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Montagsthemen (vom 17. Mai)

Pfingsten pfing ja schon gut an! Oder fing Fingsten gut an? Das alberne Wortspiel ist Tradition in dieser Kolumne, ebenso ihr Titel, denn nach Ostern und Pfingsten gibt es auch am Dienstag Montagsthemen. Aber diesmal ist die Lage zu ernst für einen Kalauer – Pfingsten fing ja nun wirklich grottenschlecht an: Deutschland wird Letzter, und Frankfurt muss in die Relegation.

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Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur und wissen daher auch, dass der erste und letzte Platz beim Grand Prix politisch motiviert sind und sich – ein verwegener Spagat – gegen Putin und Merkel gleichzeitig richten. Gegen Putin wegen Krim & Co., gegen Merkel, weil es die reinste Schadenfreude bereitet, den Streber und Moral-Angeber Deutschland in die letzte Bank verweisen zu können.

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In Sachen Eintracht greift nicht die Verschwörungs-, sondern die Relativitätstheorie. Bis zur 88. Minute dehnte sich die Zeit schier unendlich, danach raste sie davon. Relegation! Ich wusste es, und Marco Russ war am Donnerstag im „Kicker“ mein unfreiwilliger Prophet. „Auf Unentschieden zu spielen, das könnte ganz schnell in die Hose gehen, wenn es bis zur 88. Minute 0:0 steht und wir ein dummes Gegentor kriegen, dann ständen wir als Deppen da.“

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Nun also Entscheidungsspiele gegen Nürnberg. Das habe ich schon “gewusst” und geschrieben, als die Relegation noch als illusionäre Hoffnung galt. Nun hofft der penetrante Besserwisser in mir aber, dass auch der Rest seiner Vorhersage eintrifft: Rettung gegen Nürnberg.

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Hannover und Stuttgart abgestiegen, Frankfurt in Not, Hoffenheim bleibt drin, Red Bull kommt rein – die Dinosaurier wer’n immer traurier.

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Die Münchner Bayern nicht, aber sie haben schon mal freudiger gefeiert. Warum räumen sie national die Titel ab und scheitern international in Serie? Interessante Theorie von Michael Horeni in einem FAZ-Leitartikel: zu wenige deutsche Spieler auf dem Platz. Barca, Real und Juve vertrauten mehr inländischen Spielern, denn „sie wissen, dass in großen Spielen nicht nur das große Geld eine Partie entscheidet, sondern dass auch die schwer zu messende Identität einer Mannschaft den Ausschlag geben kann“.

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Jetzt holen sie zwar Hummels, aber schieben (wahrscheinlich) Götze ab. Der „schnürt einen Doppelpack“, nach dem Interessenten vielleicht mehr „Geld in die Hand nehmen“. Immerhin wird kaum noch auf die „Euphoriebremse“ getreten. Es wird Zeit, dass im Fußball ein neuer „Narrativ“ geschrieben wird. Dieser, vulgo: Erzählung, ist momentan mein Favorit unter den ambitionierten Modewörtern, hat es aber noch nicht in den Fußball geschafft. Kommt noch.

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So sicher wie Russlands Ausschluss von Olympia? Zusammen mit dem von Kenia? Eher nicht. Denn bei wem beginnen, bei wem aufhören? Bei Deutschland, Spanien oder den USA? Zu Ende gedacht, könnte in Rio womöglich nur eine Mannschaft antreten – das vom IOC gesponsorte Flüchtlingsteam. Das übrigens eine der wenigen guten Ideen im Weltsport ist, zumal die Anwärter auf eine Olympiateilnahme durchaus relevante Leistungsnormen erfüllen sollen.

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Überhaupt werden im Vorfeld von Rio einige aufregende Narrative neu erzählt werden. Zum Beispiel die Geschichte von Caster Semenya. Sie (oder welche der über 50 Geschlechtszubeschreibungen auch zutreffen mag) ist wieder da und läuft goldmedaillenverdächtige Zeiten. Nachdem sie 2009 in Berlin Weltmeisterin wurde, beschloss der Weltverband eine Testosteron-Höchstgrenze für Frauen. Semenya musste ihren Hormonwert pharmakologisch quasi runterregeln wie bei einem übermotorisierten Auto und lief nur noch hinterher. Als eine indische Läuferin vor dem internationalen Sportgericht CAS die Hormonbremse kippte, wurde das Tempo-Limit aufgehoben, und Semenya läuft wieder vorneweg.

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Eine meiner frühesten Kolumnen trug den provokativen Titel „Bizarres Getto Frauensport“. Sollte ich diesen Narrativ ebenfalls weitererzählen? Nee, in dieses verminte Genderfeld stürze ich mich nicht noch einmal. Lieber zitiere ich wertfrei und ohne weitere Worte die anatomische Expertise der „Welt am Sonntag“: „Semenya ist hyperandrogen. Sie hat eine Vagina, aber keine Gebärmutter, sondern im Bauch liegende Hoden.“

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Pfingsten fing wirklich nicht gut an, zum Schluss hört aber auch alles auf. »Deutsche sollen Arabisch oder Kurdisch lernen«, fordert laut „dpa“ eine Sprachwissenschaftlerin. Integration sei keine Einbahnstraße, heißt es in der Meldung, die aus der Rubrik „Mann beißt Hund“ kommen könnte. Da frage ich beflissen zurück: Warum „Arabisch oder Kurdisch“? Warum nicht »und«? Merhaba!

 

 

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