Archiv für Juni 2016

Mittwoch, 29. Juni, 8.15 Uhr

Eine große Gala. Ich soll sie moderieren. Live im Fernsehen. Auf englisch. Ich gebe zu bedenken, dass mein Englisch sehr rudimentär geworden ist. Das sei doch Koketterie, sagen sie. Ich habe das, sagen sie auch, schon einmal prima hingekriegt. Wann? Ich kann mich nicht erinnern. Oder doch? Ich weiß nicht. Ich weiß nur: Ich kann das doch gar nicht! Panik.

Ich wache auf. Vier Uhr. Der Traum geht, die Panik bleibt. Soll ich es machen? Soll ich die Gala moderieren? Vor Millionen Menschen, auf englisch? Gepeinigt wälze ich mich und meine Gedanken hin und her .

Vor vielen Jahren meinte ein Kollege (Gott habe ihn selig), ich sei einer wie Gottschalk und müsste das Sport-Studio des ZDF moderieren, ich sei dafür die Idealbesetzung. Damals war Gottschalk noch jung und genial, der Kollege hatte es also sehr gut gemeint. Heute, in Gottschalks  oft peinlicher Alterseitelkeit ohne Gespür für die Zeit, die über ihn hinweg gegangen ist, wäre es das Gegenteil eines Kompliments. Wie auch immer, auch der Vergleich mit dem Gottschalk von heute wäre – mit Ausnahme des identischen Alters – an Anmaßung nicht zu übertreffen. Ich weiß doch wirklich, was ich nicht kann, nämlich genau das. Ich würde durch die Kulissen und durch die Sätze stolpern, es wäre eine Oberpeinlichkeit, schon der Gedanke, so etwas tun zu müssen, entsetzt mich.

Und dennoch wälze ich mich hin und her und denke nach. Allerdings spüre ich langsam, dass mein Denken auf der Stelle kreist, wie durch Watte, und jetzt dämmert es mir mit dem Morgen: Ich träume zwar nicht mehr, aber ich bin auch noch nicht wach. Das Bewusstsein schleicht sich langsam in den schlaftrunkenen Kopf.

Augen auf. Halb sieben. Erleichtert schließe ich  sie wieder und dämmere noch einmal weg.

Nach dem endgültigen Aufwachen begrüßt mich der griechische Sprachkalender mit einem Gedicht von Kostas Varnalis. Darin heißt es sinngemäß (und ich notiere es hier im Blog nur als Stein/esbruch-Material, denn ich will es demnächst in die Kolumne bringen):

Dich betrachten, Meer, und nicht satt werden,

glatt und ganz himmelblau

und in mir reich werden

von deinem vielen Gold

Ach ja. Jeder hat so seinen Sehnsuchtsort. Für viele ist er Paris, aktuell ganz profan das Endspielstadion. Für mich die Inselwelt der Ägäis. Um so sehnsuchtsvoller, je mehr die Jahre vergehen, in denen ich nicht dort war. 2016 ist wieder eins davon. Liebe Leser, die sie gerade die Koffer packen: Grüßt mir die Ägäis!

Doch ich habe es ja auch ziemlich gut. Heute soll ein schöner Sommertag kommen. In der kühlen Morgenfrühe schreibe ich eine Kolumne für morgen (nachher schon online zu lesen), dann mache ich Siesta (ist auch ein bisschen Ägäis-Feeling), dann fahre ich Rad, und am Abend sitze ich nicht an der Salassa, am Meer, sondern an den Gestaden der Lahn. Auch nicht schlecht, oder? Nur kein Neid dort drinnen in euren Büros, Klassenzimmern, Fabrikhallen, Praxen oder, auch dort soll es Leser geben, Vorstandsetagen.

So, jetzt aber an die Hobby-Arbeit. EM-Ping-Pong mit den Lesern spielen, mit dem Queue über die Bande. Oder mit dem Volleyballschläger? Wie Mehmet Scholl? Der liefert mir den Einstieg. Gleich. Bis dann.

 

 

 

Veröffentlicht von gw am 29. Juni 2016 .
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Sonntag, 26. Juni, 6.30 Uhr

Mein Smartphone lügt. Draußen seien es nur sieben Grad, will es mir weismachen. Beim Gang zum Briefkasten wird es falsifiziert. Scheint schönes Radwetter zu geben, nach all den Tagen. Vielleicht kann ich heute, zwischen Montagsthemen und Deutschlandspiel, die beiden Storchennester bei Atzbach kontrollieren.

