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Sport-Stammtisch (vom 2.Juli)

Wenn alle über die Angst vor dem Angstgegner reden, ist der Angstexperte nicht weit. Professor Borwin Bandelow, Präsident der »Gesellschaft für Angstforschung«, geht im »Welt«-Interview auf der Suche nach dem Ursprung der Angst, in diesem Fall der Angst einer Fußballnation vor Italien, weit zurück. Sehr weit – bis zum »Stammesdenken aus der Zeit der Höhlenmenschen«.
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Spötter mögen behaupten, nicht nur die Angst der Höhlenmenschen habe überlebt, sondern auch andere steinzeitliche Relikte, speziell bei der männlichen Version des Homo sapiens. Aber ich schweife ab. Zurück zur Angst des Tages. Professor Bandelow kennt das »Yerkes-Dodson-Gesetz« über die Zusammenhänge zwischen Angst und Leistung. Danach steigert ein mittleres Angstlevel die Leistung am besten, zu viel Angst lähmt, bei zu wenig fehlt die Spannung. Also keine Angst vor der Angst?
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Leider hilft uns der Angstforscher in unserer Angst nicht weiter, denn am Schluss des Interviews bezeichnet er Island als »tolles Vorbild in Sachen Umgang mit Angst«. Warum? »Sie haben furchtlos gespielt.« Was denn nun, Herr Professor?
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Fünf lange Tage lagen zwischen dem letzten und dem heutigen deutschen Spiel. Handballer wickeln in dieser Zeit fast ihre gesamte EM ab, aber im aufgeblähten Fußball-Pendant mussten die Journalisten fast so tief graben wie der Angstexperte, um auf Themen zu stoßen. Und sei es, indem sie einen Angstforscher ausgruben. Aber die meisten stießen auf … Island. Mittlerweile kennen wir jeden Vulkan, jeden Islandsson und jedes Schaf beim Vornamen.
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ARD und ZDF hatten es besser als die Zeitungskollegen. Sie machten an den spielfreien Tagen einfach den Laden zu. Ihre Experten benötigen ja auch Verschnaufpausen nach der unmenschlich harten Arbeit, vor und nach dem Spiel ihre Meinung kundzutun. Wir kennen das, wir schuften zu Hause auf dem Sofa genauso hart, auch wenn wir weniger Zuhörer haben. Außerdem müssen die Ollis und Schollis ihre horrenden Honorare ja irgendwann sinnvoll unters Volk bringen (Sie lasen soeben ironisch-hämische Sätze aus dem populistischen Mainstream; im Grunde ist mir völlig egal, was Kahn und Co. verdienen).
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Aber jetzt endlich zu Italien. Das Schreckgespenst Balotelli ist längst vergessen, die deutsche Angst hat einen anderen Namen. Beziehungsweise deren vier: Buffon, Bonucci, Barzagli und Chiellini. Eine gefürchtete Viererbande, die »in Italien aber unter dem sehr viel poetischeren Künstlernamen ›Brutti, sporchi e cattivi‹ auftritt« (Italien-Korrespondentin Birgit Schönau in der Süddeutschen Zeitung). Deutsche Übersetzung des berühmten Filmtitels: »Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen.«
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»Kann man sich Mats Hummels vorstellen, der sich wie Bonucci breitbeinig vor ein Fernsehmikro aufbaut und hineinknurrt: »Wir haben viereckige Eier«? (Birgit Schönau). Oder Mesut Özil, der die Nationalhymne so furchterregend schmettert wie Buffon?
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Natürlich hoffe und setze ich auf einen deutschen Sieg, aber von allen anderen EM-Teilnehmern habe ich die größte Sympathie für … ich wage es nicht hinzuschreiben, denn ich denke an Ingo Zamperoni. Der damalige Tagesthemen-Moderator hatte bei der EM 2012 seine deutsch-italienische Gemengelage auf sympathische Art kenntlich macht. Die Kurzausgabe in der Halbzeitpause beendete er lächelnd mit den Worten: »In diesem Sinne: Che vinca il migliore, möge der Bessere gewinnen.« – Dafür »gewann« Zamperoni einen gewaltigen Shitstorm.
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Na ja, so weit geht meine Italien-Vorliebe nun doch nicht. Der Bessere möge gewinnen, klar, aber nur dann, wenn Deutschland der Bessere ist. Das war 2012 nicht der Fall. Als ich Löws Halbfinal-Aufstellung sah (Kroos statt Reus), stöhnte ich: »Krooser Gott, hat ihm das der Staatsratsvorsitzende diktiert?!« Heute würde ich aufstöhnen, wenn Kroos nicht spielen könnte. Weil: Selbst mein kleiner Fußball-Verstand schlägt letztlich das Herz.
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Außerdem kann Kroos auch pfiffig. Sogar mit dem Wort. Auf die Journalisten-Frage, ob er ein Italien-Trauma habe, antwortete er: »Warum? Das müssen Sie mir erst mal erklären, bevor ich das dementiere.« 1:0 für Kroos. Auch ohne viereckige Eier. Die hülfen sowieso nur, wenn auch der Ball viereckig wäre. Möge das bessere Deutschland gewinnen. Forza Gemania! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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