Archiv für Juli 2016

Montagsthemen (vom 1. August)

Nachdem nur in Hockenheim die Motoren dröhnten (und deutschlandweit im Stau tuckerten), stehen die sportlich bemerkenswerten Nachrichten nicht in belanglosen Testspiel-Schlagzeilen, sondern weit hinten in den Kurzmeldungen. Diese hier, mein »Das ist ja ein Ding!« des Wochenendes, finde ich sogar nur in einem Leichtathletik-Fachportal: »Dominik Illovszky schnellster 14-Jähriger aller Zeiten.« Der Junge wird Zweiter der ungarischen Männer-Meisterschaften über 100 Meter. In 10,59 Sekunden! Unglaublich. Trend der Zeit: Immer jünger, immer besser, immer weniger Kind. Wenn ich mich richtig erinnere, durften wir als 14-Jährige noch gar keine 100 Meter laufen, sondern nur 75 Meter. Da war ich sogar ein paar Zehntel schneller als Dominik und nur unwesentlich langsamer als Usain Bolt. Diese beiden allerdings laufen 25 Meter mehr. Mal sehen, wie schnell Dominik in fünf Jahren sprintet. 8,5? Oder eher 10,4? Oder gar nicht mehr?
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Bastian Schweinsteiger ist erst 31, ein Alter, das früher als das beste für einen Fußballer galt. Jetzt hat er ein paar Wochen zu spät seinen Rücktritt verkündet. Vielleicht sogar zwei Jahre zu spät. Der WM-Titel wäre der ideale Moment des Abschieds gewesen. Dennoch hat er Dominik wahrhaft Weltbewegendes voraus. Von ihm wird nicht das kuriose Altherren-Handspiel von 2016 die kollektive Erinnerung beherrschen, sondern das ikonische Bild des heldenhaften WM-Kämpfers von 2014.
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Bei Dominik wird es womöglich nicht einmal der Nachname unfallfrei in eine  Schlagzeile schaffen. Na ja, auch mit Schweinsteiger hatten  ausländische Reporter ihren Schaff’. Aus einer japanischen WM-Reportage von 2006: »Diesen  Spieler kann kein Mensch aussprechen … Shi-wai-nu-shi-tai-gari. Nennen wir ihn einfach Das Lachsgesicht mit der Bürste auf dem Kopf.«
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Mittlerweile ist »Schweinsteiger« sogar in Japan ein Begriff, auch ohne »Lachsgesicht«. Noch kein Begriff in England ist der Name Loris Karius. Der ehemalige Mainzer Torhüter sollte in Klopps Liverpool die Nummer eins werden, brach sich aber in einem Testspiel die Hand und wird ein Vierteljahr ausfallen. Dies ist die viel wichtigere Meldung als die Siege von FCB und BVB in den USA gegen Mailand (Inter bzw. AC). Beide Ergebnisse kann man getrost in den Sack Mais packen, der in Amerika umfällt.
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Dennoch erfüllen die Spiele dort drüben ihren gewollten ökonomischen Zweck. Das 4:1 der Bayern übererfüllt ihn sogar, denn dass US-Nationalspieler Julian Green in den USA gleich drei Tore schießt, wirkt wie eine überzogene Good-Will-Aktion. Man kann die PR auch übertreiben.
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Kleiner Scherz. Aber Stichwort Überoptimierung: Der Trend der Zeit sucht sich immer aberwitzigere Körperideale. Dass junge Mädchen aussehen wollen/sollen wie klapprige Kleiderbügel, diese von den Klums der Castingwelt geforderte und geförderte Eintrittskarte in die große, weite, bunte Promiwelt (im Idealfall sogar bis auf die Spielerfrauenbank) … ach was, wer sich darüber noch aufregt, ist so was von »old fashion«. Aber jetzt: Kaum freue ich mich, dass der »Thigh Gap«-Wahn aus der Mode gekommen ist, schon ist der neue Hype da: »Ab Crack«. »Thigh Gap«, das war das Nonplusultra der möglichst großen Lücke zwischen den Oberschenkeln. Um schlüpfrigen Gedanken vorzubeugen: bei geschlossenen Beinen. Böse Jungs stöhnten dann bei besonders ausgeprägtem »Thigh Gap« gequält  auf: »Da passt ja ein Laib Brot durch!« Und nun »Ab Crack«. Das ist eine möglichst tiefe senkrechte Spalte von Brustbein bis Nabel in der Mitte des »Sixpacks«. Für die Mädels das neue Muss. Arme Dinger. Spielt meinetwegen lieber mit den Pokemon-Monsterchen, als eure Körper zu Spielfiguren der Hype-Industrie machen zu lassen!
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Aber auf mich hört ja keiner. Auch vor dem »Cupping« warne ich vergeblich. Das soll Sportlermuskeln weich und geschmeidig machen. Auch Schwimm-Übergröße Michael Phelps praktiziert das »Cupping«, bei dem auf die Muskeln Gläser gesetzt werden, in denen Unterdruck herrscht. Ein alter Hut. Bei mir eine sehr alte Milchflasche. Als Junge saugte ich nicht nur die letzten Milchtropfen aus der Flasche, sondern immer weiter, bis ich die Literflasche wie einen Rüssel an den Lippen hängen hatte. Ein paar Mal damit elefantenmäßig gebaumelt, dann die Flasche abgeploppt – in den Spiegel geschaut und ein Monster gesehen, dem ein wahnsinniger Schönheitsguru zehn Liter Botox in die Lippen gespritzt hat. – Liebe Kinder, gebt fein acht, denn ich muss nun unbedingt die Warnung wiederholen, die im US-Fernsehen bei Wrestling-Sendungen eingeblendet wird: »Don’t try this at home!« Bitte nicht zu Hause nachmachen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2016 .
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Sonntag, 31. Juli, 6.10 Uhr

