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Montagsthemen (vom 20. Juni)

Was in der für die Endrunde letztlich belanglosen Vorrunde so alles kommentiert und analysiert wird, müsste man sammeln, katalogisieren und schließlich dem gegenüberstellen, was die selben Kommentatoren nach dem Finale analysieren werden. Zum Glück der Klugschreiber und -redner macht sich niemand diese öde Mühe. So bleiben sie bis in alle Fußball-Ewigkeit die Oberschlauen des jeweils letzten Tages.
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Was, wie immer in dieser Kolumne, zwar böser Zeigefinger ist, aber mit allen Restfingern zurück deutet. Wenn ich als Oberschlauer des Montagsthementages heute meinen Schluss aus den beiden deutschen Spielen ziehe, weiß ich daher, dass dies schon morgen in der Zeitung von gestern steht. Nämlich: Um unsere einfalls- und harmlos auftretende Mannschaft aufzuwecken, die uninspiriert und ohne echten Biss ihren Stiefel runterkickt, sollte Joachim Löw ein Zeichen setzen und Jerome Boateng zum Kapitän machen.
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Ein Zeichen nicht gegen Rechts und Rassismus – das wäre viel zu simpel und zu plakativ. Sondern ein Zeichen zum Aufbruch, personifiziert in dem sanften Riesen Boateng, dem der Kragen platzt und der mit seiner Kraft, Schnelligkeit, Dynamik und Technik die schaumgebremsten Kunstfußballer, diese Özils und Götzes, diese verschlampten Genies, als Anführer aus ihrer Lethargie weckt und mitreißt. Kein Job übrigens für den unvergleichlichen Thomas Müller, der als Unikat, Fußball-Sonderling und Raumdeuter eine Mannschaft bereichert, aber nicht inspirativ führen kann. Dazu brauchen die Künstler einen der Ihren und keinen von einem anderen Stern.
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Und als Applikation, als buchstäblich mobile App, sollte Leroy Sané ins Spiel kommen, der Mann, nein, der Junge für das Überraschende. Einer wie er könnte den Unterschied ausmachen. Den machte er schon zu EM-Beginn aus, als ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung wegen seiner »strahlenden, federnden und funkelnden Art« zur »Nummer eins« in Löws Kader ernannte. Allerdings vorerst nur als Dressman im Mode-Magazin der FAZ. Das halbmeterhohe Halbakt-Cover hängt sicher schon in manchem Jugendzimmer und wird angehimmelt. Von beiderlei Geschlecht.
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Cristiano Ronaldo dagegen steigt vom Angehimmelten immer mehr hinab zum Verspotteten. Schmähfrage: Wie hieße Ronaldo, wenn er Isländer wäre? Antwort: Heuldochson. Hübscher Gag, der sich rasend schnell verbreitet, dessen Erfinder aber im anonymen Netz verschollen bleibt. Doch auch dieser Spott hat eine vielleicht extrem kurze Halbwertzeit, so kurz, dass sie den Atomausstieg überflüssig machen würde. Schon gegen Österreich verhinderten nur der Pfosten und Oka Nikolov eine Tor-Gala von Ronaldo. – Nikolov? Nein, der gute Mann heißt ja Robert Almer und ist wie unsere Eintracht-Ikone kein Welttorhüter, sondern Allerweltskeeper, hielt aber gegen Portugal wie Oka einst beim 0:0 in München.
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Noch einmal zurück zum eingetragenen Warenzeichen CR7. Wenn der Spott wächst, wächst auch mein Mitgefühl. Der kleine Junge will doch nur spielen und im Sandkasten alle Förmchen für sich haben. Ganz anders als Zlatan Ibrahimovic, der im Sandkastenalter schon ganze Stadtviertel aufgemischt hat. Ronaldo geht nun als Außerirdischer den biologischen Weg alles Fußball-Irdischen. Er war nie mitspielender Vorbereiter, sondern immer »nur« Vollstrecker, wird aber als Exekutor ohne seine unvergleichliche Dynamik und Athletik zum Henker ohne Beil. So geht er von Alterungsjahr zu Alterungsjahr immer zwangsläufiger den Weg zum unvollendeten Vollender. Ähnlich wie Messi, obwohl dieser ganz anders gestrickt ist.
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Wenigstens hat Ronaldo ein paar Sympathien gewonnen, als er nach dem Spiel geduldig wartete, bis der aufgeregte Fan das Selfie seines Lebens schoss. Wobei nur böse Muppet-Opas wie ich fragen, ob dies die PR-Berater als Wiedergutmachung für Ronaldos Island-Arroganz inszeniert haben. Unabhängig davon: Einen egomanisch-arroganten Spruch wie Frankreichs neuer Liebling Dimitri Payet würde selbst ein Ronaldo nicht bringen: »Ich habe heute wieder den Unterschied gemacht.«
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Manche Wortschöpfung, siehe »Heuldochson«, macht mich neidisch. Wie auch eine Kreation von Holger Gertz, der in der Süddeutschen Zeitung den in Frankreich wütenden »Glatzen« und überhaupt allen ihnen Gleichgesinnten eine »bis ins Innere abstrahlende Schweinsköpfigkeit« bescheinigt. Ein Wort sagt mehr als tausend routiniert-entrüstete Wörter.
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Und sonst? Relativ unbeachtet ging ein Sportereignis über die Bühne, das früher zu den Höhepunkten des Sportjahres gehörte: deutsche Leichtathletik-Meisterschaften. Selbst der Schreiber dieser Kolumne, im Herzen Leichtathlet geblieben, schwimmt da leider im Fußball-Mainstream mit. Auch den Russland-Ausschluss hat er bisher nicht thematisiert. Hier nur ganz kurz: Was unterscheidet die Fälle Fuentes (als Synonym für Spanien), die US-Skandale von Armstrong bis Balco oder die deutschen Schlagzeilen von Krabbe bis Magenta vom angeblichen russischen Staatsdoping? Was russische  von englischen Schweinsköpfen?
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Es herrscht wieder kalter Krieg. Mancher Nostalgiker hat ihn sich ja in diesen wirren, chaotischen, terrorverseuchten Zeiten zurück gewünscht. Nun haben wir beides. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport, der nur als Aufhänger missbraucht wird, nicht mehr allzu viel zu tun. Sondern rein gar nichts.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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