige. Vielen Assen passte der Termin nicht ins olympische Konzept, und manche Disziplinen sind europäisch sowieso im Weltniveau unterrepräsentiert. Traditionell vor allem im Langlauf, aber das ändert sich gerade. Schwarzafrikanische Emigranten werden mit offenen Armen und Geldbeuteln empfangen, meist sind es Läufer, denen ihre Heimat wenig bietet, vor allem keinen Platz in der Olympiamannschaft. Aber müssen sie gleich so überdankbar sein, dass sie die neue Fahne inbrünstig küssen? Wirkt unpassend, heuchlerisch, absurd …
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… aber dann fällt mir ein und auf: Im Vereinsfußball tun sie’s ja auch, manche schon vor dem ersten Spiel beim neuen Klub. Wenn’s nach mir ginge, würde man es überall verbieten. Rot für Fahnen- und Wappenküsse, im Gegenzug wird Gelb für jubelndes Trikotausziehen rückgängig gemacht.
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Überhaupt, Kenianer, die als Türken Europameister werden, schnelle Läufer, die rückwärts flitzen – wird denn jetzt alles umgedreht? Dazu die »Bild«-Onlineschlagzeilen: »Alice Schwarzer vorbestraft«, »Sohn des Polizeichefs von Dallas ein Cop-Killer«, »Hallervorden: Meine neue Liebe mit 80« sowie die Mann-beißt-Hund-Meldung »Stier tötet Torero«. Im Netz dröhnen militante Tierschützer dumpf: Geschieht ihm recht! – Und was steht unter und über allem? Palim-Palim? Oder eher Plemplem-Plemplem? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle