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Sport-Stammtisch (vom 9. Juli)

Es wäre ja auch unverantwortlich gewesen, der gebeutelten französischen Nation diesen Seelenbalsam zu verweigern. Die Equipe (deutsch: La Mannschaft) »symbolisiert bereits ein neues Frankreich« (Le Parisien). Der neue Asterix heißt Antoine Griezmann, dessen »Engelslächeln« (Le Figaro) das zerrissene Land im Jubel vereint. Aber Vorsicht! Ein Sommermärchen, ein »Conte d’eté«, endet erst mit einem Sieg über Ronaldo märchenhaft.
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Engelslächeln? Wir Enttäuschten schreiben zwar Griezmann, lesen aber Grinsmann. Im »Anstoß« vom Donnerstag habe ich ihn als einzigen Franzosen erwähnt und als Zauberer wie »Magic« Johnson gepriesen, und was tut er? Zaubert Frankreich ins Finale. Und sie nennen ihn »Mieltartecheval«?
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Doch, doch, das Wort gibt es. Wörtlich übersetzt: Honigkuchenpferd. Es steht im Pennäler-Wörterbuch direkt neben »Oeuf, oeuf, col lac je«. Das heißt, Lateiner (»Ovum, ovum, quid lacus ego«) wissen es: Ei, ei, was seh ich.
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Verzeihung. Galgenhumor, Prädikat besonders albern. Im Ernst: Nach einem guten Spiel ein guter Verlierer sein, auch das ist großer Sport. Wer sagt, »das Ergebnis ist nicht fair«, »wir waren besser« und »die Franzosen haben nur Glück gehabt«, der ist kein guter Verlierer.
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Man kann ein Fußballspiel auch zu Tode analysieren, aber mehr als das kommt auch nicht raus: Deutschland hat gut gespielt und unglücklich verloren, doch Frankreich hat nicht unverdient gewonnen. Punkt. Über den Tag hinaus: Nicht nur am Donnerstag gab es vorne keine klaren Toraktionen und hinten immer Gefahr, wenn der Gegner konterte. Die spielerische Leichtigkeit des Seins, dieser Anflug von Genialität, der die deutsche Mannschaft  oft ausgezeichnet hat, das vermissen wir schon seit der WM 2014.
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Damals war Bastian Schweinsteiger im Endspiel unser Bester, ebenso wie jetzt im Halbfinale. Aber eine einzige dämliche Aktion kippt das Spiel und ändert alles. Was wird wohl Mourinho mit ihm bei Manchester United anfangen? Die Premier League taugt nicht zur Langzeit-Reha zwischen EM und WM für einen von vielen heroischen Schlachten müden Körper.
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Manuel Neuer ist der beste Torwart der Welt, heißt es immer wieder. Gebetsmühlenartig, sagt man wohl dazu. Ich  weiß nicht, wie eine Gebetsmühle aussieht und ahne nur, was man damit macht. Aber ich  glaube, dass es den besten Torwart der Welt nicht gibt und nie gegeben hat. Diesmal zumindest gehörte Neuer bei der zweiten dämlichen Aktion zur Fehlerkette (mit Höwedes und Kimmich), und Lloris hielt gewiss nicht schlechter als er, ebenso Buffon im Spiel zuvor. Also: Neuer ist nicht der Beste, aber einen Besseren gibt es auch nicht.
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Einen Besseren als Thomas Müller sowieso nicht. Doch auch bei ihm gilt: Den »Besten« gibt es nicht. Aber einzigartig, das ist er. Leider auch, wenn er nicht als Raumdeuter und Springteufel eine Abwehr in den Wahnsinn treibt, sondern  wenn es bei ihm nicht läuft – dann läuft er herum wie Falschgeld. Wie ein Flitzer, der zufällig aufs Spielfeld gekommen ist.
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Ziehen wir einen Schlussstrich und freuen uns auf das Finale, das wir ohne  fortgehoppte Eventhopper in aller Ruhe genießen können. Ich freue mich auch auf Ronaldo. Der wird mir langsam sogar sympathisch. Selbst sein Gehabe stört mich kaum noch. Ist doch nur das eines kleinen Jungen, der sich aufspielen will. Haben sie gesehen, wie er gegrinsmannt hat, als sich der hereingeflitzte Junge neben ihm aufs Mannschaftsfoto schlich? Und sein Kopfballtor! Ein monumentales Ereignis, für mich das Bild dieser EM. Ronaldo ist 1,85 groß, mit dem Kopf schwebte er beim Sprung auf 2,60 m. Differenz: 75 Zentimeter. Sehr, sehr stark. Allerdings sollte man auch nicht übertreiben, denn beim interdisziplinär üblichen Sprungkrafttest (»Jump and reach«) schaffen das und noch viel mehr (bis 100) viele Volleyballer, Gewichtheber oder Werfer. Ohne Anlauf, aus dem Stand.
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Und jetzt? Die EM endet und ist für uns schon vorbei. Aber es gibt ja noch viele andere Sehnsuchtsorte als Paris. Wimbledon mit Kerber-Finale, Amsterdam mit Mayer-Staffel, die Bergetappen der Tour – alles an diesem Wochenende. Lebbe geht weider! Wer wüsste das besser als wir Hessen. Was macht eigentlich die Eintracht?  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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