Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 8. Mai, 8.45 Uhr

Alles Vorgeplänkel  erledigt, inklusive Gassi und Pflanzen gießen. Die pikierten Salatpflänzchen sehen armselig aus. Die meisten sind vor Scham über ihr Aussehen in den Erdboden versunken. Das wird wohl nix. Auch FAS- und SZ-Lektüre abgeschlossen. Bin jetzt also auf der Höhe der Zeit(ung). Müsste also mit den “Montagsthemen” beginnen, bin aber noch nicht startbereit. Habe psychisch noch nicht mental die richtige geistige Einstellung. Die Psyche ist physisch schon fit, will aber mental noch geistlos rumalbern.

In London wird ein Muslim Bürgermeister, das wird als exotische Ausnahme  beschrieben, fast wie “Mann beißt Hund”. Dabei war und ist der Vorgänger des neuen Bürgermeisters der Exotischste von allen.

In fast jeder Zeitung, die ich gestern und heute gelesen habe, kommt wieder das alte Thema auf: Gehört der Islam zu Deutschland? Die Frage steht fast immer im Pärchen mit: Deutschland ist (k)ein Einwanderungsland. Beides mindestens so albern wie ich. Unterschied: Ich weiß, dass ich albern bin. Beide Fragen ernsthaft und lustvoll zu bekakeln ist eine Flucht vor der Realität ins Irrelevante.

Langsam beginne ich mich auf die “Montagsthemen” zu freuen (nebenbei: Ein Satz, in den früher ein Komma gehört hätte). Wenn’s gut läuft, wird die Kolumne so, wie sie sein soll: Unabhängig von Qualität des Stils und der Relevanz der Aussage (das Urteil bleibt dem Auge und Kopf des Lesers vorbehalten) sollen Sätze und Gedanken dominieren, die der Leser so nirgendwo sonst liest, obwohl die Sache selbst überall Thema ist. Siehe rotes Fädchen für die Kolumne: Eintracht / Bayern / Guardiola / Leipzig. Alles scheinbar konventionelle Thematik, die morgen Sportkolumnen beherrschen wird. Und bei mir? Lassen wir uns (ja, auch ich mich) überraschen.

Zu weit führen würde es, wenn ich ein FAS-Interview mit dem Präsidenten von Wiederaufsteiger Freiburg in die Kolumne einbauen würde. Fritz Keller beantwortet einige Grundfragen des Fußballs genauso oder so ähnlich, wie ich sie in meinen Kolumnen schon oft zu beantworten versucht habe. Was natürlich nicht heißt, dass er in allem recht hat. Aber für mich hat er recht. Er sagt einige Sätze, die eine grundsätzliche Einstellung zum Sport kennzeichnen und die Sportinteressierte in zwei Lager teilt. Zum Beispiel gleich die erste Frage zum Freiburger Wiederaufstieg: “Was überwiegt: Stolz, Genugtuung, Freude?” Antwort Fritz Keller: “Reine Freude. Niemals Genugtuung, die hat im Sport nichts zu suchen.” Klingt banal, ist aber auch für mich die Voraussetzung, um Sport mögen zu können. Denn reine Freude hat nichts mit einem Gegner zu tun, Genugtuung aber immer, und zwar über das Besiegen eines Gegners. Was im Fußball allerdings schwierig ist, da Erfolg immer mit der Niederlage anderer verbunden ist. Von daher war auch klar, dass ich als Aktiver nach Ausflügen in Sportarten, deren Messbarkeit nur im Ergebnis “gegen” einen Gegner besteht, in einer von denen gelandet bin, in denen man das messbare Ergebnis nicht unbedingt im Vergleich mit anderen Sportlern werten muss, sondern sich selbst als einzigen Gegner ansehen kann, den man besiegen, also sich selbst übertreffen will.

Andere Aussagen von Fritz Keller: “Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn man sich stärker fühlt, als man ist.” Oder auf die Frage, was die Grundwerte im Freiburger Fußball sind: “Keine Diffamierungen, auch nicht von gegnerischen Spielern. Keine Gewalt. Rivalität ist gut, macht auch Spaß, aber der Fußball muss immer mehr verbinden als trennen.”

Klingt nach Sonntagsrede, ist aber keine, da werktags in Freiburg praktiziert. Das ist der kleine, sehr feine Unterschied zu Sonntagsrednern wie den Zwanzigers im Fußball oder den Weizsäckers in der Politik (8. Mai, da war doch mal was?). Die letzte Anmerkung könnte mir ein paar Leser-Ohrfeigen einbringen. Aber bitte nicht so feste hauen! Und jetzt bin ich bereit für die “Montagsthemen”.  Auf geht’s.

Baumhausbeichte - Novelle