Atzbach. Dort einmal gewohnt, relativ kurz. In dieser Zeit drehte ein ARD-Filmer, der auch so hieß (ohne ARD, ein sehr liebenswerter Mensch) einen 45-Minuten-Film, der sonntags vor der Sportschau lief. Einschaltquote wahrscheinlich höher als bei manchem EM-Spiel, aber damals wurden keine Quoten gemessen (glaube ich). Es gab noch keine Privaten, und daher hatte jede Sendung  potenziell Traumquoten. Der Film gewann sogar Preise bei Festivals, was auch mein Verdienst war, denn ich tat Filmer Filmer den Gefallen des Scheiterns, was dem Film auch cineastische Würze gab. Untertitel: „Eine Kugel für Montral“ – leider flog sie nicht bis dorthin. Haupttitel: „Der Atzbacher“ – was ich seltsam fand, denn mit dem Ort hatte ich bis auf die kurze Wohnzeit nichts zu tun. Den Film habe ich nie gesehen, wollte ihn nie sehen, will ihn immer noch nicht sehen.

Tempi passati. Kam nur wegen der Störche drauf. Damals gab es hierzulande kaum welche, jetzt sind sie keine Seltenheit mehr. Vor ein paar Tagen sah ich sogar einen am Ortsausgang von Heuchelheim, der seelenruhig auf einer Brache mitten im Industriegebiet pickte, nur wenige Meter von der verkehrsreichen Durchgangsstraße entfernt. Werden Störche bald so zahlreich wie die Nilgänse, diese Invasoren aus dem Süden? Mittlerweile gibt es in Hessen mehr davon, als ich vor einigen Jahren auf einer Nilreise gesehen habe. Auf Texel vor wenigen Monaten konnte man kaum einen Schritt um das an einem kleinen Kanal liegende Ferienhaus tun, ohne in einen der erstaunlich großen Kackhaufen der Nilgänse zu treten. Kürzlich gelesen: Jede einzelne Nilgans kackt 170 Mal am Tag.

Die Montagsthemen werden mit keinem der beiden gestern skizzierten Einstiege beginnen. Warum soll ich mich derart verrenken? Die Funktion der Kolumne ist eine ähnliche wie die des Streiflichts in der SZ, „Zippert zappt“ in der Welt, „Das Letzte“ in der Zeit usw., ja, selbst auch ähnlich der „Post von Wagner“ in Bild. Kein Leitartikel, kein Kommentar zum wichtigsten Thema des Tages, sondern ein Spaziergang am Themenrand, und wenn’s gutgeht in einem besonderen, wiedererkennbaren Rhythmus. Diesmal also: Österreich-Schmäh statt Deutschland-Ernst, Reus (Lauf-Reus, nicht der Fußball-Reus; was macht der arme Junge jetzt eigentlich?)statt Boateng und was mir sonst noch an En-Passant-Sachen einfällt.

Halt, noch eine Notiz vor KKKK und SZ und FAS, damit ich es nicht vergesse: Der Weg ins EM-Finale auf dem deutschen Pfad gleicht meinem Weg zum Abitur. Ich ging auf ein Jungsgymnasium, das als sehr anspruchsvoll galt. Auf der Mittelstufe wurde ausgesiebt, in Obersekunda und Unterprima noch einmal, viele gingen knockout, mussten anderswo ihr Abi-Glück suchen, aber wer es bis in die Oberprima schaffte, hatte auch schon das Abitur in der Tasche. Die Oberprima galt als Ehrenrunde der besonderen Art, niemand scheiterte mehr, es war ein Erholungsjahr und das „Finale“, die Abi-Prüfung, ein Klacks gegen die vorigen Versetzungsdramen.

Aber nun ist es soweit. KKKK.

 

Veröffentlicht von gw am 26. Juni 2016 .
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Ungetwittert

Die Briten waren nie so richtig in der EU und sind jetzt noch längst nicht richtig draußen.

Veröffentlicht von gw am 25. Juni 2016 .
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Samstag, 25. Juni, 10.45 Uhr

Zurück von der Materialsammlung in der samstagsfrüh menschenleeren Redaktion. Unfallfrei gemeistert. Der blutige Abdruck, den ich letzten Samstag mit dem Kopf gegen die Glaswand geschmettert hatte, ist fein säuberlich weggeputzt.

