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Sonntag, 26. Juni, 6.30 Uhr

Mein Smartphone lügt. Draußen seien es nur sieben Grad, will es mir weismachen. Beim Gang zum Briefkasten wird es falsifiziert. Scheint schönes Radwetter zu geben, nach all den Tagen. Vielleicht kann ich heute, zwischen Montagsthemen und Deutschlandspiel, die beiden Storchennester bei Atzbach kontrollieren.

Atzbach. Dort einmal gewohnt, relativ kurz. In dieser Zeit drehte ein ARD-Filmer, der auch so hieß (ohne ARD, ein sehr liebenswerter Mensch) einen 45-Minuten-Film, der sonntags vor der Sportschau lief. Einschaltquote wahrscheinlich höher als bei manchem EM-Spiel, aber damals wurden keine Quoten gemessen (glaube ich). Es gab noch keine Privaten, und daher hatte jede Sendung  potenziell Traumquoten. Der Film gewann sogar Preise bei Festivals, was auch mein Verdienst war, denn ich tat Filmer Filmer den Gefallen des Scheiterns, was dem Film auch cineastische Würze gab. Untertitel: “Eine Kugel für Montral” – leider flog sie nicht bis dorthin. Haupttitel: “Der Atzbacher” – was ich seltsam fand, denn mit dem Ort hatte ich bis auf die kurze Wohnzeit nichts zu tun. Den Film habe ich nie gesehen, wollte ihn nie sehen, will ihn immer noch nicht sehen.

Tempi passati. Kam nur wegen der Störche drauf. Damals gab es hierzulande kaum welche, jetzt sind sie keine Seltenheit mehr. Vor ein paar Tagen sah ich sogar einen am Ortsausgang von Heuchelheim, der seelenruhig auf einer Brache mitten im Industriegebiet pickte, nur wenige Meter von der verkehrsreichen Durchgangsstraße entfernt. Werden Störche bald so zahlreich wie die Nilgänse, diese Invasoren aus dem Süden? Mittlerweile gibt es in Hessen mehr davon, als ich vor einigen Jahren auf einer Nilreise gesehen habe. Auf Texel vor wenigen Monaten konnte man kaum einen Schritt um das an einem kleinen Kanal liegende Ferienhaus tun, ohne in einen der erstaunlich großen Kackhaufen der Nilgänse zu treten. Kürzlich gelesen: Jede einzelne Nilgans kackt 170 Mal am Tag.

Die Montagsthemen werden mit keinem der beiden gestern skizzierten Einstiege beginnen. Warum soll ich mich derart verrenken? Die Funktion der Kolumne ist eine ähnliche wie die des Streiflichts in der SZ, “Zippert zappt” in der Welt, “Das Letzte” in der Zeit usw., ja, selbst auch ähnlich der “Post von Wagner” in Bild. Kein Leitartikel, kein Kommentar zum wichtigsten Thema des Tages, sondern ein Spaziergang am Themenrand, und wenn’s gutgeht in einem besonderen, wiedererkennbaren Rhythmus. Diesmal also: Österreich-Schmäh statt Deutschland-Ernst, Reus (Lauf-Reus, nicht der Fußball-Reus; was macht der arme Junge jetzt eigentlich?)statt Boateng und was mir sonst noch an En-Passant-Sachen einfällt.

Halt, noch eine Notiz vor KKKK und SZ und FAS, damit ich es nicht vergesse: Der Weg ins EM-Finale auf dem deutschen Pfad gleicht meinem Weg zum Abitur. Ich ging auf ein Jungsgymnasium, das als sehr anspruchsvoll galt. Auf der Mittelstufe wurde ausgesiebt, in Obersekunda und Unterprima noch einmal, viele gingen knockout, mussten anderswo ihr Abi-Glück suchen, aber wer es bis in die Oberprima schaffte, hatte auch schon das Abitur in der Tasche. Die Oberprima galt als Ehrenrunde der besonderen Art, niemand scheiterte mehr, es war ein Erholungsjahr und das “Finale”, die Abi-Prüfung, ein Klacks gegen die vorigen Versetzungsdramen.

Aber nun ist es soweit. KKKK.

 

Baumhausbeichte - Novelle