Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 27. Juni)

Ja, diese Kolumne hat Vorbilder. Wie das »Streiflicht« in der Süddeutschen oder »Zippert zappt« in der Welt will sie keinen gewichtigen Leitartikel schreiben, sondern am Themenrand spazieren gehen. In diesem Sinne wenden wir uns sofort  echten Montagsthemen im Sinne ihres Erfinders zu: Themen, über die NICHT ganz Deutschland spricht. Sozusagen als »Gegennarrativ zum Narrativ« (später mehr dazu).

*

Alle sprechen vom Slowakei-Spiel, niemand mehr von Österreich. Außer uns und  Österreich. Vor der EM hoch gehandelt, vor allem von sich selbst, ist die Fallhöhe um so größer. Vielleicht  ein in den Genen steckendes Austria-Prinzip: Im Erfolg sonnen – wie fad! Mehr Spaß macht der Schmäh. Sympathischerweise vor allem der Schmäh gegen sich selbst. Wäre der Schmäh ein Fußball, wäre Österreich Rekordweltmeister.

*

Wir kommen über Österreich zu Zlatan Ibrahimovic, bleiben aber beim Schmäh: Wie der alte Schwede minutenlang stehend und schlendernd an der Mittellinie verharrt, bevor er sich herablässt, wieder am Spiel teilzunehmen! Als Mitspieler würde man ihn erwürgen, aber die Schweden ordnen sich demütig unter. Und nicht nur die. Das linkssoziale taz-Kollektiv feiert ihn auf vier (!) Sonderseiten ab – wissen sie denn nicht, dass einer wie er nichts und niemanden so sehr verachtet wie ihresgleichen?

*

Mit dem Neustart der EM startet auch Wimbledon, in wenigen Tagen beginnt die Tour de France, und in der Leichtathletik, einst langlebiges Sommer-Hoch des Sports, ließen deutsche Sportler aufhorchen. Man beachte die Verbform, sie kennzeichnet nicht die Vergangenheit, sondern die Möglichkeit, denn sie ließen aufhorchen, wenn man von ihnen hören würde.

*

Oder sagen Ihnen die Namen Thomas Röhler und Johannes Vetter etwas? Selbst der letzte Islandsson im EM-Kader findet in diesen Tagen mehr mediale Beachtung als diese beiden deutschen Speerwerfer, die mit Weiten knapp unter 90 m die aktuelle Weltrangliste anführen. Was hört und liest man über die Mehrkämpfer, die in Ratingen ihren heroischen Kampf gegen sich selbst und das Wetter meisterten? Oder von Ariane Friedrich, die auf ihrem ebenso beherzten wie von vornherein hoffnungslosen Kampf um das Comeback (ihr Trainer Günter Eisinger möge diesen Defätismus bitte verzeihen) von einer neuerlichen Verletzung gestoppt wurde?

*

Die Reihe ließe sich beliebig fortführen. Ganz vorne aber steht Reus. Julian, nicht Marco (was macht der arme Fußball-Junge jetzt eigentlich?) Reus läuft am Freitag neuen deutschen Rekord über 100 Meter, und kaum jemand nimmt Notiz. Seine 10,03 Sekunden versickerten am Samstag irgendwo im Kleingedruckten oder tauchten erst gar nicht auf. Deutscher Rekord über 100 Meter! Es gab Zeiten, in denen das die Hauptschlagzeile des Sportsommers geliefert hätte.

*

Doch noch ein Wort zur EM. Der Weg ins Finale auf dem Favoriten-Pfad gleicht meinem Weg zum Abitur. Ich ging auf ein Gymnasium, das als anspruchsvoll galt. Früh und rigoros wurde ausgesiebt, viele gingen knockout, mussten anderswo ihr Abi-Glück suchen, aber wer es bis in die letzte Klasse schaffte, hatte auch schon das Abitur in der Tasche. Die Oberprima war dann nur noch ein Erholungsjahr, und das »Finale«, die Abi-Prüfung, ein Klacks gegen die vorigen Versetzungsdramen.

*

Aber wehe, der »Große«, der im Endspiel auf den »Kleinen« aus dem leichten Finalpfad trifft, glaubt dann an den »Klacks«! Womit wir auch zum Ende unseres »Gegennarrativs zum Narrativ« der EM kommen. Die Doppelversion des kursierenden ambitionierten Modeworts kommt vom griechischen Syriza-Minister Giorgios Kyritsis. Da das Narrativ mittlerweile schon etwas abgenutzt scheint, bevorzugen höhere deutsche Schreibschichten wieder die simple deutsche Übersetzung. Wie Carolin Emcke, die in ihrer SZ-Kolume schreibt, Donald Trump habe »die große Erzählung der USA pervertiert«.

*

Darf man Frau Emcke widersprechen, die ja immerhin neue Friedenspreisträgerin ist und früher Studentin für Diskursethik (was es alles gibt) war? Ja, man muss. Ich muss. Denn Trump pervertiert mit seinem Namen vor allem die große Erzählung meines geliebten, gebeutelten, ewig sich erfolglos abstrampelnden Scheiterers Donald Duck. Aber das ist ein anderes Thema.  (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle