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Sonntag, 19. Juni, 6.15 Uhr

Im fremden Bett noch früher als sonst aus ihm senil geflüchtet. Den Blog und nachher die Montagsthemen schreibe ich in Sindlingen zwischen Sportplatz und Friedhof, aber viel näher an diesem, was keine Metapher sein soll, sondern eine Ortsbeschreibung ist. Da ohne die Dame meines Hauses, gibt es gleich zwar KK, aber ohne KK. Was nur ständige Leser des Blogs verstehen, aber so soll’s auch sein. Ebenfalls nur ständige und langjährige Leser meiner Kolumnen wissen, dass mal in Griechenland ein Esel vom Esel gefallen ist und sich die Rippen gebrochen hat. Neue Slapstick-Nummer des Esels: Gestern vor der Fahrt nach Sindlingen in der Redaktion Zeitungsmaterial gesammelt und dabei im neuen Großraumbüro volle Kanne gegen eine Glaswand gelaufen. Rummms! Blutüberströmt (nicht übertrieben!) zur Toilette gerannt, Blut aus den Augen gewischt, gruseliger Anblick, klaffende Platzwunde über dem rechten Auge. Sportlicher Nebengedanke: Wie können Boxer nach solch einem Cut weiter kämpfen, die sehen doch gar nichts! Nicht mein Problem. Aber das: So eine Wunde muss man doch nähen, oder? Habe aber keine Zeit, bin in Sindlingen verabredet. Nach dem ersten Schwall blutete es aber nur noch dezent, ich fahre also ungetackert und werde wohl ewig von der Narbe an den Slapstick-Unfall erinnert werden. Ich habe ein Beweisfoto per WhatsUp gemacht. Wenn ich es technisch hinkriege, kommt es noch in den Blog.

Also jetzt zwischen Friedhof und Sportplatz. Auf letzterem war ich zuletzt, als ich als staunender Fan alle Spiele des alternden, aber immer noch unvergleichlichen Uwe Bein im Trikot des VfB 1900 Gießen verfolgt habe (also er im dem Trikot, nicht ich). Mit Uwe Bein verbinde ich auch eine schöne Szene, die mir mehr wert ist als alle Journalistenpreise, die ich nie gewonnen habe. Auch so eine Art Slapstick-Nummer: Ich treffe mich mit Uwe Bein zu einem Gespräch für einen Artikel in seiner bevorzugten Eisdiele. Wir reden, plötzlich beugt sich am Nebentisch ein Mann zu uns herüber und sagt: “Bitte entschuldigen Sie, dass ich störe, aber …”

Na klar, denke ich, wieder ein Bein-Fan, der ein Autogramm haben will.

“… ich habe ein bisschen gehorcht, Sie sind offenbar gw, oder?” Und dann erzählt er, dass er schon lange ein Fan meiner Kolumnen sei. Den echten Prominenten kennt er, aber beachtet ihn nicht. Uwe Bein, der schon routiniert sein Autogramm schreiben wollte, sitzt staunend dabei. Herrliche Situation. Wie ausgedacht für einen Sketch, aber die nackte Wahrheit.

Auch nackte Wahrheit, eine Memento-Mori-Szene gestern abend im türkischen Restaurant in Höchst: Plötzlich Getöse am Nebentisch hinter meinem Rücken. Ein Kellner hat einen Gast mit Kaffee überschüttet. Schwager und Schwägerin, mit denen ich eine Main-Radtour unternommen hatte und die mir gegenübersitzen, schilden mir die Szene. Wundern sich, dass der Kellner in der Küche verschwunden ist und niemand vom Personal kommt,  um sich um die Unordnung zu kümmern. Die Gäste hinter mir bringen alles selbst in Ordnung. Weniger Minuten später flackert draußen Blaulicht auf, hält vor dem Restaurant. Wir sehen im Fenster, dass hintenrum eine Trage in die Küche gebracht wird. Hat der Kellner sich am Kaffee verbrannt? Kann ja wohl nicht so schlimm sein. Ich mache noch den schwarzen Kalauer, da könne ich ja jetzt auch hin, da könne man mir in einem Aufwasch auch die Augenbraue nähen. Dann stellt sich heraus:  Einer der Gäste am Nebentisch, offenbar medizinisch bewandert, hat erkannt, was los ist und den Notarzt alarmiert. Der Kellner hat den Kaffee nicht aus Dappischkeit verschüttet, sondern weil ihn der Schlag getroffen hat. Er hatte es gerade noch zurück in die Küche geschafft, wo er zusammengebrochen war. Sein Glück im großen Unglück, dass der Gast den Schlaganfall erkannt hat und der Notarzt so früh da war. Hoffentlich sein Glück, denn wie es weiterging, weiß ich nicht.

Meldung der Nacht: In Nordhessen sind drei Geschwister in einem Teich ertrunken.

Wie komme ich jetzt in die richtige Stimmung für locker-leichte Montagsthemen? Was muss, muss.

Baumhausbeichte - Novelle