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Montagsthemen (vom 30. Mai)

Zinedine Zidane und Diego Simeone sind völlig unterschiedliche Charaktere, aber auf ihre spezielle Art die geerdeten Gegenentwürfe zu den wolkig überinterpretierten Guardiolas und Tuchels. Bei Zidane, dessen Akzeptanz als Trainer hauptsächlich auf früherer fußballerischer Genialität beruht, verhindert schon angenehme Wortkargheit den Verdacht auf Überintellektualität. Zu Simeone schreibt Jean-Julien Beer im Kicker: »Nachdem drei Jahre über verschobene Salz- und Pfefferstreuer referiert wurde, kam ein Trainer, der einfach mal sein Steak damit würzte.« Herrlich. Darauf wäre ich selbst gerne gekommen.
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Diese Krämpfe! Wie schon in der Verlängerung des deutschen Pokalfinales. Die Fachwelt rätselt. Woran liegt es? An der Ernährungs-Mode des »Low Carb«, mit dem Magermodel Tuchel als deutschem Diät-Guru? Schon dem Laien kommt es ja auch absurd vor, den Fußballern eben jene Kohlenhydrate zu verweigern, die der hart beanspruchte Muskel zur Verbrennung benötigt. Oder liegt es am unterentwickelten Ausdauertraining der Fußballer, die langweilig-anstrengende Laufeinheiten hassen und sich nur mit Ball bespaßen lassen wollen?
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»Bespaßen« – sie »bespielten« sich über 120 Minuten, die Entscheidung nach dieser »Nullnummer« war »denkbar knapp«, auch weil kein »Doppelpack geschnürt« wurde. Toni Kroos kann es wohl »erst in einigen Tagen realisieren«. Unter manchem Jubelfoto wird stehen: »So sehen Sieger aus«, und verdächtig viele der Sieger und Verlierer (siehe Ramos!) sehen so aus, wie heutzutage jedes Männlein-Model in Mode-Magazinen aussieht – mit jenem affig gestylten Hipster-Vollbart, diesem trendigen Look, alberner noch als alle Fußballer-Sprachtorheiten, prächtig konterkariert nur von »Toni« Sailers Zausel-Wildwuchs.
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Eine Verlängerung mag die männermordende Version des Fußballs sein, aber für echte Männersportler ist dieses Attribut dem Zehnkampf vorbehalten. Allerdings weiß mann erst, wie buchstäblich »männermordend« der Zehnkampf wirklich ist, seit Bruce Jenner zur Frau wurde.
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Jenner definiert sich als Frau, Spielerfrauen definieren sich nicht als Mann, sondern über ihre Männer (es gibt Ausnahmen, siehe Frau Müller). Zur EM feiern sie ihre mediale Hoch-Zeit. Sie wollen durch einen anderen berühmt und doch als eigene Persönlichkeit anerkannt werden – da warten hinter den Spielerfrau-Models von heute schon die desperate Housewives von morgen.
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Die jagen mir immerhin nicht so einen höllischen Schrecken ein wie die zurückgekehrte ukrainische Kampfpilotin. Haben sie gesehen, wie sie sich aufführt? Wie sie empfangen wurde? Grusel, grusel. Sehr verstörend. Dieser Konflikt wird noch lange dauern. Aber das ist ein anderes Thema.
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Es gibt auch harte Jungs, sogar echt deutsche. Aus den Polizeimeldungen des Wochenendes: Ein Achtjähriger fährt mit dem Rad auf der Autobahn – Vollsperrung. Ihm passiert nichts, aber er gewinnt eine Wette um zehn Euro und ein Überraschungsei. Ein Sechsjähriger wird stundenlang vermisst, erst suchen ihn die Eltern vergeblich, dann die Polizei. Er wird heil gefunden. Alle atmen auf, er wundert sich über die Aufregung. Ich war doch nur mit dem Kinderrad auf Tour! So viele Stunden im Sattel – aus diesem Holz werden Tour-Sieger geschnitzt.
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Auch ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Mit alten Freunden. Angenehme Menschen. Gut situierte Bürger. Gebildet. Haben früher, schätze ich, SPD oder CDU gewählt. Im Gespräch, wie das so ist unter alten Jungs, werden alle Probleme dieser Welt gelöst. Dabei wird mir klar: Heute wählen sie AfD.
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Wehe, wenn in diesem Sammelbecken ein charismatischer Menschenfänger zu fischen beginnt. Noch sind es nur zweitrangige Figuren, die sich zudem oft genug lächerlich machen. Wie ihr stellvertretender Vorsitzender, der meint, die Menschen fänden Jerome Boateng zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben. Doch so lange die meisten Menschen einen wie Boateng lieber zum Nachbarn hätten als einen wie Gauland, ist Deutschland noch nicht verloren.
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Allerdings sind nicht die Dumpfbacken das Problem. Es gibt schon genug Idioten, da muss man nicht auch noch Verunsicherte, Enttäuschte und von den etablierten Parteien Entsetzte zu Idioten erklären. Wer das tut, ist selber einer. Aber auch das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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