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Mittwoch, 29. Juni, 8.15 Uhr

Eine große Gala. Ich soll sie moderieren. Live im Fernsehen. Auf englisch. Ich gebe zu bedenken, dass mein Englisch sehr rudimentär geworden ist. Das sei doch Koketterie, sagen sie. Ich habe das, sagen sie auch, schon einmal prima hingekriegt. Wann? Ich kann mich nicht erinnern. Oder doch? Ich weiß nicht. Ich weiß nur: Ich kann das doch gar nicht! Panik.

Ich wache auf. Vier Uhr. Der Traum geht, die Panik bleibt. Soll ich es machen? Soll ich die Gala moderieren? Vor Millionen Menschen, auf englisch? Gepeinigt wälze ich mich und meine Gedanken hin und her .

Vor vielen Jahren meinte ein Kollege (Gott habe ihn selig), ich sei einer wie Gottschalk und müsste das Sport-Studio des ZDF moderieren, ich sei dafür die Idealbesetzung. Damals war Gottschalk noch jung und genial, der Kollege hatte es also sehr gut gemeint. Heute, in Gottschalks  oft peinlicher Alterseitelkeit ohne Gespür für die Zeit, die über ihn hinweg gegangen ist, wäre es das Gegenteil eines Kompliments. Wie auch immer, auch der Vergleich mit dem Gottschalk von heute wäre – mit Ausnahme des identischen Alters – an Anmaßung nicht zu übertreffen. Ich weiß doch wirklich, was ich nicht kann, nämlich genau das. Ich würde durch die Kulissen und durch die Sätze stolpern, es wäre eine Oberpeinlichkeit, schon der Gedanke, so etwas tun zu müssen, entsetzt mich.

Und dennoch wälze ich mich hin und her und denke nach. Allerdings spüre ich langsam, dass mein Denken auf der Stelle kreist, wie durch Watte, und jetzt dämmert es mir mit dem Morgen: Ich träume zwar nicht mehr, aber ich bin auch noch nicht wach. Das Bewusstsein schleicht sich langsam in den schlaftrunkenen Kopf.

Augen auf. Halb sieben. Erleichtert schließe ich  sie wieder und dämmere noch einmal weg.

Nach dem endgültigen Aufwachen begrüßt mich der griechische Sprachkalender mit einem Gedicht von Kostas Varnalis. Darin heißt es sinngemäß (und ich notiere es hier im Blog nur als Stein/esbruch-Material, denn ich will es demnächst in die Kolumne bringen):

Dich betrachten, Meer, und nicht satt werden,

glatt und ganz himmelblau

und in mir reich werden

von deinem vielen Gold

Ach ja. Jeder hat so seinen Sehnsuchtsort. Für viele ist er Paris, aktuell ganz profan das Endspielstadion. Für mich die Inselwelt der Ägäis. Um so sehnsuchtsvoller, je mehr die Jahre vergehen, in denen ich nicht dort war. 2016 ist wieder eins davon. Liebe Leser, die sie gerade die Koffer packen: Grüßt mir die Ägäis!

Doch ich habe es ja auch ziemlich gut. Heute soll ein schöner Sommertag kommen. In der kühlen Morgenfrühe schreibe ich eine Kolumne für morgen (nachher schon online zu lesen), dann mache ich Siesta (ist auch ein bisschen Ägäis-Feeling), dann fahre ich Rad, und am Abend sitze ich nicht an der Salassa, am Meer, sondern an den Gestaden der Lahn. Auch nicht schlecht, oder? Nur kein Neid dort drinnen in euren Büros, Klassenzimmern, Fabrikhallen, Praxen oder, auch dort soll es Leser geben, Vorstandsetagen.

So, jetzt aber an die Hobby-Arbeit. EM-Ping-Pong mit den Lesern spielen, mit dem Queue über die Bande. Oder mit dem Volleyballschläger? Wie Mehmet Scholl? Der liefert mir den Einstieg. Gleich. Bis dann.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle