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Sport-Stammtisch (vom 25. Juni)

Zu den überflüssigen Diskussionen, die nur der Diskussion wegen geführt werden, gehört die Suche nach einer logischen Erklärung für die groteske Chancenverunwertung gegen Nordirland. Dabei kennt den Grund doch jeder, er hat auch einen Namen: Reiner Zufall. Ob er auch morgen mitspielt? Das weiß nicht mal Löw, das weiß er nur selbst.
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Marcel Reif spielt bei SAT.1 mit, und niemand sieht und hört zu. Fast niemand. Zum Beispiel  endete das Duell ZDF (Schweiz – Frankreich) gegen SAT 1 (gleichzeitig Rumänien – Albanien)  in Millionen ungefähr so, wie Deutschland – Nordirland in Toren hätte ausgehen müssen: 11:1. Reif wirkt im Kreis seiner Mitexperten (ob er sich die Namen gemerkt hat?) fehl am Platz, seine Körpersprache gleicht der von Mesut Özil, wenn das Spiel an ihm vorbei läuft.
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Doch die Körpersprache kann lügen, wie jede Sprache. Özils Schultern zaudern, selbst wenn seine Füße zaubern. Das schlich sich auch in die Einzelkritik bei FAZ online ein, in der ein zaubernder Özil gute Noten bekam. Aber in der Überschrift stand: »In der Mitte zauderte Özil.« Ein verfestigtes Vorurteil fabriziert einen zauderhaften Freudschen Verschreiber.
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Für die Besetzung der Expertenstellen in den diversen EM-Sendungen musste tief, sehr tief gegraben werden. Das ARD-Morgenmagazin grub sogar den »Fronkreisch«-Experten Gernot Rohr aus. Einst beendete Pressesprecherin Katja Kraus eine Pressekonferenz des damaligen Eintracht-Sportchefs mit den Worten: »Der Manager möchte jetzt keine Fragen beantworten. Er hat französische Gäste, um die er sich kümmern muss.« Rohr wollte damals einen »gesunden Abstieg« einem »Drinbleiben in Mönchengladbacher Verhältnissen« vorziehen, »der mich nicht interessiert«. – »Mönchengladbacher Verhältnisse« würden heute jeden Eintracht-Freund dringend interessieren. Aber das ist ein anderes Thema.
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Ein ganz anderes: Vorige Woche sprach die spanische Justiz den Doping-Arzt Fuentes frei, verfügte aber, dass 211 Blutbeutel zur nachträglichen Untersuchung abgegeben werden müssen. Natürlich keine mit Fußballer-Blut von Real oder Barca … – Dass Realsatire alle Fantasie übertrifft, macht auch das Datum des Blutbeutel-Urteils deutlich: Es erging am Weltblutspendertag. Ja, wirklich!
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Worin natürlich eine aparte Logik steckt. So etwas gefällt mir, das weiß auch Peter Mandler (Heuchelheim): »Den Anstoß heute morgen habe ich amüsiert gelesen. Auch den Artikel auf der Seite davor über einen Brand in einer Hähnchenschlachterei: Tiere kamen nicht zu Schaden, da an dem Feiertag nicht gearbeitet wurde. Genial schlussgefolgert. Der hätte auch von gw sein können.«
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Auch Detlev Bothe, Pfarrer im Ruhestand aus Bad Nauheim, hat an mich gedacht: »Obwohl langjähriger Leser, schreibe ich heute zum ersten Mal an Sie wegen eines wunderbaren Satzbaufehlers in einer ZDF-Kurzmeldung: Spaziergänger haben in Bremerhaven zwei junge Heuler gefunden. Die beiden Seehundbabys lagen auf einem Weserdeich. Der Polizei gelang es die Jungtiere zusammen mit einem Jagdaufseher einzufangen. – Was treibt sich der Jagdaufseher auch auf dem Weserdeich herum! Gleich mal einfangen, wenn man ohnehin wegen der Heuler im Einsatz ist!«
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Ein echter Heuler. Dankeschön für diese und weitere Mails, meist mit sehr freundlichen und aus aktuellem Anlass auch mitleidigen Worten, zum Beispiel von Dr. Sylvia Börgens aus Wölfersheim, Ralf Protzel (Bonn) oder Walther Roeber (Bad Nauheim). Einiges davon ist auf meiner Internetseite »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen. Dort finden Sie auch den Grund für das – unverdiente – Mitleid. Hat nichts mit Blutbeuteln zu tun, sondern mit Blut und Beule.
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Wer sich über Lob freut, muss auch Tadel ertragen können. Vor einer Woche habe ich Andy Warhols Prophezeiung im Original zitiert, dass in der Zukunft jeder für 15 Minuten weltberühmt sein könne. Das gefiel Hans Reinert (Bad Vilbel) gar nicht: »Ich möchte meine Zeitung nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Ich bin Jahrgang 1934 und der englischen Sprache nicht mächtig! Wir hatten andere Sorgen und keine Möglichkeit, Englisch zu lernen. In der Werbung werden wir täglich mit ›Denglisch‹ zugemüllt, so dass die Medien eigentlich die deutsche Sprache pflegen müssten!«
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Sor … nein, nicht das englische Fünf-Buchstaben-Wort … ich bitte um Verzeihung. In tätiger Reue und aus Enttäuschung über die Abstimmung in England habe ich in dieser Kolumne auch schon meinen persönlichen Brexit vollzogen und jedes englisch-denglische Wort rausgeworfen. Ihr Briten werdet schon sehen, was Ihr davon habt! Eure vier Nationalteams (vier! Auch so ein Kotau vor Euch!) schmeissen wir jetzt ebenfalls ganz schnell raus!
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Noch Fragen? Wie hoch wir  gegen die Slowakei gewinnen und ob überhaupt? Liebe Leser, Ihr Kolumnist möchte jetzt keine Fragen mehr beantworten. Er hat oberhessische Gäste, um die er sich kümmern muss. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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