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Am Anfang war das Huhn (“Wer bin ich?” vom 12. Mai)

Am Tag, als ich die Goldmedaille gewann, erlebte der Sport eine seiner Sternstunden. Nicht nur wegen meiner Goldmedaille. Sie spielte eigentlich nur am Rande eine Rolle. Aber das macht nichts. Stolz auf sie bin ich dennoch. Ich nahm vier Mal an Olympischen Spielen teil, war Landes-, Europa- und Weltmeisterin – ich habe in meinem Sport alles erreicht, mehr geht nicht.
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Das hätte zu Beginn meiner Karriere niemand für möglich gehalten. Als ich zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilnahm, hatte ich erst kurz zuvor die Sportart und damit auch das Sportgerät gewechselt. Ich war eine blutige Anfängerin, erreichte dennoch einen guten Platz. Die Spiele und das Drumherum bei Olympia haben mich verzaubert und angespornt, hart zu trainieren, um wieder dabei sein zu können. Das hat ja auch gut geklappt.
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Am Beginn stand allerdings ein fatales Missgeschick. Bei einem meiner ersten Versuche mit dem neuen Sportgerät erlegte ich ein Huhn – wie peinlich! Aber mein Freund tröstete mich und sagte: Ist nicht schlimm, das kommt in die Suppe.
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Ich musste ihn einfach heiraten. Den Bund fürs Leben schlossen wir an meinem Geburtstag. Und an seinem, denn wir wurden am gleichen Tag geboren. Mein Mann hatte viel Humor, ein großes Herz, und ich habe ihn sehr geliebt. Ach, ich liebe ihn noch immer. Ein wenig von seiner Asche bewahre ich im Wohnzimmer auf, und wenn mich Freunde besuchen, hole ich die Urne, stelle sie mitten auf den Tisch, wir prosten ihr und uns zu und sprechen mit ihm. Das gefällt ihm sicher sehr, wenn er lächelnd von oben zusieht.
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Überhaupt spreche ich lieber über ihn als über mich. Ich bin ein bescheidener Mensch, obwohl es früher hieß, ich sei eine Domina. Aber über mich, über uns wurden viele Lügen verbreitet. Ich bereue nichts und bedauere nur, dass unsere lange Ehe kinderlos geblieben ist. Mein Mann tröstete mich zwar mit seinem ganz speziellen Humor und versicherte mir, dass wegen uns die Menschheit nicht aussterbe, aber ich fühle mich manchmal doch sehr einsam. Vielleicht spreche ich deswegen so oft mit der Asche meines Mannes.
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Er streckte der ganzen Welt die Zunge raus, und dennoch schrieb ein Journalist einmal, dass er von allen geliebt wurde, die das Glück hatten, ihm zu begegnen. Nun ja, von fast allen. Funktionäre und Politiker hatten ihre Probleme mit ihm. Sie steckten ihn sogar zeitweilig zur Müllabfuhr, aber als die Menschen ihn ihre Tonnen nicht tragen ließen, sondern sie selbst zum Müllwagen brachten, war diese Episode schnell beendet.
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Ich könnte noch viel mehr Geschichten über ihn erzählen, zum Beispiel über seine praktische Ader. Da er sich aus Medaillen, Auszeichnungen und Erinnerungsstücken wenig machte, baute er später das Sportgerät, mit dem ich Gold geholt hatte (Sie wissen doch: das Huhn), zu einem Haushaltsgerät um. Putzig!
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Ach, da ist mir das Herz wieder einmal übergelaufen. Ich rede und rede nur über meinen Mann, dabei sollen Sie doch nicht seinen, sondern meinen Namen erraten. Nun ja, beide klingen so, sagte der Kabarettist Matthias Beltz einmal in dieser, in Ihrer Zeitung, wie »die Namen der Flüchtlinge, die bei uns nach ’45 in den Westen und auch nach Hessen eingefallen sind«.
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Wer bin ich? Wenn Sie mich erkennen, gewinnen Sie keine Goldmedaille, aber einen Punkt. Und Sie können noch einen Zusatzpunkt sammeln, denn ich will nicht, dass sich alles nur um mich dreht. Den zweiten Punkt gibt es aber nicht für den Namen meines Mannes, sondern für einen Spitznamen von ihm. Der bekannteste hat mit der Zunge, der andere mit seinem Humor zu tun. Wenigstens einen davon sollten Sie kennen (Einsendeschluss: Montag, 16. Mai).
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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