Werktagswerktätige werden wissen, was einem leicht melancholischen  Nursonntagsfrühaufsteher erst heute auffällt: Sonntags um sechs ist die Welt noch – und schon wieder – nicht so richtig morgenhell. Der Sommer hat noch nicht richtig angefangen, und schon liegen frühherbstliche Dunkelschleier über dem Morgenland.

Deutschland ein Morgenland … nee, nee, auf diesen unbedachten Zufallsgag springe ich nicht drauf.

Gut geschlafen? Danke der Nachfrage? Hat ja niemand nachgefragt. Noch nicht. Gut geschlafen? Typische Frage des Alters. Knoten ins Taschentuch: Das wird ein Themchen  des progressiven Alt-Tags im nächsten Seniorenjournal.  Gut geschlafen? Eine Frage, die sich in jüngeren Jahren nicht stellt. Gut geschlafen? Auf die Frage antworten Ältere mit einem langen Monolog. Jüngere fragen sich, was die Frage soll. Gut geschlafen? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Ich habe doch geschlafen.

Newtonmeter. Mein neues Lieblingswort. Habe ich es schon bekakelt, in Kolumne oder Blog? Das “alte” Problem mit dem Kurzzeitgedächtnis … (noch’n Knoten ins Taschentuch für den Alt-Tag).

Newtonmeter. Ich weiß jetzt: Drehmoment. Mein neues Pedelec hat 62 Newtonmeter, damit komme ich endlich den 15-Prozent-Berg mit meinen 100 Kilo so hoch, wie es sich für ein E-Bike gehört. Mein altes E-Bike hatte nur 26 Newtonmeter. Habe ich erst jetzt erfahren. Hatte mich immer gewundert, dass ich am Berg auf dem schweren E-Rad fast genauso schwer treten musste wie mit dem leichten Treckingrad. Im Internet eine Formel gefunden, mit der man Wattleistung berechnet. Mit dem alten Pedelec (250 Watt Unterstützung) musste ich 300 Watt zusätzlich treten, um auf die 550 Watt zu kommen, die man bei 15%/100kg benötigt. Jetzt schwebe ich den Berg hoch.

Vor mir liegt neben der FAS von heute die SZ von gestern. Auf dem Titelbild ganz groß Tischbeins Goethe. Beziehungsweise Goethes Tischbeine. Hier funktioniert das Kurzzeitgedächtnis noch. Darüber habe ich kürzlich geschrieben. Das monströse linke und die beiden linken Beine aus dem Städel.

