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Montagsthemen (vom 4. Juli)

Jonas Hector. Der unbekannteste, unspektakulärste und unaufgeregteste Nationalspieler steht auf einmal dort, wo er nicht stehen möchte: im Mittelpunkt. Hector – den Namen kannten Nichtfußballer bisher nur aus Troja oder von Hunden, und da wird er mit »k« geschrieben. So heißen keine Schoss- sondern scharfe Wachhunde. Passt doch! Auf der Suche nach Symbolträchtigem finden wir Hektor aber auch als Leichnam, der mit der Ferse am Kanthaken von Achill hängt und zwölf Tage durch die Gegend geschleift wird. Vergessen wir’s. Denken wir lieber an Hektors jüngeren Bruder. Der heißt Paris, und das ist der immer näher rückende Sehnsuchtsort deutscher Fußballfans..
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Dank Elfmeterschießen. Das ist deutsch wie der Wald. Vorname Karl. Schiedsrichter aus Frankfurt, der diese finale Entscheidung erfand. Vor einem halben Jahrhundert. Mittlerweile ist auch der Fußball in der leistungsdiagnostischen Gegenwart angekommen. Daher könnte er langsam mal auf das vorsintflutliche Glücksspiel verzichten und andere Parameter einsetzen. Zum Beispiel Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe oder das überangesagte »Packing«. Das gäbe der inflationären Statistikeritis wenigstens einen echten Sinn. Oder nach der Verlängerung Rückkehr zu den Straßenwurzeln: pro drei Ecken ein Elfmeter.
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Wer ist der beste Torhüter der Welt? In Deutschland keine Frage.  Aber gibt es den besten Torwart überhaupt? Er ist kein Leichtathlet, der in Metern oder Sekunden gemessen wird, daher bleibt es Ansichtssache. Auf der Linie ist Buffon trotz seines Alters sicher nicht schlechter als Neuer. Wie nah er beim Elfmeterschießen an fast allen Bällen dran war! Nur das Glück des letzten Zentimeters fehlte. Aber auch er gehört, wie seine Mitspieler, zu den Siegern dieses Abends. Als große, faire, beste Verlierer. Kompliment. Grazie dafür.
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Die größte Freude bereitete aber Mario Gomez. Entgegen seines falschen Arroganz-Images ist er einer der seltenen Sorte unabgehoben reflektierender und intelligenter Fußball-Profis. Auszusetzen an ihm hatte ich früher  nur seine Frisur. Lange habe ich mit Friseurinnen aus Hairport- und Haarscharf-Salons Fachdiskussionen geführt, bevor ich wusste, was nicht stimmte: Die trotz Kurzhaar-Schnitt lang nach hinten gestriegelten Haare passten einfach nicht zu Gomez’ Kopfform. Nun sitzt die Frisur wieder, und schon klappt’s auf dem Platz.
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Dort gab es bei dem zähen Ringen nur zwei geniale Momente, beide von und mit Gomez. Den Pass vor dem 1:0, »der genauso gut von Iniesta hätte stammen können« (SZ), spielte er »in einem genialen Moment  in den Raum, von dem die Italiener nicht mal wussten, dass er existiert« (11Freunde). Und dann die Beinahe-Entscheidung, als nur Buffons  Reflex ein künstlerisches Tor der Sonderklasse verhinderte.
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Irgendwo las ich einmal, die Kombination von Vor- und Nachname deute darauf hin, dass ihn, Mario Gomez, ein Spanier mit einer Frau aus Cottbus gezeugt haben könnte. Auch nicht schlecht. Eher fies dagegen Mehmet Scholls alter Spruch vom »wundgelegenen« Gomez.  Sein neuer verbaler Axthieb, DFB-Scout Siegenthaler möge lieber im Bett bleiben als Löw die Dreierkette aufzuschwatzen, wirkt da eher wie eine lässliche Sünde.
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Apropos Löw. Schlagzeile in Das Neue: »Angela Merkel – Jogi Löw – Endlich enthüllen sie ihr privates Glück.« Ihre »geheime Leidenschaft«: Sie gehen zwei-, drei Mal im Jahr zusammen essen. Mit Oliver Bierhoff übrigens, also ein besonders flotter Dreier.
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Was geht bloß in den Köpfen von »Journalisten« vor, die so etwas schreiben? Was geht überhaupt im Kopf herum? Ich weiß es, aber nur in einem ganz speziellen Kopf, dem von Charly Körbel. Nämlich wir, Sie und ich. Wenn wir mögen. Körbels Gehirn wird ab 2020 als fünfzigfach vergrößertes Modell im Senckenberg-Museum begehbar sein. Im Volksentscheid gewann Körbels Kopf gegen den von Einstein. Weil er der stimmgewaltig geforderte Sehnsuchtsort Frankfurter Eintracht-Fans war. Soviel für heute zum Thema Brexit. Achten Sie also bitte auf Ihre Kopfform! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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