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Michael Jungfleisch: Es ist geschafft

Es ist geschafft!

46 Jahre nach dem Jahrhundertspiel bei der WM ´70 nun endlich ein Sieg gegen Italien. Aus meiner Sicht ist das Spiel recht schnell erzählt. Deutschland spielte feldüberlegen, ohne in der ersten Halbzeit zwingende Chancen zu erarbeiten. In der zweiten Halbzeit die Führung, verdient und schön herausgespielt. Dann reißt der famose Boateng die Arme hoch, reißt uns fast ins Unglück, danach passierte nicht mehr allzuviel, keiner der beiden Mannschaften mit ihrer durchaus unterschiedlichen Spielanlage gelang es, ein weiteres Tor zu erzielen.

Ich selber war Samstag Abend zu einem Geburtstag eingeladen. Kaum einer der anwesenden 20 Gäste war sportaffin, alle   jedoch zitterten mit, wie bei Fußballturnieren üblich. Ich genoß diese Atmosphäre ungetrübter Freude über das Geschehen auf dem Rasen.

Das Elfmeterschießen wollte ich mir gar nicht ansehen, überlegte, mir lieber im Mondlicht die Seerosen im Gartenteich unserer Freunde anzuschauen. Blieb dann aber doch ud tat mir den Wahnsinn an. Dann das happy end. In der Ferne hörten wir das Hupen von Autos, in der Nachbarschaft wurden Feuerwerkskörper entzündet. Endlich, endlich, endlich, sagte ich im Freudentaumel, für mich ist die EM gelaufen. Egal, ob wir jetzt die EM gewinnen, wir haben ITALIEN geschlagen!!!

Aber alles im Leben hat ein Nachspiel, auch hier gibt es einen netten Teil, innerhalb von 24 Stunden wurde ich von Freunden mit Dutzenden von funmails bombadiert, Fußball-Italien und Boateng wurden auf´s Korn genommen. Alles gut soweit.

Heute Morgen dann der Kater bei der Lektüre meiner Tageszeitung und den einschlägigen Internetseiten. Die Scholl-Kritik an der Löw-Taktik hatte ich Samstag Abend nicht mehr gesehen, kann nichts dazu sagen. Könnte aber auch sicherlich nichts dazu sagen, wenn ich sie gesehen hätte. Heute Morgen scheinen die Expertenkommentare über das Spiel wichtiger zu sein als das Spiel selber.

Steffen Simon habe das Spiel derart schlecht kommentiert, habe ein “gefährliches Halbwissen” in Taktikfragen, dass es selbst BR besser gemacht hätte, gipfelt es in der Rheinischen Post. Der Mann ist Sportreporter, er kommentiert vor Millonen Fernsehzuschauern das Spiel, wenn der nur ein Halbwissen hat, wer ist denn dann wirklich Fachmann? Oder Fachfrau? Der Bundes-Mehmet? Der wiederum bekommt vom Spiegel bescheinigt, in der Löw-Kritik total falsch zu liegen.

Früher war zwar nicht alles besser, aber mir als interessiertem Zuschauer war es noch möglich, den Expertenkommentaren zu folgen. “Die spielen zu sehr durch die Mitte” oder  “die müssen den Gegner früher angreifen” waren Sätze, die ich nachvollziehen konnte.

Wenn ich heute aber diese Zahlenkollonen höre, die ein Spielsystem charakterisieren sollen oder Begriffe wie “falsche Neun”, dann fühle ich mich mit dieser falschen Neun im falschen Film. Weise erscheint mir dagegen Herr Steines, der gestern über die Dreierkette lieber andere reden lassen wollte…

Schlage vor, dass der DFB (oder wer immer sich dafür verantwortlich fühlt) eine Art Lehrfilm produziert, der diese ganzen nebulösen Begriffe mal erklärt, die heutzutage vermehrt durch die Medien geistern. (Michael Jungfleisch)

Baumhausbeichte - Novelle