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Sonntag, 22. Mai, 6.30 Uhr

Sonntag, die Sonne scheint, es ist schon warm, die Familie ist gesund, der Bub heil und erlebnissatt vom USA-Urlaub zurück – was will man mehr? Mieses Karma, mieses Triple (Klopp, Eintracht, BVB) war gestern, morgen kann es sogar happy enden, warum bin ich trotzdem niedergeschlagen? Und warum setze ich in letzter Zeit so viele Fragezeichen? Gilt doch als schlechter Stil. Ist mir aber heute auch egal.

Die Leere im Kopf wird auch von den Meldungen der Nacht nicht gefüllt. Endlose Vorausberichterstattung über die Stichwahl in Österreich und als Knaller die Vogelspinne in der Bananenkiste, wegen der ein Supermarkt vorübergehend geschlossen werden musste. In Duisburg. Oder wo. Die Meldung kenne ich doch. So oder so ähnlich klingt der Hilfeschrei des Blattmachers, dem die Schlagzeilen fehlen.

Sportaufmacher in der FAS ist nicht das Pokalfinale, sondern ein Interview mit Mario Gomez. Den mag ich zwar schon immer (im Gegensatz zur deutschen Fußballmehrheit), ich habe das Interview auch noch nicht gelesen, aber mein erster Gedanke war: die armen Kollegen. Verlängerung, Elfmeterschießen, Redaktionsschluss für die bundesweite Ausgabe – ich habe das oft genug erlebt (außer an Samstagen, da nie für eine Sonntagsausgabe gearbeitet), die Hektik, das Rotieren, das Hantieren mit Ersatzartikeln für die jeweiligen Ausgaben mit unterschiedlichem Redaktionsschluss, der hochschießende Puls – und dann ist dennoch alles zu spät, nur die letzten Druckausgaben kriegen noch den Bericht vom Spiel mit, von dem man selbst, im Gegensatz zu seinen Lesern, in der anschwellenden Hektik so gut wie nichts mitgekriegt hat … und dann ist plötzlich Schluss, ausgepumpt hängt man in den Seilen, schlapp im Kopf, aber mit noch zwei, drei Stunden hämmerndem Puls. Zu Hause ist man immer noch aufgeputscht, zappt sinnlos herum (“Rrrruf mich an!” – gibt’s das immer noch?) , und am Morgen liest man dann alle Fehler, die einem in der Nacht unterlaufen sind.

Wie schön, jetzt Rentner zu sein.

Aber wahrscheinlich ist das hier Geschilderte nicht repräsentativ, vor allem nicht für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Bei uns war man alleine zu Gange, die Redaktion verwaist, nur die Nachtschicht in der Technik wartete auf die letzte Seite und hatte überhaupt kein Verständnis für den Ehrgeiz, so viele Ausgaben wie möglich mit dem aktuellen Ereignis zu füllen, und sei es, dass dadurch der weitere Ablauf gefährdet wurde. Ich hätte es mir auch gemütlich machen können: Vor dem Spiel Gomez-Interview ins Blatt, dann das Spiel entspannt am Fernseher angeschaut, danach ebenso entspannt die Seite ausgewechselt oder auch nicht, falls die letzte Ausgabe schon gedruckt war.

Der einzige berufliche Stress, den ich noch habe, ist die sonntagfrühmorgendliche Leere im Kopf ohne jede Idee für die Montagsthemen. Heute ist die Leere besonders voll mit leer … oh, Breaking News, soeben sehe ich durchs Fenster  die Nachbarin, die nach Hause kommt. Nicht vom Samstagnacht-Event, sondern von der Nachtschicht als Krankenschwester.  Auch so ein Beruf, der kein Wochenende kennt.

Habe ich schon einmal erwähnt, dass das erste K(affee) im KKKK nur am Sonntag gilt? Ich trinke sonst nur  Kräutertee. Kaffee vertrage ich nicht gut, schmeckt mir auch nicht, aber am Sonntag bin ich süchtig danach. Warum? Weil er die Leere im Kopf füllt? Jetzt geht’s los: KKKK. Nicht mit Fragezeichen, sondern mit:!!!

Baumhausbeichte - Novelle