Monströse Meldung, nicht in den Online-Zeitungen oder bei den Nachrichtenagenturen, sondern kurz notiert in leichtathletik.de: Ein 14jähriger Ungar läuft die 100 Meer in 10,59 Sekunden. Das gab’s noch nie. Immer jünger, immer besser, immer weniger Kind. 14 und 10,59! Unglaublich. Ich glaube, wir durften als 14Jährige noch gar keine 100 Meter laufen. Die 75 Meter waren unsere Sprintstrecke. Ich war über 75 m schneller als der Ungar, aber langsamer als Usain Bolt über 100 Meter.

Heute findet irgendwo im Osten Deutschlands (Name des Ortes vergessen, im Blog-Flow schaue ich auch nicht nach) der mich am meisten interessierende Sportwettkampf des Wochenendes statt: Kugelstoßen mit David Storl und Jacko Gill. Zwei früher unfassbare Talente mit heute sehr fassbaren Leistungen. Kiwi Gill soll derzeit in Deutschland trainieren, in Mannheim, im Netz kursiert eines seiner wilden Trainingsvideos. Die sind aber auch nicht mehr so wild wie die Videos des 16jährigen Jacko. Die waren nicht von dieser Welt. Mal sehen, wie schnell der junge Ungar in fünf Jahren läuft. 8,5? Oder eher 10,4? Oder gar nicht mehr?

Olympia-Trend im Kugelstoßen: Kovacs gewinnt, Walsh wird Zweiter, ein zweiter Ami kämpft mit Storl um Bronze. Vor ein paar Jahren hätte ich noch getippt: Storl gewinnt mit einer Weite um 23 Meter, Zweiter wird schon Gill mit rund 22 Meter.

Letzte Woche nach oftmaliger Aufforderung aufploppender Fenster Windows 10 geladen. Kurz vor Gratis-Ablauf. Mit Bauchschmerzen. Aber alles lief glatt und gut. Nur etwas lange. Hat fast einen ganzen Tag gedauert. Im Hintergrund. Jetzt hab ich’s. Hat alles funktioniert, nichts ist weg, Windows 10 ist da. Effekt: Komme schneller ins Internet.

Noch was für den Alt-Tag: Die junge Welt spielt irgend so ein Smartphone-Spiel mit Monsterchen, ich spiele Skat. Gegen eine alte Frau und einen alten Mann. Mit eingeschobener CD auf dem Computer. Macht Spaß. Wage die wildesten Spiele, Grand ohne sechs, Null ohne Siebener und so. Was mich stört: meine beiden Gegner auf dem Bildschirm. Sehen aus wie hundertjährige Spießer aus dem vergangenen Jahrhundert. Manche anderen Altmänner mögen von ihrer plötzlich ins Zimmer kommenden Frau bei der Beschäftigung mit anderen Bildern peinsam überrascht werden, die meine rollt nur mit den Augen, wenn sie die beiden altvorderen Kleinbürger auf dem Bildschirm sieht. Vor allem die typische Hausfrau der 60er Jahre. Die Alte gewinnt sogar am häufigsten. Müller heißt sie. Der dritte Mann Maier.

Ferienzeit. Die letzten Schulen haben geschlossen. In Italien beginnt Ferragosto. Im August stehen dort alle Räder still, ob es ein starker Arm will oder nicht. In Italien war ich lange nicht mehr. Auch in Griechenland nicht. Liebe Leute, die ihr gerade die Koffer packt oder schon dort seid: Grüßt mir die Ägäis! Ich schreib jetzt Montagsthemen. Aber gleich kommt erst KKKK. Muss schnell die beiden Skat-Alten vom Bildschirm verschwinden lassen.

Aber was schreib ich bloß? Der Blog hat nicht viel gebracht an Stein(es)bruch-Stücken. Was schreib ich bloß? Same question as every sunday.

