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Frank und mein neuer Freund (Seniorenjournal vom 21. Mai 2016)

Kennengelernt habe ich ihn im Jahr 1989. Seitdem begleitet er meinen Weg ins Alter. Vorgestellt hatte er sich mit den Worten: »Ich heiße Frank Bascombe. Ich bin Sportreporter.« Ein Kollege also, sogar mein Jahrgang. In all den Jahren bin ich gut Freund mit ihm geworden. Obwohl er mich nicht kennt.

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Natürlich kennt auch Richard Ford mich nicht. Auf seinen vierten Roman mit dem vertrauten fremden Freund habe ich in meinem progressiven Alt-Tag lange gewartet (*), mittlerweile ist die deutsche Übersetzung erschienen. »Frank« heißt im Original »Let Me Be Frank With You«, ein Wortspiel, frei übersetzt: »Lassen Sie mich offen mit Ihnen sein.« Das will ich jetzt auch mit Ihnen sein, liebe Alters-Kohorte. Sozusagen Frank und frei.

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Frank Bascombe schwadroniert und monologisiert durch sein Leben. »Der Sportreporter« wird in den späteren Romanen Immobilienmakler, leidet unter Beziehungsproblemen und schließlich an der Prostata. In seinem und meinem progressiven Alt-Tag kommt in »Frank« ein neues Problem auf uns zu: der Sturz und seine Folgen. Denn wenn wir Opas stürzen, ist das »ein nicht zu maskierendes Anzeichen dafür, dass die letzte Reise näher rückt. So werde ich auch nicht stürzen und mir die Gräten brechen.«

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Nicht stürzen! Auch ich hatte mir das auf dem Weg ins Alter vorgenommen. Früher, sehr viel früher, bin ich öfter mal gestürzt, beim Sport oder vom Rad. Dann rappelt man sich auf, lacht, schüttelt die jungen Knochen und macht weiter. So wie Frank: »Wenn ich früher auf Glatteis ausrutschte, fiel ich hin, sprang wieder auf und dachte nicht weiter darüber nach. Jetzt ist so was ein Todesurteil.«

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Aber erst, als nach einem stinknormalen Fall vom Rad die erste Rippe brach (ich war 50) und die zweite folgte (52), verbunden mit jeweils dreimonatiger Leidenszeit, dämmerte es mir: Vorsicht! Ich werde alt, die Knochen splittern. Doch kaum waren die Schmerzen vergangen, vergaß ich alle guten Vorsätze, verdrängte die glasknochenartige Alterserscheinung und pfiff wie Frank im Knochenwalde: »Was haben alle mit dem Stürzen? ›Er ist bös gestürzt und das war’s dann.‹ ›Der Ärmste ist nach seinem Sturz nie wieder auf die Beine gekommen.‹ ›Er brach sich die Hüfte bei einem Sturz und war danach nicht mehr derselbe.‹ ›Er verschied relativ bald, nachdem er im Garten gestürzt war.‹ Wie tief stürzen diese Leute denn bitte schön? Von Gebäuden runter? Über schäumende Wasserfälle hinweg? In Kanalisationsschächte hinein? Ist es weiter bis zur Erde als früher?«

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Der Übermut rächte sich. Ich war 55, rutschte auf einer Ölspur aus, fiel vom Rad und merkte gleich: Aha, wieder eine Rippe kaputt. Aber nicht nur das. Ich pfiff aus dem letzten Loch. Was wörtlich zu verstehen ist. Die splitternde Rippe hatte die Lunge durchbohrt, von Minute zu Minute bekam ich weniger Luft. Diagnose: Pneumothorax. In der Notaufnahme wurde mir – bei lebendigem Leib! Ohne Narkose! – die rechte Seite aufgebohrt und ein Schlauch in die Lunge geschoben (spür- und fast hörbar an Rippen entlang schabend – ein unvergessliches Gefühl).

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Aber eins, auf das ich verzichten kann. Auch mein Freund Frank fragt sich mittlerweile: »Warum bin ich neuerdings ein wandelnder Unfall, der jeden Augenblick passieren kann? Warum macht mir das größere Sorgen als die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt?« Nun ja, die zweite Frage unterscheidet mich dann doch von Bascombe. Aber seit dem Pneumothorax radle ich nur noch altersgemäß, und meine Rippen danken es mir. Seitdem ist keine gebrochen, geschweige denn in die Lunge gesplittert.

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Mein Schlüsselbein verzichtet allerdings auf Dankbekundungen. Mit 60 (nicht »Sachen«, sondern Jahren) flog ich fast im Stand dabbisch über den Lenker und brach mir den Knochen, dessen lateinischen Namen »Clavicula« ich mir nach der Methode »Wiederholung lernt am besten« gemerkt habe, als ich fünf Jahre später schlüsselbeinbrechend den gleichen trotteligen Sturz und mich hinlegte.

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Trotz dieser schmerzhaften Erfahrungen bin ich nicht wie der Philosoph Peter Sloterdijk (58) »zutiefst beeindruckt« von einer Fähigkeit vieler Fußballer, die er als »Manifest der Antigravitation« feiert: »Ich habe großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern.« Wo hat der Herr Philosoph das bloß beobachtet? Sicher nicht bei den Profis. Die fallen in einem Spiel häufiger als ich in zwanzig Jahren und bleiben jedes Mal länger liegen als ich nach dem Pneumothorax. Aber das hat andere Gründe und ist ein anderes Thema.

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Jedenfalls neide ich den Jüngeren ihre bruchfreien Jahre nicht. Alles hat seine Zeit. Außerdem bricht ihnen zwar so schnell kein Knochen durch, aber Wichtigeres weg – zum Beispiel die Hoffnung auf eine Zukunft in ähnlichem Frieden und Wohlstand wie in der Vergangenheit von uns Alten.

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Überhaupt, das Alter hat durchaus seine Vorteile. Bin ich hässlich? Zu dick? Zu doof? Zu schüchtern? Zu hölzern? Zu groß? Zu klein? Gehöre ich »dazu«? Bin ich Außenseiter? Was wird aus mir? Wie wirke ich auf andere? Fragen über Fragen, je jünger man ist, desto selbstkritischer beantwortet man sie, in schlimmen Fällen leider sogar oft selbstzerstörerisch. Und im Alter? Da geht man gnädiger mit sich um, und die einst so wichtigen Fragen stellen sich erst gar nicht mehr.

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Der Gerontologe Andreas Kruse (61) antwortete einmal auf die Frage, ob man das Altern irgendwie aufhalten könne, mit der Gegenfrage: »Warum wollen Sie das denn tun? Ich merke auch an mir selbst, wie sich mit dem Altern meine Psyche graduell verändert. Ich reagiere mit größerer Ruhe, die auf Überblick gründet, und größerer emotionaler Stärke. Ich werde mir mehr und mehr selbst zum Freund, kann meine Person annehmen.«

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Zum Beispiel dich, der keine großen Sprünge mehr machen kann und sich keine großen Stürze mehr erlauben sollte, du alter Trottel, mit dem ich schon so lange lebe, du bist doch eigentlich ganz in Ordnung, mein Ich, mein neuer Freund.

Haben Sie Ihren auch schon gefunden?

*) »Denn täglich grüßt das Murmeltier«, »Mein progressiver Alt-Tag«-Kolumne vom 10. Oktober 2015.

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