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Montagsthemen (vom 13. Juni)

Was 1960 als »Zeitverschwendung zwischen den Weltmeisterschaften« (Bundestrainer Herberger) begann, daher ohne Deutschland und weitgehend unbeachtet, hat sich ein halbes Jahrhundert später zu einem fast schon größeren Event als eine WM entwickelt. Betonung auf »Event«, denn die Eventisierung nimmt krankhafte Formen an. Wer in einer zweiwöchigen Vorrunde, nach der gerade mal acht Mannschaften ausscheiden, auch Schweiz gegen Albanien oder Slowakei gegen Wales nicht auslässt, leidet jedenfalls und definitiv an Meteorismus. Aufblähung. Nebenwirkung: Flatulenz. Jeder Pups wird medial ausgiebig beschnüffelt.
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Michel Platini ist ein Verbrecher des Fußballs. Sagt Marcel Reif. Nicht wegen Platinis Verstrickung in diverse Skandale, sondern gerade wegen dieser EM-Aufblähung auf 24 Teilnehmer. Einziger Grund dafür: mehr Spiele = mehr Reibach. Die Asse, die schon vor dem EM-Start 60 Spiele in den Knochen hatten, »fahren auf der Felge« (Reif). Der beste Fußball der Saison ist längst gespielt (übrigens von den Bayern), Europameister wird, wem auf dem Weg ins Finale, klug auf der Felge fahrend, die wenigsten Topspieler entkräftet, entkernt und lädiert abhanden kommen.
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Hast Du Töne? Fragt nicht der Arzt (Stichwort Meteorismus), sondern der Zuschauer vor dem Bildschirm, dessen liebstes Gesellschaftsspiel die Mundkontrolle bei der Hymne ist. Zwischen weit aufgerissen mitschmetternd und verbissen die Lippen aufeinanderpressend liegt die Bandbreite. Böse Menschen haben keine Lieder, glaubt der Volksmund, doch auch darin täuscht er sich. Zumal er den Originaltext verfälschend verkürzt, denn bei Johann Gottfried Seume heißt es: »Wo man singet, lass dich ruhig nieder /ohne Furcht, was man im Lande glaubt / wo man singet, wird kein Mensch beraubt: Bösewichter haben keine Lieder.« – Also: Singt oder singt nicht, ohne Furcht, was man im Lande glaubt.
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Wer die Texte der Nationalhymnen studiert, dem schaudert oft, welche bösen Gedanken darin stecken. Die beiden neudeutschen Nachkriegshymnen gehören zu den wohltuenden Ausahmen. Ja, auch die Becher-Hymne. Auf die wollte ich unbedingt zu sprechen kommen, denn im Kurzurlaub an der Ostsee hörte ich diese dort spielende FKK-Anekdote: Als Johannes R. Becher, der Kulturbeauftragte, Dichter und Verfasser der DDR-Hymne, 1951 am Ostseestrand spazieren ging, kam eine reife Frau nackt aus dem Wasser. Becher pflaumte sie an: »Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau!?« Kurze Zeit später hatte Becher in Berlin die Laudatio auf die Schriftstellerin Anna Seghers zu halten. Ihr sollte der Nationalpreis der DDR verliehen werden. Unter Genossen duzte man sich. Also begann er: »Liebe Anna …«, worauf sie ihn unterbrach und öffentlich korrigierte: »Für dich immer noch die alte Sau.«
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In der kurzen Kolumnenpause gab es einige sehr freundliche Zuschriften, für die ich mich herzlich bedanke. Zum Beispiel bei Erhard Sauer: »Sie haben mir mal wieder so ganz aus dem Herzen geschrieben mit Ihrem treffenden Hinweis ›warum müssen sich die Deutschen immer moralisch vordrängeln‹. Klasse und danke dafür!« – Bitteschön. Gern geschehen.
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Jetzt würde ich sehr gerne Erfreuliches berichten, aber durch die Ungnade des frühen Redaktionsschlusses weiß ich im Gegensatz zu Ihnen, liebe Leser, nicht einmal, ob es überhaupt Erfreuliches vom Auftaktspiel zu berichten gibt. Aber immerhin kann ich die in Zeiten der Eventisierung nicht unerhebliche Randnotiz weiterreichen, dass Mario Götzes Freundin »Ann-Kathrin Brömmel zuvor mit Bill Kaulitz und Jimi Blue Ochsenknecht liiert« war (FAS). Eine deutliche Verbesserung, wie ich finde. Spielerfrau ist ja neben Model der weibliche Traumberuf schlechthin, idealerweise in Personalunion, und als Euer Laufbahnberater, liebe Mädels, verrate ich hier den allerersten Schritt, den jede Azubi gehen muss. Nein, nicht gehen, sondern schon dabei lässt man sich tragen: Ihr müsst beim Public Viewing einem Kerl auf die Schulter steigen (welchem, ist irrelevant, den sieht man sowieso nicht) und im engen Nationaltrikot hemmungslos jubeln – das Bild geht in die Welt. Ihr müsst nur aufpassen, dass nicht neben Euch eine Konkurrentin auf die gleiche Idee kommt und Euer Alleinstellungsmerkmal für das Motiv zerstört. Da gibt es nur eins: Runnerstumbe! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle