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Sport-Stammtisch (vom 7. Mai)

Einen Fußball-Gott gibt es, so wahr es Götter im Olymp gibt. Denn von dort muss er kommen, wo sie Schabernack treiben und mit hinterhältigem Humor ihr Fußvolk triezen. Sie lieben vor allem die Treppenwitze. Nicht in deren ursprünglichem Sinn, dessen Opfer wir alle schon einmal geworden sind. Erst stehen wir beim Smalltalk auf dem Schlauch, aber nachher, wenn wir schon die Treppe runter gehen, fällt uns der Hammer-Gag ein, die schlagfertige Erwiderung, mit der wir hätten glänzen können. Nein, die Götter lieben den Treppenwitz eher in seiner heutigen, gewandelten Bedeutung als Ironie des Schicksals – siehe das Triple der Woche: Bayern, Leicester und Liverpool.
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Vor drei Jahren unkte ich in dieser Kolumne, wenn der im stillen Groll gegangene Heynckes dem neuen Heilsbringer Guardiola die unerreichbare Vorgabe des Triples vor die Nase setzt, wäre dies einer der gelungensten Treppenwitze der Fußballgeschichte. – Voilà! Und all die Neben-Gags! Die landauf, landab geforderte »Taktik« hieß »Hauptsache Müller« – und ausgerechnet der versemmelt es. Der lange vermisste Abwehrchef Boateng kehrt zurück – und ausgerechnet der schlampt beim entscheidenden Tor. Endlich heldenhafter deutscher Sturm-und-Drang-Fußball statt verkopften spanischen Tiki-Takas – viel Applaus, dennoch raus.
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Ist Guardiola gescheitert? Ja, was denn sonst? Er will es natürlich nicht so sehen, seine Verehrer ebenfalls nicht. Ich ahne schon, wie er und sie sich die Fußball-Historie zurecht schreiben werden: Immer, wenn Guardiola dem Drängen der tumben deutschen Fußball-Massen und ihrer Medien nachgibt, erhalten die »Germanos« die Quittung. Spanier sind nun mal die besseren Toreros. Der Stier tobt, Picador und Banderillero erschöpfen ihn mit fiesen Nackenstichen, und am Schluss sticht ihn der Matador mit arroganter Eleganz ab. Toro!
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Ob Guardiola nur als ein Pep Messiniestaxavi in die Fußball-Annalen eingehen wird? Nach Manchester wissen wir mehr. Ob Jürgen Klopps Dortmunder Wirbeljahre einmalig bleiben? Warten wir Liverpool ab. Der Anfang ist jedenfalls gemacht. Mit den Reds steht er dort, wo der BVB hin wollte. Und nebenbei verhindert er das spanische Final-Double, wertet den »Verlierer-Cup« auf und das »richtige« Finale ab – außerhalb Madrids, beginnend mit Barcelona, schlägt bei Real – Atletico kaum ein Fußball-Herz höher.
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Der beste Treppenwitz gelang den verrückten Olympiern in Leicester. Oder haben sie nur ihre eigene Weisheit vergessen? »Mina pu sen échi ›ro‹, vále sto krasi neró.« Hat der Monat kein »r« (= »ro«), mische in den Wein Wasser (= »neró«). Schon am 2. Mai Leicester – das kann ja bis Ende August noch heiter werden. EM und Rio lassen schon mal grüßen. Hicks.
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Und die Eintracht? Wasser in den Bembel? Für den Klassenerhalt tun wir alles, selbst das. Leider gaben die Bayern eine miese Vorlage, denn Dortmund kommt nicht im Larifari-Modus, sondern mit der neuen leisen Hoffnung, durch ein Double den Münchnern sogar das Eintel zu versauen. Was für Frankfurt spricht, ist vor allem das berühmte »Momentum«, positiv am Main verkörpert in Niko Kovac, negativ am Neckar in Robin Dutt. Was ich jetzt nicht näher erläutern möchte. Auf einen, der am Boden liegt, sagte einst ein fußballinteressierter Theologe, treten nicht mal Pferde, sondern nur … auch das führe ich nicht näher aus. Kovac ist Kroate. Jedenfalls orakelt das Momentum: Bremen bleibt drin, Stuttgart steigt ab, Frankfurt schlägt Nürnberg in der Relegation. Punkt.
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Mein kleines Triple zum Schluss: Götze, Skat und Fetisch. Mario Götze hat auf Instagram eine wichtige Entwicklung in »Game of Thrones« verraten. Ältere erinnert das an die legendäre ARD-Krimiserie »Das Halstuch« von 1962 mit 89 Prozent (!!!) Einschaltquote. Damals verriet der Kabarettist Wolfgang Neuss vor der letzten Folge den Halstuch-Mörder (»Dieter Borsche war’s«) – Deutschland hätte ihn am liebsten mit dem Halstuch erdrosselt. Da kann Mario Götze das Shitstörmchen entspannter abwettern. Für alle, die Neuss und Borsche, aber nicht Games of Thrones kennen: Das ist die Serie, in der ein gewisser Böhmermann als türkischer Großwesir die deutsche Kanzlerin filetiert. Oder so.
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Skat und Fetischreiten: Beides empfehle ich als neue olympische Disziplinen. Skat, weil Olympia auch fast vergessene Sportarten fördern soll, und Fetischreiten, weil auch die Götter im Olymp was zum Wiehern haben wollen. Beim Skat will ich mitreden können, daher habe ich mir eine App zugelegt. Aber was sehe ich auf dem Bildschirm? Eine Frau spielt mit. Und die Tussi führt! Ich bin Letzter.
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Das Fetischreiten wird von »Bild« gesponsort. Täglich eine neue Meldung von dem Arzt, der im Sulky sitzt und eine fast lebensecht als Pferd verkleidete Frau durch einen Berliner Park traben lässt. Für beide ein Hobby, das sie nicht missen mögen. Der Arzt, ein Internist, näht die Kostüme selbst. Hoffentlich lässt er sich beruflich nicht zu sehr von der Leidenschaft zum sportlichen Steckenpferd ablenken – sonst wacht der Leistenbruch-Patient nach der OP auf, blickt an sich herunter und sieht da unten einen … wie bitte? Ich muss aufhören? Die Kolumne sei voll? Ich bin doch noch gar ned pferdisch! (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle