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Sport-Stammtisch (vom 14. Mai)

Vor Wochen betrauerten sie den scheinbar unvermeidlichen Abstieg, jetzt wähnen sie sich schon gerettet und Bremen nur noch als finale Pflichtübung. Die Instabilität von Emotionen und Stimmung gehört zwar zur Grundeinstellung rund um die Frankfurter Eintracht, kennzeichnet aber auch eine schwere Persönlichkeitsstörung, bekannt als Borderline-Syndrom.
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Doch ich will keine schlechte Stimmung verbreiten. Die Lage ist zwar ernst, aber hoffnungsvoll. Stellen Sie sich vor, liebe Eintracht-Fans, sie müssten Ihr Vermögen auf eine der drei Möglichkeiten setzen, die heute nach dem Schlusspfiff Realität sein wird: Abstieg, Relegation oder Nichtabstieg. Und? Siehste. Im Fußball ist zwar alles möglich, aber am allermöglichsten ist … Nürnberg. Wenn es so kommt, ist das keine Enttäuschung, sondern eine erfreuliche Entwicklung, die ebenfalls einen Namen hat: Niko Kovac.
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Anderer Name: Fredy Bobic. Eine Personalie der alten Schule mit der  Handschrift von Heribert Bruchhagen. Geprägt von Skepsis gegenüber theorielastigen Schlaubergern, unter denen nicht nur er manchen Hochstapler vermutet, setzt Bruchhagen, um es in platten Worten auszudrücken, nicht auf Laptop, sondern auf Stallgeruch. Den hat Bobic, zudem ist er schnoddrig-schlagfertig, ein wenig wie Veh – aber was steckt dahinter? Welche berufliche Referenz weist er vor, außer der als früherer guter Fußballer? Etwa sein Wirken in Stuttgart?
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Auch das »Märchen« von Darmstadt hat einen Namen, ein Symbol: Marco »Toni« Sailer, der mit dem Bart. Obwohl noch dran, ist der Bart jetzt ab, rasiert vom Trainer. Leistungssportlich nachvollziehbar. Hätten ihn die »Lilien« wenigstens als Kult-Maskottchen behalten sollen? Doch die nächste Saison ist immer die schwerste und Sailer dann vielleicht froh, für immer ein Symbol des »Happy« zu bleiben, ohne das unweigerliche »End«. Echte Märchen gibt es nur im Märchen.
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Auch in Leicester. Obwohl der unaufhaltsame Aufstieg dort noch märchenhafter wirkt als der in Darmstadt. Die Symbolfigur heißt Jamie Vardy. Mit 20 noch in der achten Liga, musste er nach einer Prügelei im Pub ein halbes Jahr lang eine elektronische Fußfessel tragen und manchmal schon nach einer Stunde vom Platz, um rechtzeitig zu Hause zu sein, wenn seine Ausgangssperre endete. Filmreif, buchstäblich, denn die Verfilmung ist bereits geplant.
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Jamie Vardy wünscht sich Vinnie Jones als Jamie Vardy. Wen sonst? Der heutige Schauspieler Vinnie Jones galt als brutalster britischer Fußballprofi, der dreizehnmal vom Platz gestellt wurde, ein Video verkaufte, auf dem er Anleitung zu den fiesest möglichen Fouls gab, einem Journalisten in die Nase biss und Paul Gascoigne ins Gemächt, nein, nicht biss, sondern energisch griff – damals ein Sportfoto des Jahrzehnts.
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Unter den vielen Schoten, die über Vinnie »die Axt« Jones noch im Umlauf sind, gehört auch jene über ein Foul an Ruud Gullit, nach dem Jones verächtlich gesagt haben soll, Gullit habe »lauter gequietscht als die beiden Spitzbauchschweine, die ihm gehören. Es gibt ein neues Geräusch im Fußball und das wird Ausländer-Quietschen genannt.«
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Ausländer-Quietschen – so etwas würde heute weder Jamie Vardy noch Vinnie Jones himself wagen. Um so verwegener, was sich dieser Tage ein Mitarbeiter der Rhein-Neckar-Zeitung in seinem Bericht vom deutschen Rugby-Finale erlaubte. Das gewann Pforzheim gegen Heidelberg, zu den besten Spielern des Siegers gehörten zwei mit den nicht unbedingt urdeutschen Namen Mansah Sita und Tafadwa Chitokwindo, und in der RNZ las man über ihren Siegesjubel: »Wie sehr sich Simbas freuen können, wenn sie weiße Männer fertiggemacht haben, kennt man aus dem Filmklassiker ›Die Wildgänse kommen’ in dem Richard Harris und Hardy Krüger verhäckselt werden.« Da hallt ein Aufschrei durch empörungsbereite deutsche Lande: Schlimmster Rassismus! Skandal, Skandal! Ich würde das Ganze tiefer hängen: Das ist einfach nur balla-balla.
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Apropos RNZ: Vor vielen Jahren erschien  dort im umfangreichen Bericht über ein Bundesligaspiel der Heidelberger Basketballer der Name eines Spielers scheinbar völlig unmotiviert fett gedruckt mitten im Text. Ein Student, der auch im redaktionellen RNZ-Sonntagsdienst arbeitete, gewann damit eine Wette gegen seinen USC-Vereinskameraden. Namen tun nichts zur Sache. Vor allem meiner nicht. Jugendsünden.
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Zu guter Letzt, als Kontra zum schnöden Realismus oben, ein Muntermacher für bibbernde Eintracht-Fans. Nicht nur unser hessischer Mitbürger Goethe steht uns bei und widmet die letzte Zeile seines Gedichts »Symbolum« allen Eintracht-Fans (»Wir heißen euch hoffen!«), sondern auch der Norddeutsche Rundfunk. Karin und Wolfgang Scheunemann aus Bad Nauheim lasen jetzt »in einer NDR-Fernsehsendung unter der Rubrik ›Sport in 100 sek‹ folgenden Satz quer eingeblendet über den Bildschirm: ›Werder Bremen bangt um den Abstieg‹. Wir haben fast gleichzeitig geschrien.«
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Liebe Werder-Freunde, keine Bange, ihr schafft das! Mit Eintracht-Hilfe klappt das schon mit dem Abstieg. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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