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Dann siegt mal. Schön? (“Anstoß” vom 7. Juli)

Setzt Löw heute selbstbewusst auf die deutschen Stärken oder reagiert er vorsichtig auf die Qualitäten der Franzosen? Welche Taktik hätten Sie denn gerne? Es ist die überflüssigste der vielen überflüssigen Diskussionen dieser Tage, deren Stunden sich bis zum Anpfiff endlos ziehen und irgendwie ausgefüllt werden müssen. Vorzugsweise von den Fußball-Experten. Also von fünfzig bis 80 Millionen Deutschen und ihren fünfzig bis … bei 80 Fernseh-Experten habe ich aufgehört zu zählen.
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Unter diesen Vordenkern steht Mehmet Scholl aktuell ganz vorne. Er ist ja auch ein pfiffiger Bursche, so pfiffig, wie wir alle gerne wären, und als Berufs-Experte sagt er meist das, was wir Freizeit-Experten auch gerne sagen. Also nichts, was von des Gedankens Blässe der blutleeren Laptop-Trainer angekränkelt wäre. Mehmet dagegen hat Fußball im Blut. Aber langsam schleicht sich der Gedanke in unseren Kopf: Womöglich hat er vom modernen Leistungssport Fußball nur genauso viel Ahnung wie du und ich? Und zur Eingangsfrage: Natürlich muss Löw auf beides setzen. Und ob er dann die richtige Taktik gewählt haben sollte, weiß ich ganz genau. Nach dem Spiel. Hoffen wir, dass dann wenigstens diese alte Fußball-Weisheit greift: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Dem Endspiel.
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Statt derb auf den armen Scout Siegenthaler einzuschlagen, sollte Scholl lieber einen seiner hintergründigen Witze erzählen. Beispiel: »Eine Schwangere sagt beim Bäcker: Ich bekomme einen Laib Brot. Sagt der Bäcker: Sachen gibt’s.« Viel bekannter: »Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt.« Das nahmen ihm die Grünen sehr übel. Warum, weiß ich bis heute nicht, denn der wahre Gag dahinter müsste ihnen besonders gut gefallen. Oder ist der Groschen nie gefallen? …. Ach so!
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Nun aber zum Spiel. Die Deutschen kommen! »Auch damals lag der Sonnenschein auf den Moselbergen, als wir nach Frankreich fuhren. Und überall liegen die großen Militärfriedhöfe und mahnen euch, dass man die Männer nicht vergessen soll, die ihr Leben für euch gelassen haben.« So stimmte im Jahr 1935 das Reichssportblatt, der Kicker dieser Zeit, auf ein Frankreich-Länderspiel ein. Im Kopf des Schreibers dröhnte auf der Anreise »das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und der Donner der Geschütze«.
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So ändern sich gottlob die Zeiten, und nur Gerd Gottlobs Stimme erinnert bisweilen an schnarrende Töne aus dem Offizierskasino. Aber bei ihm ist es nur das Timbre, als Reporter ist er einer der Besten und wie Jogis verspielte Jungs garantiert stahlhelmlos. Wie auch Antoine Griezmann. Sieht harmlos aus, ist brandgefährlich. Nicht mit Stahlhelm auf dem Kopf, sondern mit Gefühl im Fuß. Ist so etwas antrainiert oder angeboren? Vom kleinen Antoine weiß man, dass er selbst auf dem Weg in die Schule den Ball am Fuß führte, dribbelte und jonglierte. Dass die Geschicklichkeit am Ball nicht angeboren sein muss, sondern erworben werden kann, dafür steht auch das Beispiel eines der größten Ballzauberer aller Zeiten. Earvin »Magic« Johnson, die Basketball-Legende aus den USA, berichtet in seiner Autobiographie, dass er schon als Fünf-, Sechsjähriger immer mit dem Ball unterwegs gewesen ist. Auch auf dem Schulweg oder beim Einkaufen habe er dribbelnd den Ball mitgeführt, der fast zu einem Teil von ihm geworden sei, den er dadurch ganz automatisch unter Kontrolle hatte. Also, ihr Buben, die ihr mal wie Özil oder Kroos werden wollt: Immer am Ball bleiben!
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Auch ich will am Ball bleiben und zur Einstimmung auf das Halbfinale den Zweizeiler »Kebab« von Robert Gernhardt zitieren. »Bei Ballbesitz wirkt Özil schlapp / Deshalb ruft Kroos ihm zu: ›Keb ab!‹« – Genial! Echt Gernhardt, denke ich, als ich den Vers lese. In der taz. Doch dann dämmert mir: Als Gernhardt starb, waren Kroos und Özil erst 15 und 16 Jahre alt.
Uff. Beinahe hätte ich den Raddatz gemacht! Und das wäre sehr, sehr peinlich geworden. Der letztes Jahr gestorbene Literaturprofessor und Feuilleton-Guru Fritz J. Raddatz (»ein beidfüßig schreibender Herr«/Robert Gernhardt) legte Goethe einst in der Zeit den Satz  in den Mund: »Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern.« Womit Raddatz zum Gespött der Kultur-Nation wurde, da die erste deutsche Eisenbahn erst drei Jahre nach Goethes Tod fuhr.
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Der literarische Besserwisser Raddatz war auf eine Parodie in der Neuen Zürcher Zeitung hereingefallen. Und ich beinahe auf die taz bzw. mein allzu flüchtiges Lesen. Das Blatt hatte zum Gedenken an Gernhardts zehnten Todestag kongeniale Zweizeiler eigengereimt.
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Der Anpfiff naht. Welche Taktik wählt der Bundestrainer? Ich habe Löw bei einem Monolog belauscht: »Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: / Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern / Des wütenden Geschicks erdulden oder, / Sich waffnend gegen eine See von Plagen, / (…) So macht Bewusstsein Feige aus uns allen; / Der angebornen Farbe der Entschließung / Wird des Gedankens Blässe angekränkelt.«
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Wie wird er sich entscheiden? Entschlossen? Angekränkelt? Jedenfalls nicht wie Hamlet. Dann spielt mal schön. Nein, dann siegt mal. Schön? Das ist hier nicht die Frage. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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