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Sonntag, 12. Juni, 7.00 Uhr

Da bin ich wieder. Eine halbe Stunde zu spät, aber schon seit fünf aktiv. Sichtung des aufgelaufenen Materials. Abgemeldet hatte ich mich nicht, nach den guten Ratschlägen von Lesern, nicht öffentlich Urlaub anzukündigen, weil dies eine Einladung für ungebetene Besucher sei.

Nach der Rückkehr alles in Ordnung, aber ziemlich zugewuchert. In dieser Woche muss die Natur hier ideale Wachstumsbedingungen gehabt haben. Dort, wo ich war, hat es seit vielen Wochen nicht geregnet. Nicht in der Wüste, sondern dort, wo diese FKK-Anekdote spielt: Als der Kulturbeauftragte, Dichter und Verfasser der DDR-Hymne Johannes R. Becher  1951 am Ostseestrand spazieren ging, kam eine reife Frau, im besten Alter und wie die Natur sie geschaffen hatte, aus dem Wasser. Becher stellte sie und fuhr sie reichlich ungalant an: “Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau!?” Kurze Zeit später hatte Becher in Berlin die Laudatio auf die Schriftstellerin Anna Seghers zu halten. Ihr sollte der Nationalpreis der DDR verliehen werden. Unter Genossen duzte man sich. Also begann er: “Liebe Anna …”, worauf Anna Seghers ihn lächelnd unterbrach und öffentlich korrigierte: “Für dich immer noch die alte Sau.”

Das muss ich unbedingt und irgendwie in die “Montagsthemen” einbauen. KKKK und ich haben sich jedenfalls bekringelt. Was noch? Schwierig, ich spüre wieder einmal, dass meine Kolumnen auf den ständigen Strom von Nachrichten angewiesen sind, wichtigen und vor allem scheinbar oder tatsächlich unwichtigen, die oben in den Trichter geschüttet werden und unten als 99 Prozent Streu und 1 Prozent Themen-Stichworte rauskommen. An der Ostsee habe ich nur selten und nur elektronisch den Nachrichtenfluss beobachtet, reingesprungen bin ich erst gar nicht. Auch in die Ostsee nicht. Viel zu kalt.

Verkompliziert wird die Kolumne durch den Auftakt der deutschen Mannschaft. Da ich keinerlei Lust habe, die Montagsthemen erst während und nach dem Spiel zu schreiben (zumal die “Anstoß”-Kolumnen nicht den Anspruch haben, aktuelle Leitartikel zu den wichtigsten Themen zu sein, im Gegenteil, sie sollen im Idealfall und en Passant Kontrapunkte dazu liefern), wird über den Montagsthemen der aktuelle Spielbericht stehen (nehme ich jedenfalls an, geht mich als Rentner aber nichts mehr an), der Leser weiß also schon, was der Schreiber noch nicht weiß. Im Prinzip kein Problem, aber man muss sich hüten. Zum Beispiel Leroy Sane. Der Junge ist als Halbakt Coverboy des mächtig anspruchsvollen FAZ-Modemagazins. Wenn ich dazu Sätze schreibe wie: Damit hat er schon jetzt den Durchbruch geschafft, mehr geht gar nicht, oder gar: So sieht der kommende EM-Star sein, und Sane wird heute eingewechselt, verletzt sich und fährt nach Hause, wäre dies für mich fast so unglücklich wie für ihn.

Über Becher könnte ich zu den Hymnen kommen und zu Seume, zu Ali könnte ich den Kontrapunkt setzen, dass er seine Gegner unangenehm unsportlich schlecht gemacht hatte, und zum Suizid des deutschen Fußballtrainers anmerken, wie fassungslos und mitfühlend die Fußballwelt reagierte und abrupt verstummte, als die fiesen Hintergründe bekannt wurden. Außerdem Kontrapunktisches zur EM an sich (Blähung/Meteorismus) und ein bisschen Leser-Post – irgendwie wird’s schon werden. Bis dann. Jetzt erst mal zum Höhepunkt des Tages: Kaffee, Kucken, Knicks und Kuss.

Baumhausbeichte - Novelle