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Matthias Weidner: Zwischen den Stühlen

Sie sitzen mit Ihrem Unverständnis für bajuvaroide Festveranstaltungen zwischen allen Stühlen? Ich setze mich mit Freuden dazu, weil auch ich diese Welt nicht verstehe. Dauernd geht mir eine Liedzeile von Herbert Grönemeyer im Kopf herum: „Was soll das?“ Ich finde keine befriedigende Antwort. Importierte Wiesn-Wirte, Trachtenläden und diverse dort auftretende Stars und Sternchen schon.

Und wenn wir schon so gemütlich zwischen den Stühlen sitzen, können wir über „Plastikdeutsch“ sprechen. So nannte ein lieber älterer Kollege, der schon lange seinen Ruhestand genießt, die Ergebnisse der Bemühungen des Managements, die Globalisierung zunächst in der Sprache umzusetzen. Er hielt die Fahne der deutschen Sprache hoch und nannte das „Controlling“, später „Finance“, konsequent bis zu seiner Pensionierung „Oberbuchhaltung“.

An ihn fühlte ich mich erinnert, als ich Ihre Zeilen über die neuesten Sprachmoden las und die mich zur Formulierung der Überschrift inspirierten. Das „Narrativ“ ist tatsächlich ein interessantes Sprachphänomen, da man gar nicht so schnell wie sonst erkennt, wo der Begriff herkommt. Schnelle Recherche: es hat offensichtlich einen literaturwissenschaftlichen Kontext und nicht, wie von mir vermutet, einen im englischen Sprachgebrauch. Andererseits: die schnelle Verbreitung der Nutzung spricht eher dafür, dass es im Englischen stark gebraucht wird. Wer weiß mehr?

Gerne steuere ich eine meiner Beobachtungen zur Nutzung von Redewendungen, die, wörtlich aus dem Englischen übersetzt, im Deutschen angewandt werden wie z.B. „Sinn machen“  oder „Die Bedeutung dieses Erfolgs hat er noch nicht realisiert“, bei. Zweitgenannte entlarvt den Anwender übrigens als Sprachstümper in beiden Sprachen, denn das englische „to realize“ (mit „z“! heißt: erkennen, verstehen, begreifen, mitbekommen) mit „realisieren“,  also „in die Tat umsetzen“ zu übersetzen, ist einfach falsch. Und auf dieser Basis die deutsche Sprache weiterentwickeln zu wollen, noch falscher. Geht „falscher“? Egal.

Abgeschwiffen. Also meine Beobachtung: es gibt „es“! Was „es“ ist? Ich habe keine Ahnung. Das Syndikat? Das namenlose Monster aus „Es“ von Stephen King? Ich kann nur sagen: „es“ ist bedürftig, denn „es braucht“, und zwar vielerlei in vielen Kontexten. Beispiel gefällig?  Im Artikel „Hintern hoch, Genossen!“ (DER SPIEGEL 21/2016, S. 8) beschreibt Markus Feldenkirchen den aktuellen Zustand der SPD und ihre Möglichkeiten für die kommende Bundestagswahl. Zum Schluß folgender Satz: „Damit der Versuch der Wiederbelebung glückt, brauchte es Kandidaten, die sich stellen …“. Es braucht. Es, das SPD? Es, das Sigmar Gabriel? Es, das Syndikat, das uns alle lenkt?

Tatsächlich ist es viel profaner. Das englische „it takes“ wird hier wörtlich übersetzt angewandt und dient als weiterer „Weichmacher“. Denn statt präzise zu beschreiben, wie es unsere Sprache ermöglicht, wer von den vorher im Artikel erwähnten Akteuren (Parteimitglieder, SPD-Granden, die Partei etc.) was braucht, führt Feldenkirchen das ungefähre „es“ ein. Schade!

 

Dies mein Narrativ für heute. Weiter so! Es braucht Leute wie Sie, die uns helfen, die Entwicklungen in unserer Sprache zu realisieren. (Matthias Weidner/Lollar)

Baumhausbeichte - Novelle