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Sport-Stammtisch (vom 18. Juni)

Wenn zwei Mannschaften sich auf mittlerem Niveau neutralisieren, kommt der neutrale Zuschauer aus dem Gähnen gar nicht mehr raus. Wie gut, dass wir nicht neutral sind. Also: Spannend war’s wenigstens für uns. Aber welch ein Unterschied zum rasanten Ruff-unn-runner-Match von Frankreich und Albanien!
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Überhaupt muss ich zugeben, dass die von mir aus sportlichen Gründen für bescheuert gehaltene EM-Aufblähung immerhin für den Zuschauer Vorteile hat. Gerade die »Kleinen« bieten die Show, auf die wir bei den Großen noch warten müssen.
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»Im Zweiten spielt man schlechter«, schreibt das Fußballmagazin 11Freunde in Anspielung auf die ZDF-Eigenwerbung. Gemeint ist das ominöse zweite DFB-Spiel bei Turnieren, es trifft aber auch auf die Zwischenmoderationen zu. Die Neu-Experten unter den Altfußballern wirkten jedenfalls früher auf dem Platz spritziger und einfallsreicher als jetzt am ZDF-Mikro.
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Ausnahme Olli. Kahn ist mittlerweile in seine Rolle hineingewachsen. Nachdem Mehmet Scholl zuvor in der ARD vom neuen Abzählspiel »Packing« geschwärmt hatte, nahm ihn sein alter Bayern-Kumpel nach dem Sieg der Italiener hübsch auf die Rolle und twitterte: »So Mehmet, jetzt erklär mir mal ganz genau die Packingrate …«
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Ich tu’s nicht, ich will keine Leser verkraulen … oh, das falsche Verb, sorry, Freudscher Verschreiber nach dem 80-Prozent-Kraulen … vergraulen. Außerdem: »Ganz genau« könnte ich es sowieso nicht. Simpel gesagt, geht es darum, nicht mehr die Quantität, sondern die Qualität der Pässe zu zählen. Das gilt in der grassierenden Fußball-Statistikerei schon als Ei des Kolumbus. Aber das alte »Rat-Pack« der Italiener scherte sich nicht um die neue Packing-Rate und spielte mit ihrem alten Stiefel die jungen wilden Belgier aus den Schuhen. Laut Packing hätten die Italiener eine Packung bekommen müssen.
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Fremdschämen. Wenn Zuschauer im Stadion, die entdecken, dass sie im Fernsehbild sind, ausflippen und in Ekstase geraten, wende ich den Blick unangenehm berührt ab. Es ist ein globales Phänomen und damit der kleinste gemeinsame Nenner für Andy Warhols Prophezeiung vor einem halben Jahrhundert: »In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.« Die Zukunft ist da, jetzt kann jeder aber nur für fünf Sekunden und lediglich anonym weltberühmt werden und zehrt davon ein Leben lang. Wie unendlich traurig. Natürlich kann heutzutage auch jeder Idiot in fünf Sekunden für immer weltberühmt werden, aber das ist ein anderes, noch viel traurigeres Thema. Irgendwie hängen beide jedoch zusammen. Grundsymptom innere Leere?
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Trübe Gedanken. Es gab ja in den letzten Tagen einige. So hat Muhammad Alis Tod viele angerührt, vermutlich vornehmlich, weil Ali das Leben von Menschen meiner Generation über Jahrzehnte begleitet hat, beginnend mit den prägenden Erlebnissen nächtlicher Fernsehstunden. Nicht vergessen sollte man aber auch, dass Ali seine Gegner immer unsportlich beschimpfte, verhöhnte und verächtlich machte. Zwar genial bösartig, aber: bösartig.
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Ein großer deutscher Toter: Rudi Altig. Er hat sich selbst ein spätes Denkmal gesetzt, als er im munteren Trio mit Joey Kelly (früher »Kelly Family«, später Extremsportler) und Rad-Heroine Jeannie Longo den Nordseeküstenradweg befuhr, den mit 6000 Kilometern längsten ausgeschilderten Radweg der Welt. ARTE drehte eine zehnteilige Doku, mit einem auch in seinen hohen Siebzigern noch quietschfidelen und fitten Rudi Altig. Wird bestimmt bald wiederholt.
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Kein großer Deutscher war jener Fußballtrainer, auf dessen Tod die deutsche Fußballszene fassungslos und mitfühlend reagiert hat. Von Burn-Out und Depressionen war die Rede, vom gnadenlosen Fußballgeschäft – aber abrupt verstummten die emphatischen Bekundungen, als fiese Hintergründe bekannt wurden. Bei Bayer in Leverkusen wurden die Kerzen, Bildchen und Kondolenztexte schnell weggeschafft.
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Zum Schluss das Wetter. Vorgestern sichte ich eine Lücke im dräuenden Wolkenhaufen und nutze sie zu einer Mini-Radtour. Hat zuletzt immer gut geklappt, aber diesmal gerate ich in einen Starkregen mit Blitz und Donner. So etwas hat mich früher nie gestört, da ich der irrigen und irrsinnigen Annahme war, auf dem Fahrrad sei man vor Blitzen geschützt, wegen der Reifen. Keine Ahnung, wie ich darauf kam. Jetzt weiß ich es besser, und schon genieße ich solche Fahrten nicht mehr, sondern fürchte sie.
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Das erinnert mich an meine Lieblingszeile in »World« von den Bee Gees: »Now I found, that the world ist round, and of course it rains every day.« Wissen ist nicht Macht, sondern macht miese Laune. Kleiner Trost vor einem  nassen Wochenende: Nur wem die Welt eine Scheibe bleibt, dem scheint immer die Sonne.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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