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Sport-Stammtisch (vom 21. Mai)

Wir hatten uns aus den Augen verloren. Als wir uns nach Jahrzehnten wiedersahen, erzählte mein ehemals bester Schulfreund, später ein deutscher Spitzensportler und Olympiateilnehmer, von seiner Krankheit. Hodenkrebs. Penibel und gründlich, wie er schon in der Schule war, hatte er sich umfassend informiert. So sei er notgedrungen zum Fachmann geworden und wisse, dass Hodenkrebs, rechtzeitig erkannt, mittlerweile »zu hundert Prozent heilbar« sei. Der Schulfreund gilt schon seit vielen Jahren als geheilt. Ein anderes Beispiel, das von Lance Armstrong, ist weltweit bekannt. So gesehen sind die Aussichten auf vollständige Gesundung für Marco Russ doppelt so groß wie die auf Fifty-Fifty gesunkene Chance seiner Eintracht auf den Klassenerhalt.
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Verantwortlich, zumindest mitverantwortlich dafür ist das zwischen Schwach- und Wahnsinn einzuordnende sogenannte Anti-Doping-Gesetz, dass heuchlerische Funktionäre und ignorante Politiker (die Attribute sind austauschbar) dem Sport aufgezwungen haben. Und der Justiz! Denn wer auf die – in diesem Fall gewiss übereifrige – Staatsanwaltschaft schimpft, sollte nicht vergessen, dass das Gesetz sie zu den Ermittlungen verpflichtet. Hausdurchsuchung, Hotelzimmer und Kabinenspind filzen – welch ein Wahnsinn! Da kann man nur froh sein, dass die Beamten weder Wick Medinait für Kinder noch Nasentropfen (beide mit Ephedrin) gefunden haben, denn laut Gesetz ist auch der Besitz von Dopingmitteln eine Straftat. Knast statt Krankenhaus?
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Gäbe es dieses, sorry, bescheuerte Gesetz nicht, hätte das Procedere wie folgt ablaufen können: Dopingprobe bei Russ ist positiv. Der erhöhte HCG-Wert signalisiert aber, dass eine Krankheit vorliegen könnte. Die Sache wird streng vertraulich behandelt. Dann die Diagnose. Dank Dopingkontrolle frühzeitig! Klar ist, Russ kann risikolos spielen, zumal er sich nach diesem Schicksalsschlag psychisch dazu in der Lage fühlt. Erst nach dem Abpfiff – wenn überhaupt, da Privatsache – werden Mannschaft und Öffentlichkeit informiert. Aber durch die Mechanismen des Wahnsinns, der Methode hat, wird diese wichtige Partie vor dem Anpfiff von Beklemmung, Betroffenheit, Mitleid, Solidarität und Empathie überlagert, die für eine menschlich beeindruckende, aber leistungsmindernde atmosphärische Gemengelage sorgen.
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Bei uns galoppiert der Wahnsinn, die USA nutzen ihn zu politischen Machtspielchen (was geht das US-Justizministerium mögliches Doping in Russland an?), die Spanier ignorieren ihn und lachen sich kaputt. Sie feiern ihre Fußballmannschaften, ihre Radrennfahrer, Leichtathleten, Handballer, Basketballer und Tennisspieler. Fuentes war mal ante und ist längst post portas. Dass Dokumente verschwinden, kommt vielen spanisch vor. Es ist spanisch.
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Miese Laune, mieses Karma, denn mein ganz persönliches mieses Triple droht. Erst Klopp, dann die Eintracht, und heute …? Wenigstens gewinnt Pep Guardiola bei mir zum Abschied noch einen Sympathiepunkt, weil für ihn Weißbierduschen nur kalt sind und stinken. Mir stinken sie schon lange. Wie alles Oktoberfest-Remmidemmi außerhalb Bayerns. Wie viele bayerische Oktoberfeste feiern wir in Hessen? Schon mehr als in Bayern? Was soll der Quatsch?
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Ich weiß, damit setze ich mich zwischen die Humorstühle. Dort saß ich schon früh. Rückblende: Länderkampf Frankreich – Deutschland. Danach gemeinsames Abendessen. Plötzlich ziehen sich die Franzosen zurück. Tauchen kurz darauf kreischend vor Vergnügen wieder auf. Einige total nackt. Sie haben sich in Mehl gewälzt und aufgeblasene Präservative an den Ohren hängen. In diesem Tohuwabohu gehen deutsche Athleten zu einer teutonischen Humor-Gegenoffensive über. Sie springen auf den Tisch, schwingen die Hüften, greifen sich Teller und Tassen und schleudern sie gegen die Wand. Was hab ich mich geschämt.
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Deutsch-französischer Humor geht auch anders. Siehe Tomi Ungerer, der große Provokateur aus dem Elsass. Ich habe immer vermieden, mich zu »Charlie Hebdo« oder jetzt zum Fall Böhmermann zu äußern, da ich mich zu sehr und allein zwischen den Stühlen fühlte. Aber ausgerechnet Tomi Ungerer, der geniale Zeichner, hintergründige Humorist und wollüstige Tabubrecher, also ausgerechnet dieses alte Ferkelchen setzt sich neben mich und spricht mir aus der Humor-Seele (Quelle: Welt am Sonntag): Charlie Hebdo? »Nicht mein Humor. Nicht mal gut gezeichnet.« Böhmermann? »Es gibt Grenzen! Satire muss clever sein. Nur schockieren zu wollen, das ist billig, vulgär.« Danke, Tomi. Humor ist, wenn man manchmal eben nicht lacht.
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Zu guter Letzt mein Lieblingskalauer, über den garantiert kein Weißbierduscher lacht: Warum bleibt in London der Schnee nie liegen? Weil dort ein großer Tower steht. – Autsch! Verzeihung!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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