 

 

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2016 .
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Sport-Stammtisch (vom 30. Juli)

Endlich paddele ich wieder einmal gegen den Strom. Dachte schon, das Mitschwimmen im Mainstream sei eine Alterskrankheit der milden Art. Also: Der Olympia-Ausschluss bisher unbescholtener Weltklassesportler – wie die Stabhoch-Weltrekordlerin Isinbajewa – ist ein unsportliches Unding, und Bachs Verzicht auf eine kollektive Verbannung der Russen verdient höchstes Lob und keine Verunglimpfung.
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Thomas Bach hat schon einmal Mut vor Königsthronen bewiesen, als der Fechter und Aktivensprecher mannhaft gegen den Boykott von 1980 kämpfte und vom deutschen Boykott-Betreiber Helmut Schmidt persönlich abgebügelt und -gebürstet wurde. Heute sitzt nicht der damalige Kanzler auf dem Königsthron, sondern die vereinte deutsche Medienmacht.
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Natürlich gibt es keine vernünftigen Zweifel, dass die Russen alles das getan haben, was ihnen vorgeworfen wird, und wahrscheinlich noch viel mehr. Aber das, was die Russen getan haben, taten und tun im Endeffekt alle, und wer das nicht glaubt, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Denn gedopt wird überall, oft auf unverschämteste Weise. Aber nachweisliches Staatsdoping gibt es nur in autokratischen Systemen und nur, wenn Überläufer whistleblowen. Dann ist eben Putin der böse Drahtzieher, während bei uns Telekom, Festina oder Nike natürlich nicht die geringste Ahnung haben, was unter und in ihren Namen getan wird. So gesehen hätte man Russland nicht des Staatsdopings anklagen sollen, sondern wegen des »falschen« gesellschaftlichen Systems. Das wäre wenigstens ehrlich gewesen.
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Dass in den »richtigen« Systemen nicht nur Konzerne, sondern auch Verbände und Regierungsorganisationen beim Doping mitmischen (lassen), dafür gibt es genügend Anhaltspunkte von Deutschland aus weltweit über Spanien bis in die USA. Über viele von ihnen habe ich über die Jahre hinweg in dieser Kolumne geschrieben. Nur ein Beispiel: Einer der größten Olympioniken aller Zeiten hätte gar nicht an den Spielen teilnehmen dürfen und in Schimpf und Schande aus des Sportes heiligen Hallen verstoßen werden müssen. Aber sein nationaler Verband kehrte mehrere positive Dopingproben einfach unter den Teppich.
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Aber was rege ich mich auf. Es gibt doch viel wichtigere Themen. Haben Sie den frisch gestylten Lionel Messi gesehen? Krass blondiert wie ein männlicher Blondinenwitz, dazu grausam vertätowiert und auf den Trend zum Vollbart gesprungen, sieht der außergewöhnliche und bisher auch außergewöhnlich normal wirkende Megastar aus wie die   Karikatur des ganz gewöhnlichen geschmacksverirrten Fußballprofis. Erinnern Sie sich an die Panini-Bildchen früherer Jahrzehnte? Da sahen alle gleich aus und aus heutiger Sicht gleich lächerlich. Irgendwo habe ich gelesen, wenn sogar Messi sich derart verhunzt, darf man sich nicht wundern, wenn Philipp Lahm  mit Vokuhila auftaucht.
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Und schon wieder gibt es einen späten Bonus-Punkt für Cristiano Ronaldo. Glattrasiert statt Vollbart, Kurzhaarschnitt statt Irokesen- oder sonstiger Kopfhaarverirrung, kein einziges Tattoo (»Ich habe keine, weil ich sehr oft Blut spende«),  denn nach dem Stechen eines Tattoos darf man erst nach einigen Monaten wieder Blut spenden. Wenn man dann noch weiß, dass Ronaldo auch als Knochenmarkspender registriert ist, verzeiht man ihm alle Kindergarten-Mätzchen auf dem Fußball-Spielplatz.
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Mit wem begann der Styling-Wahn im Fußball? Natürlich mit David Beckham. Ihm nähern wir uns mit Philip Kerrs Fußball-Krimi »Die Hand Gottes«. Kerr versteht etwas vom Fußball und lässt seinen Protagonisten schimpfen: »Ich hasse die WM …« – wahlweise: EM 2016 – » … weil dort fast immer nur Scheißfußball gespielt wird, weil die Schiris nichts taugen, wegen der dämlichen Maskottchen, wegen der ganzen Schwalbenkünstler und natürlich wegen der Vollpfosten, die keine Ahnung vom Fußball haben, einem aber plötzlich mit ihrer kackdämlichen Meinung ein Ohr abkauen.«
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Kerr mischt Fakten und Fiktion. Warum hat ManU-Trainer Ferguson seinen berühmten Schuh auf Beckham geschmissen? »Weil er sich beim Training geweigert hatte, die Strickmütze abzunehmen, damit seine neue Frisur nicht vorzeitig bekannt wurde.« Stimmt das wirklich? Fakt oder Fake? Hat Thierry Henry tatsächlich ein zwölf Meter hohes Aquarium, wie bei Kerr zu lesen? Alles ist möglich. Aber … ist DAS wirklich Lionel Messi?
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Doch Deutschland diskutiert heute ein anderes Thema. 50 Jahre Wembley. Drin oder doch drin? (»nicht« gibt es nicht). Ich habe keine Meinung. Ich war im Sommer 66 per Anhalter durch die französische Galaxis unterwegs, beim Endspiel sur le pont d’Avignon und nicht vor dem Fernseher, und stellte mir als Teenager sowieso lebenswichtigere Fragen. Fragen, die länger überdauern  als die nach dem Wembley-Tor. Gerade in diesen Tagen stellen sie sich wieder. Nicht nur sinnsuchenden Teenagern. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2016 .
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Zurück zu den Wurzeln (“Anstoß” vom 29. Juli)

