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Sport-Stammtisch (vom 4. Juni)

Gäbe es einen Fußballgott, hätte er Marco Reus nicht nur die Begabung, sondern auch das dazu passende Laufwerk mitgegeben. So aber erinnert Reus immer wieder an den früheren Zehnkämpfer Frank Busemann: das Talent zu gewaltig für den zarten Körper. Die Beispiele widerlegen auch Einstein: Gott würfelt doch! Und mir hat er leider die umgekehrte Reus-Busemann-Kombination hingewürfelt.
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Da wir nicht im alten Griechenland leben, haben wir nicht viele Götter, also auch keinen speziell für den Fußball zuständigen, sondern nur den einen, den großen Generalisten. Aber der würfelt auch ganz gerne. Marcel Reif hat dabei eine Glückssträhne erwischt, nach der für andere Kommentatoren nicht allzu viel an Talent übrig blieb. Manche nennen ihn daher auch Kommentatoren-Gott. Allerdings gibt es genauso viele Atheisten, die gerne wenigstens an die Hölle glauben und Reif dorthin schicken würden, wahlweise dahin, wo der Pfeffer wächst.
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In den Medien, deren eigener Anspruch dem gleicht, den sie ihm bescheinigen, wurde Reif zum Abschied hymnischer gefeiert als alle Fußball-Götter von Kohler bis Zampach zusammen (Ausnahme: Toni Turek). Aber kaum waren die Tränen geweint, sie kullerten noch, da startete Marcel Reif ein Comeback in überirdischem Tempo. Die Zeit präsentiert ihn stolz als neuen Fußball-Kolumnisten, und im Fernsehen werden wir ihn schon bei der EM als SAT.1.-Experten wiedersehen.
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Ob das der kongeniale Ort für Reif ist? SAT.1 hat erst in dieser Woche meine Hitliste der grässlichsten Sendetitel gestürmt und »Hier steppt der Bär« vom ostdeutschen Karnevalssender MDR an der Spitze abgelöst. Die neue Nummer 1 heißt »15 Dinge, die schwarz-rot-geil sind«. Schreiben kann ich es gerade noch, obwohl sich die Fingernägel aufrollen. Aussprechen wäre mir unmöglich. Jedenfalls ist der Unterschied zwischen Mann und Frau sehr viel kleiner als der zwischen Menschen, die auf die Frage nach 15 Dingen, die »schwarz-rot-geil sind«, ernsthaft antworten und denen, die darauf nur mit in dezenter Verachtung hochgezogener Braue reagieren.
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Und nun würde ich gerne eine Exkursion in die aktuelle Doping-Landschaft unternehmen, mit Abstechern nach Russland und Jamaika, aber überwiegend in heimischen Gefilden, doch habe ich mich mit den Fußball-Göttern zu sehr verplaudert. Daher bleibt mir nur das Fazit eines Doping-Symposions in Frankfurt. Das stellte in dieser Woche fest, ein effektiver Kampf gegen Doping sei entgegen aller die Öffentlichkeit täuschenden Sonntagsreden nicht erwünscht, und in Rio werden wir »die gedoptesten Spiele erleben, die es je gegeben hat« (so der Mainzer Sportwissenschaftler Perikles Simon).
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Die Doping-Diskussion, die Armenien-Abstimmung, die Flüchtlingspolitik – warum müssen sich die Deutschen immer moralisch vordrängeln? Warum nicht einfach mal den Mund und sich an internationale Gepflogenheiten halten? Deutsche Sonderwege führen meistens in die Irre. Und in das Irre.
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In Sachen Doping hat sich Robert Harting wieder einmal zu Wort gemeldet und russischen Sportlern Gehirnwäsche unterstellt. Kopf-Manipulation also. Da fällt mir ein: Kennen Sie eine Gemeinsamkeit von Klopp, Höwedes, Metzelder und Harting? Manipulation nicht im, sondern am Kopf! Ein Mode-Ding unter Promis und, wie ich irgendwo gelesen habe, ein Paradigmenwechsel der Evolution, in der Haarausfall ursprünglich einen gewissen Grad an Reife signalisiert, der auf das andere Geschlecht attraktiv wirkte. – Ich finde, dass Klopp und Harting vorher besser aussahen. Aber ich bin ja auch nicht das andere Geschlecht.
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Das ist bekanntlich meine liebste Zielgruppe, und die hat in Person von Barbara Tomsch (Reichelsheim) die »Montagsthemen«-Frage beantwortet, ob Pissoirs frauenfeindlich seien: »Natürlich – jedenfalls unter ›olfaktorischen‹ Gesichtspunkten! Das gilt allerdings auch für die Treppen und die Unterführung im Friedberger Bahnhof. Dessen Nutzung ist von je her geschlechtsneutral – trotzdem bezweifle ich, dass auch Frauen für die ›Duftnote‹ verantwortlich sind!« – Ich schwöre, dass ich noch nie, nie in der Unterführung im Friedberger Bahnhof ….
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Was ich aber immer, immer wieder mache: Radfahren. Hält fit und macht Spaß. Der mir gestern aber verging. Ein Mann meines Alters, der Zettel mit biblisch-erbaulichem Text verteilte, kam an einer Ampel auf mich und mein Rad zu, wollte mich in ein Gespräch verwickeln, sah in dem Rad offenbar den geeigneten Einstieg und fragte mit anerkennendem Unterton: »Sie fahren noch Rad?« – Noch. Ein memento mori der besonderen Art. Ich war so perplex, wie er gewesen wäre, wenn ich ihn gefragt hätte, was der Fußball-Gott gegen Marco Reus habe.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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