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Sport-Stammtisch (vom 28. Mai)

Durchatmen nach der Liga-Saison und vor der EM. Die Ruhepause haben wir uns verdient. Heute Real gegen Atletico? Ach, was ist denn schon eine Stadtmeisterschaft von Madrid gegen den deutschen Relegationstitel der Frankfurter Eintracht? Diese Nervenzerfetzung! Event-Junkies, die nach Erlebnisfußball und großen Emotionen gieren, blieb im düsteren Tabellenkeller eine späte Ersatzdroge, das Methadon der Relegation.
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Niko Kovac kam, sah, siegte … und bestätigte Hölderlins unsterbliche Zeile: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Ohne Zweifel trägt das glückliche Frankfurter Ende den Namen des Rettenden. Aber ich sollte mit Hölderlins »Patmos«-Hymne etwas vorsichtiger umgehen. Als ich diese Zeile vor Jahren schon einmal in Sachen Eintracht zitierte, wies ein Hölderlin-Kenner auf die ihr folgende hin: »Im Finstern wohnen / Die Adler.« – Düstere Aussichten für die Adlerträger? Da geben wir dem Schwaben Hölderlin aber energisch Kontra mit der Forderung unseres hessischen Landsmannes Goethe für die nächste Saison: »Mehr Licht!«
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Niko Kovac war mit seiner zupackenden, antreibenden und dennoch nüchternen Art genau der Richtige für die Herkules-Arbeit der Abstiegsverhinderung auf den letzten Drücker. Aber ist er auch der Richtige für die kommenden Aufgaben in Frankfurt? Kann er eine Mannschaft neu aufbauen und perspektivisch in eine endlich verheißungsvolle Zukunft führen? Niemand weiß es, aber die Chance zu beweisen, dass er es kann, hat er sich redlich verdient. Viel Erfolg! Auf dass nicht dort, wo er das Rettende war, durch ihn auch die Gefahr wächst.
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Wie demnächst in Darmstadt? Wie demnächst in Darmstadt. Auf ein feiges Fragezeichen verzichte ich. Neuerlicher Nichtabstieg wäre eine noch größere Sensation als die schon unglaubliche in dieser Spielzeit. Doch die kann den »Lilien« niemand mehr nehmen. Nächstes Traumziel Relegation. Aber ach, manchmal spielt »Tasmania« erst in der zweiten Saison …
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Schuster weiß, warum er wechselt. Einige Spieler auch. Ginge Guardiola jetzt nach Darmstadt und führte den Verein auf Platz 15, es wäre ein Meisterstück, beeindruckender als ein Triple. Zum Abschied beschwert er sich: »Was die Leute gesagt haben, bevor ich meine Entscheidung für Manchester getroffen habe, war komplett etwas anderes als das, was sie danach gesagt haben.« – Stimmt nicht! Aber das kann der Pep nicht wissen, da er unsere mittelhessische Sportkolumne nicht liest. Die empfing ihn vor drei Jahren nicht ekstatisch jubelnd, wie alle deutschen Medien, sondern sachlich: »Ist Guardiola wirklich der beste Trainer der Welt? In Barcelona konnte er auf Cruyff bauen, der den Barca-Stil erfunden hat, und auf Xavi und Iniesta, deren kluges und ein wenig langweiliges Monoton-Tocktocktock erst durch den Genialitäts-Irrwisch Messi Einmaligkeitsgröße erreichte. All das, was ihm zugefallen ist und zugeschrieben wird, kommt erst in München auf den Prüfstand.« – Ergebnis: Im langjährigen Vergleich schneidet die Pep-Ära bei den Bayern sowohl in Titeln als auch in spielerischer Klasse hauchdünn überdurchschnittlich ab. Immerhin. Aber Weltbewegendes hat Guardiola nicht geleistet. Und nichts weniger als das hat alle übergeschnappte Fußballwelt vor drei Jahren erwartet.
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Russen raus aus der … nee, bleiben wir im Sport: raus aus Olympia? Bitte nicht. Kollektivstrafen treffen Unschuldige am härtesten. Außerdem riecht es im Weltsport immer verdächtiger nach neuem kalten Krieg. So hat der in die USA geflohene Chemiker Rodschenkow, »Whistleblower« der aktuellen Affäre, in seinem neuen gelobten Land schon eine Stellung gefunden, für die er beste Referenzen mitbringt: bei einer US-Firma, die Doping-Tests für private Zwecke anbietet. Ein Privatissime sozusagen, um für nicht private Zwecke, also offizielle Doping-Tests, »sauber« vorbereitet zu sein?
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Zum Lachen, wenn’s nicht zum Heulen wäre. Wie für Ariane Friedrich, Christina Obergföll oder Markus Esser, die jetzt Medaillen gewinnen, ohne das dazugehörige innere und äußere Erleben auskosten zu können. Habe ich eine entschiedene Meinung dazu? Nein. Bin ratlos.
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Sitze ich heute wieder zwischen den Stühlen? Als ich diese Vermutung in der vorigen Woche äußerte, setzten sich einige Leser demonstrativ zu mir. Wie Heidelinde Obermann aus Friedberg oder Matthias Weidner (Lollar), deren Zustimmungen in Sachen »Charlie Hebdo«/Böhmermann beziehungsweise Weißbierduschen und Sprachmoden im Internet-Begleitprogramm der »Anstoß«-Kolumnen (»Sport, Gott & die Welt«, dort Link zur »Mailbox«) nachzulesen sind.
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Und da wäre noch der echte Skandal, der neben den vielen aufgebauschten fast untergegangen ist: Ein Gericht hat entschieden, dass Millionen männlicher Küken im Einklang mit dem Tierschutzgesetz vergast und geschreddert werden dürfen. Da bleibt mir nur der schwarze Humor, den Küken mit dem fatalen Geschlecht zu empfehlen, die Transgenderkarte zu ziehen. Kein Gericht  würde dann noch wagen, das Selektieren und Vergasen abzusegnen. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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