Beim Lesen alter Ausgaben von SZ, taz, FAZ, Rundschau, Welt und Kicker Notizen gemacht. Material für den Stein(es)bruch, der dieser Blog ist. Morgen kann ich meine Handschrift vielleicht nicht mehr lesen, nein, ganz bestimmt nicht mehr lesen, daher notiere ich jetzt:

Farfan zur Eintracht? Das wäre mal ein echter Knaller (falls er noch so gut ist wie auf Schalke). Außerdem sieht der Junge dem jungen Okocha ähnlich.

Reus-Rekord nur eine Randnotiz – da will ich gegenhalten. Mit Hary und einem Vergleich.

Ibrahimovic: Wie er manchmal scheinbar minutenlang bewegungslos an der Mittellinie verharrt, ab und zu sich schlendernd die Beine vertritt, damit sie nicht im Boden stecken bleiben, bevor er sich herablässt, wieder am Spiel teilzunehmen. Bei aller Genialität: Auch daher wird er nur vor allem als Youtube-Trickser und Sprüchemacher in Erinnerung bleiben. Als Mitspieler könnte man ihn erwürgen, aber die Schweden ordnen sich demütig unter. Und alleine gewinnt selbst Ibrahimovic nicht.

Niemand spricht mehr von Österreich. Vor der EM hoch gehandelt, vor allem von sich selbst, ist die Fallhöhe beim Absturz  um so höher. Aber vielleicht ist das ein in den Genen verankertes Austria-Prinzip: Im Erfolg jubeln kann jeder, ist langweilig. Viel mehr Spaß macht der Schmäh. Wäre der Schmäh Fußball, wären sie Rekordweltmeister.

Bei aller oft unterirdischer Simpelkeit gelingt „Bild“ immer wieder mal ein Coup, der neidisch macht. Jetzt, in der Online-Ausgabe, geniales Wortspiel unter dem Bild des fett lachenden Brexit-Propagandisten Farage: „Hier lacht der Brexsack.“

Sie waren nie so richtig in der EU und sind jetzt noch längst nicht richtig draußen. (könnte ich als „Ungetwittert“ nehmen. Ja, mach ich. Gleich.)

In der Demokratie darf jeder wählen.  Warum eigentlich? Unmündige haben ja auch keine Stimme.  Warum muss man Mündigkeit nicht beweisen? Durch eine Art Einbürgerungstest für deutsche Wahlwillige. Kein Gesinnungs-, sondern ein Wissenstest.

Das IOC hat die Anti-Doping-Agentur in Rio geschlossen. Erfüllt nicht die verlangten Anforderungen. Logische Konsequenz, wenn Russland ein verallgemeinerungswürdiges Beispiel und kein kalter Krieg wäre: Brasilien wird von den Spielen im eigenen Land ausgeschlossen. Klar, Humbug. Logik kann ganz schön realitätsfern sein.

Davon  kann ich einiges morgen früh übernehmen, glaube ich. Bin noch nicht sicher, wie ich die Montagsthemen angehen soll. Einen möglichen Einstieg habe ich schon mal notiert:

Diese Kolumne wird vor dem deutschen Achtelfinalspiel geschrieben. Die Betonung liegt auf dem ersten Wort im ersten Satz. Denn sie lesen DIESE nur, wenn Spiel und Ergebnis den Erwartungen entsprechen und wir uns den echten Montagsthemen im Sinne ihres Erfinders zuwenden können: Themen, über die NICHT ganz Deutschland spricht. (und dann folgen die Themchen, vor allem Reus)

Anderenfalls müsste ich in etwa so beginnen (was meinen Sonntagabend ungemütlich machen würde, was nicht sein muss, denn Sonntagabende dieser Art hatte ich früher genug und habe nun davon genug): Ich hatte eine sooo schöne Kolumne geschrieben. Echte Montagsthemen im Sinne ihres Erfinders: Aber dann macht mir „La Mannschaft“ einen Strich durch die gemütliche Rechnung.

So, nach diesem Werkstattbericht hellt es auf. Kann ich schnell eine Radrunde drehen? Ohne klatschnass oder vom Blitz erschlagen zu werden?

Veröffentlicht von gw am 25. Juni 2016 .
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blut

Veröffentlicht von gw am 19. Juni 2016 .
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