In diesen unruhigen und unsicheren Zeiten würden wir gerne wenigstens im Sport alles auf Null stellen, zu den Wurzeln zurückkehren und uns auf die alten olympischen Ideale besinnen, die heute derart fies in den Schmutz gezogen werden. Also ohne Bach und Putin zurück nach Hellas, zur Wiege der Demokratie, der Geburtsstätte der Olympischen Spiele!
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Zeitreise. Wir schicken einen modernen Olympioniken zurück ins klassische Griechenland. Dort angekommen, erleidet er allerdings einen traumatischen Kulturschock, als er sieht, wie die Spartaner ihren Geburtenüberschuss in einer nahe gelegenen Schlucht entsorgen. Dass überzählige Babys zu den Grundnahrungsmitteln der peloponnesischen Fauna gehören, muss erst mal verdaut werden . . .
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Geschockt macht er sich vom rauen Sparta aus auf nach Athen, wo die Menschen edel, hilfreich und gut sind, und wo Demokratie wunderbar funktioniert. Aber warum funktioniert sie so wunderbar? Weil immer wieder mal ahnungslose Fremde wie unser Olympionike daherspazieren und von den Athenern geschnappt werden. Als Sklaven nehmen sie den Bürgern von Athen die grobe Arbeit ab. Je mehr Sklaven, desto mehr Spaß macht die Demokratie. Denn Demokratie gilt natürlich nicht für Sklaven, erst recht nicht für Frauen und deren tägliche Hausarbeit, wo kämen wir denn hin? Demokratie ist das Vorrecht des Herrn im Hause, nicht seines Gesindes.
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Soviel zum Thema klassische Demokratie. Wir beschützen unseren Olympioniken vor der Versklavung und teleportieren ihn direkt ins alte Olympia. Doch beim Olympischen Ur-Eid druckst er herum. Stimmt es, dass der Sieg alles, die Teilnahme nichts ist? Gibt es wirklich keine Silber- und Bronzemedaillen? Muss er eher sterben als verlieren zu dürfen? Warum heißt sein Trainer »paidotribes«? Bedeutet das nicht »Knabenschinder«?
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Dass und warum der Trainer so heißt, erfährt er schnell genug. Und dass er nur bei den Prolls beliebt ist, weiß er, nachdem er Euripides gelesen hat: »Es gibt zahllose Übel in Griechenland, doch nichts ist schlimmer als das Pack der Athleten. Ihr Training macht sie für ein normales Leben untauglich. Sie dienen nur ihren Kauwerkzeugen und sind Sklaven ihres Magens.«
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Apropos Magen: Unser Athlet muss in der Tat allerlei in sich hineinstopfen. Schon damals gab es viele Mittel, die wie Doping wirkten, aber kein Doping waren, weil es keine Dopinglisten gab. So hält er, ungedopt gedopt, allen Belastungen stand. Fast allen.
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Schon reichlich desillusioniert, bereitet er sich auf seinen Olympiastart vor, natürlich im Pankration, der urolympischsten Sportart. Der Pankration, der Allkampf, ähnelt dem heutigen Ultimate Fighting, das aber im Vergleich zum alten olympischen Vorbild eher etwas für Weicheier ist. Im Pankration war alles erlaubt. Man durfte dem Gegner die Nase eindrücken, ihm Arme und Beine brechen und bis zur Bewusstlosigkeit würgen. Es gab eigentlich nur eine Regel: Starb der Gegner, was nicht selten vorkam, bekam er posthum den Siegerkranz. Fair Play auf hellenisch.
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Aber diese Belastung wollen wir unserem Zeitreisenden nun doch nicht zumuten. Wir beamen ihn zurück, auch weil er an eine Gruppe von edlen, hochwohlgeborenen Männern geraten ist, die ihn aus den Fängen der Knabenschinder retten wollen. Diese Knabenfreunde waren gesellschaftlich voll anerkannt. Als einer von ihnen unseren jungen, knackigen Olympia-Knaben zu seinem Lustsklaven machen will und im Verweigerungsfall mit der Schlucht von Sparta droht, holen wir den Jungen zurück.
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In Rio wird er Gold für uns gewinnen. Denn er wird um sein Leben rennen. Wenn er nur Zweiter wird, das haben wir ihn wissen lassen, wird er ins klassische Olympia zurück geschickt.
Ohne Rückfahrkarte.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 28. Juli 2016 .
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Michael Jungfleisch: Einige Gedanken zum Thema Doping

