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Noch ganz dicht? (“Anstoß” vom 16. Juni)

Zur 80-Prozent-Gewissensfrage schweigen seriöse Medien (ich also nicht), das millionenfach angeklickte Netz lacht sich schief, und der DFB protestiert. Erst reagiert er empört, weil uns die UEFA schamhaft Bilder von der Fan-Randale verweigert, dann zeigt sie schamlos wirklich ALLES, aber das bringt den DFB erst recht in Wallung. Rache ist nun mal ein Gericht, das am besten kalt genossen wird.
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In Zeiten von »La Mannschaft« darf der Hinweis nicht fehlen, dass diese Redewendung erstmals 1841 beim französischen Schriftsteller Eugene Sue (Nachname ist Kreuzworträtslern geläufig) auftaucht. Im Roman »Mathilde« heißt es: »La vengeance se mange très-bien froide.« Manchmal ist die deutsche Sprache aber prägnanter: ›Rache ist Blutwurst« (»Im Westen nichts Neues«, Erich-Maria Remarque, 1929).
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Zurück zum Thema. Eier! Und nicht nur die. Löw untersuchte auch achtern gründlich, und oben popelte er, was die Nase hergab. Öffnungsmäßig fehlte anatomisch nur die Probebohrung nach Schmalz in den Ohren. Typische Übersprungshandlung, sagt der Küchenphilosoph und liest nach: »Sie kann in einer konfliktträchtigen Stress-Situation als beruhigend empfunden werden.« Aber was »harmlos mit dem Kratzen des Kopfes beginnt«, daraus kann auch »eine Zwangsneurose werden«, zum Beispiel, »indem man alles in der Umgebung gerade rückt«. Wie böse das enden kann, weiß Loriot am besten. »Das Bild hängt schief!«
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Manuel Neuer in allen Ehren, aber dem Geraderücker Löw fehlt nur der kompetente Torwart, daher muss er zur Selbsthilfe greifen und das tun, was für Dr. Kai Braun aus Gießen zur Kernkompetenz im Tor der deutschen Ärztenationalmannschaft und im Beruf als Urologe gehört: Dafür zu sorgen, dass alles dicht bleibt und nichts in die Hose geht.
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Löws Kraulen, Kratzen und Popeln ist allerdings noch weit entfernt von echten Zwangsneurosen wie jener des italienischen Trainers Fabio Capello. Der ist extrem abergläubisch, schneuzt vor jedem Spiel zwanghaft in die Hand, dann steckt er sie in die Tasche und putzt sie dort ab. Wenn ihm jemand zum Sieg gratulieren will, verlangt es der Aberglaube, dass Capello zuvor an sich den Michael-Jackson-Griff ansetzt. Mit der anderen Hand. Die Hand, die er aus der Manteltasche zieht, wird dem Gratulanten gereicht. Wie einst in Turin dem damaligen Bayern-Trainer Felix Magath, der dabei gar nicht felix aussah.
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Nach der von Podolski gestellten zu einer ganz anderen »Gewissensfrage«. In der gleichnamigen Kolumne im SZ-Magazin beantwortet Dr. Dr. Rainer Erlinger Leserfragen, zuletzt die von Eva H. aus München: »Mein Partner ist Fußballer und sieht sich gerne Spiele mit seinen Freunden in der Kneipe an. Ich bin nicht so interessiert, aber EM und WM schaue ich sehr gerne in Gesellschaft. Kann ich verlangen, dass er jetzt bei der EM bei Deutschland-Spielen bei mir zu Hause bleibt?« Dr. Dr. Erlinger tendiert in seiner gendertauglich relativierenden Antwort zum Gemeinsamgucken. Doch schon wenn ich einen Satz lese wie »Ich bin nicht so interessiert, aber EM und WM schaue ich sehr gerne in Gesellschaft«, dann kann ich echte Zwangsneurosen entwickeln. Und wer mich dann mit dem Smartphone aufnimmt, könnte mit den Klickzahlen sogar  Löws Youtube-Rekord knacken.
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Fatal wäre nur, wenn die deutsche Abwehr heute ein Hühnerhaufen ist und die dort oft zu beobachtende Übersprungshandlung zeigt, die auch als »fight or flight« bekannt ist: So fangen Hühner, die sich nicht zwischen Kampf oder Flucht entscheiden können, plötzlich an, hektisch auf den kahlen Boden zu picken, als würden dort Körner liegen. Also Jungs: Fight! Sonst geht’s in die Hose. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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