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1:0 für die Folklore (“Anstoß” vom 23. Juni)

Das Folklore-Fest ist vorbei, die EM kann beginnen. Deutschland startet am Sonntag mit einem weiteren Testspiel gegen einen der Folkloristen (Vorteil), bevor es schon im Viertelfinale gegen Italien oder Spanien (Nachteil) um fast alles oder schon gar nichts mehr geht.
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Der stimmungsbeseelte Zwergenaufstand tat der aufgeblähten Gruppenphase gut. Aber warum konnten sich die Waliser, Albaner oder Isländer derart ausgelassen selbst feiern? Weil ihre No-Names (Ausnahme: Bale) viel weniger Spiele in den Knochen und Köpfen haben als die großen Namen des Fußballs. Zum Saison-Höhepunkt sind die Außenseiter physisch und psychisch auf demselben, während die Stars der Szene lädiert und mit leerem Akku auf dem Tiefpunkt angelangt sind.
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Nur deshalb ging es in der Vorrunde derart spannend zu. Auf Augenhöhe, weil die einen auf dem Höhe- und die anderen auf dem Tiefpunkt ihrer Leistungsfähigkeit sind. Nun werden die Karten neu gemischt, die letzten Überlebenden der »ersten DFB-Pokalrunde« werden sich ehrenvoll verabschieden und die saisonversehrten Starteams unter sich bleiben.
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Da im Fußball nicht Meter oder Sekunden, sondern Tore und Punkte verglichen werden, wird auch nicht auffallen, dass der Europameister, wer immer es sein wird, im Vergleich mit dem FC Bayern der Saison-Vorrunde zehn Meter hinter Usain Bolt herliefe. Ein 1:0  bleibt nun mal ein 1:0.
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Da muss man schon zu Hilfskonstruktionen greifen, um das 1:0 gegen Nordirland zu erklären: Es war der vielleicht höchste 1:0-Sieg der EM-Geschichte. Nun steigt die Stimmung in Deutschland und damit vielleicht auch der Umsatz an schwarz-rot-goldenen Devotionalien.
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Der fiel ja bisher ins Wasser wie der Sommer und soll wie dieser in den nächsten Tagen zurückkommen. Bisher stachen nur vereinzelt fahnengeschmückte Autos ins Auge, wir warten gebannt auf die Wiederkehr doppelt aufgebannerter Hausfrauenpanzer, auf ein weiteres schwarzrotgoldenes Sommermärchen … oder war das alles nur eine Mode? Hüpfen die Event-Hopper auf einen neuen Trend?
Apropos Mode und Trend: Noch lachen alle über die zerrissenen Trikots der Schweizer im Spiel gegen Frankreich. Doch dahinter steckt eine geniale Marketing-Idee. Und die führt zurück auf … mich!
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Beziehungsweise auf uns. Auf uns Alte, als wir jung waren. Denn damals kamen die Blue-Jeans in Mode. Jeans von Levis waren ein Muss, obwohl sie zunächst fürchterlich unbequem waren. Man zog sie nicht an, sondern stieg in sie ein wie in eine Ritterrüstung und fühlte sich dann auch so: eingezwängt, aber stark. Erst nach Wochen des tapferen (Er-)Tragens, in denen wir uns den Jeans anpassen mussten, passten sie sich uns an und – passten. Doch schon bahnte sich Schreckliches an: Die Jeans zerschlissen. Vor allem an den Knien rieben sie sich auf, wurden fadenscheinig, dann rissen sie und ein Schlitz tat sich auf. Katastrophe, Katastrophe! Ein Loch in den Jeans, wie uncool das war, obwohl wir das Wort »cool« noch gar nicht kannten! Neue Jeans? Dafür war kein Geld da. Tapfer (er-)trugen wir die Schmach.
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Heute sind Jeans ohne Schlitze und Risse so ziemlich das Uncoolste überhaupt. Axel Hacke, der große Kolumnist (den Kollege zu nennen anmaßend wäre), zählt die Varietäten auf: Es gibt »Cut-Out-Jeans, Destroyed Jeans, Ripped Jeans, Underbutt-Jeans« und mehr, aber »warum das alles, warum? Wieso macht man das Neue mit solcher Wonne alt, das heile kaputt?« Und da komme ich, kommen wir ins Spiel: »Es wird wohl mit der Sehnsucht nach gelebtem Leben zu tun haben, nach Identität und Unverwechselbarkeit.« Tja, Ihr Lieben. Ihr seid mit Euren destroyten, gerippten und gecutteten Jeans nur neidisch auf unser gelebtes Leben!
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Das hat auch Puma erkannt. Materialfehler? Ach was! Mit den zerrissenen Trikots wird ein neues Modefeld erschlossen. Oberhalb der Gürtellinie ist noch viel Platz für Cut-Out-Shirts und Destroyed Tops. Bald sehen sie alle aus, als hätten sie 90 Minuten gegen Frankreich gespielt. Gelebtes Leben – das Leben der Anderen im Folklore-Look. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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