Ich stimme Herrn Müller in seinem Beitrag in allen Punkten uneingeschränkt zu, einzig beim Thema “wir müssen unsere Kinder schützen” verspüre ich ein gewisses Unwohlsein.

Die Fragen, die sich mir in diesem Zusammenhang stellen, sind folgende:

- wovor müssen wir unsere Kinder schützen?

- wie wollen wir unsere Kinder schützen?

Wovor?

- dass aus talentierten, ehrgeizigen jungen Sportlern “Kriminelle” werden?

- dass Sportler, die mit ihrem Sport Geld verdienen wollen, sicher auch müssen (oder zumindest ein gesichertes Auskommen haben wollen) dies aber auf “ehrlichem” Wege nicht schaffen können, dem Zuschauer/Konsument immer vergaukeln müssen, sie seien “sauber” , in Wirklichkeit aber dopen müssen, um nicht als “Verlierer” da zu stehen?

- dass sie sich mit der Einnahme von Dopingmitteln gesundheitlich dauerhaft schaden?

Wie?

- mit Verboten? Wohl kaum…

- mit einer grundlegend anderen “Sporterziehung”, mit einer “Aufklärung”, die schon früh beginnt.

Mit einer grundlegend anderen Sichtweise auf den Sport?

Meine Idee ist, dass man den Kindern zu allererst Spaß und Freude am Sport lässt, ihnen Freude an der Bewegung zu vermitteln versucht. Und den Leistungsgedanken  außen vor lässt.

Und dass man ihnen beizeiten klar macht, dass der Gedanke des Leistungssport nicht “Völkerverbindendes” hat, dass es dabei nicht um die “Ehre” geht, sondern um Ansehen und Geld.

Weg mit dem Olympiagedanken, zumindest in der Form, wie er heute in der Welt ist.

Eine klare Trennung von Sport als Freude an der Bewegung und dem, was Profisport heute ist: ein knallhartes Geschäft.

Wenn das einigermaßen gewährleistet ist, sollen Profisportler dopen wie sie wollen.

(Michael Jungfleisch)

Veröffentlicht von gw am 27. Juli 2016 .
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Baumhausbeichte - Novelle