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Sonntag, 1. Mai, 6.15 Uhr

In der Nacht pfiff der Sturm durchs gekläffte Fenster, jetzt rüttelt er immer noch am Haus. Ob das mein Kopfsalat überstanden hat? Gestern pikiert und etwa 50 Pflänzchen nach draußen gestellt. Wenn sie hinüber sind, die Pikierten, bin ich pikiert.

War meine Pikier-Premiere. Tut einem im Herzen weh, wenn man die meisten Mini-Pflänzchen, die sich eine Woche lang nach oben gekämpft haben, wegwerfen muss. In den Kopfsalat-Himmel komme ich so bestimmt nicht. Das nächste Mal werde ich die Saatkörner einzeln in die Erde drücken. Diesmal hatte ich sie klumpig verstreut. Dummes Motto: Viel macht viel.

“Reden wir über Geld”-Interview am Freitag in der Süddeutschen. Meine bevorzugte Interview-Reihe, auch für “Ohne weitere Worte” meist sehr ergiebig. Diesmal mit einem alten Straßenmusiker aus Münster. Vorne im Interview (und in der  Überschrift) behauptet er, der einzige Straßenmusiker mit Großem Latinum zu sein. Hinten im Interview erwähnt er nebenbei, in der zehnten Klasse abgegangen zu sein. Auf den Widerspruch geht der Interviewer nicht ein. Schade.

Noch’n Widerspruch, aber dafür können die Interviewer nichts: Ebenfalls am Freitag, im SZ-Magazin, Interview mit Gerhard Polt. Frage: Darf Satire alles? Polt: “Ich mag dazu jetzt nichts sagen.” Am Samstag Polt-Interview im Spiegel. Hauptthema: “Über die Grenzen von Satire.” Polt sagt dazu dreieinhalb Seiten sehr viel. Sehr viel Kluges und natürlich Witziges. Ob er daran gedacht hatte, dass die Interviews hintereinander erscheinen und dass er daher nicht in beiden das Gleiche erzählen wollte?

Hübscher Dialog: Spiegel: Erst heute Morgen sagte mein dreijähriger Sohn beim Frühstück zu mir: Du alte Kackwurst. Polt: “Er greift Ihre Autorität an, braver Bub, mindestens 150 Gramm Anarchie.” Am Ende des Interviews erwähnt Polt, eine seiner Schwächen (“Ich hoffe, dass ich viele habe”) sei, dass er zu langsam Auto fährt. “Ich bin in München der Stauverursacher Nummer eins.” Spiegel: Das ist keine Schwäche. Polt: “Die Leute, die hinter mir hupen, sind anderer Meinung. Ich produziere Staus, Sie sind eine alte Kackwurst.”

Warum gefällt mir das so sehr?  Eine gewisse Dame, die mich in Kürze mit KKKK erfreuen wird, glaubt den Grund zu kennen (ich glaube, das fehlende Infinitiv-Komma  in dem Satz darf man mittlerweile weglassen). Anal-Witze kämen bei in der Vorpubertät hängen Gebliebenen immer gut an. In dem Zusammenhang erzähle ich mal schnell meinen Lieblingskacki … ach nee. Stimmt doch gar nicht, das mit der Vorpubertät. Ich stecke schon mindestens mitten in der Vollpubertät.

Darf Satire alles? Jedenfalls durfte in den letzten Tagen und Wochen jeder alles über Satire sagen. Meine Meinung ist unwichtig, aber bisher nirgends aufgetaucht: Warum sollte Satire alles dürfen? Nichts und niemand “darf alles”. Außerdem gehört zum Kern der Satire, die jeweilige Macht anzugreifen und zu verhohnepiepeln. Daher darf sie nicht gleichzeitig verlangen, dass diese Macht ihr gesetzlich das Recht einräumt, “alles” zu dürfen. Satire, die alles darf, ist keine Satire. Alles zu dürfen bedeutet, nicht ernst genommen zu werden. Und das wollen Satiriker doch, oder?  Ansonsten wären sie reine Spaßmacher.

Für mich das gleiche Problem sind die Demonstranten, die quasi verlangen, dass diejenigen, gegen die sie protestieren (in der Regel: die Macht, hier oder anderswo), ihnen gleichzeitig die Rückversicherung geben, “alles” sagen und tun zu dürfen und bei unsanfter Behandlung Schmerzensgeld und bei körperlicher Versehrtheit eine lebenslange Rente zu erhalten. Die Macht anzugreifen, mit Wort oder Tat, muss allen wehtun, dem Satiriker, dem Demonstranten und der Macht. Sonst greift sie die Macht nicht an, sondern ist ihr Hofnarr.

Wie war’s in der Nacht zum 1. Mai? Mal in die Meldungen der Nacht schauen. Ein Moment bitte …

Nichts. Gutes Zeichen. Oder kommt, wie Silvester in Köln, das dicke Ende noch nach? Nein, glaube ich nicht. Solch ein Kommunikations-Desaster kann es nicht mehr geben,

Kommunikation. Beim Suchen nach Randale stoße ich in den Meldungen der Nacht auf einen Geburtstagsartikel für Carmen Thomas. Sie wird 70. 43 der 70 Jahre lebt sie nun schon mit ihrem Sportstudio-Versprecher “Schalke 05″. Mir völlig unerklärlich, wieso ein simpler Versprecher so viel Aufregung verursacht hat, und zwar eine, auf die das viel strapazierte “nachhaltig” passt wie selten. Ist ja schon fast so lange her wie die Erfindung des Wortes “nachhaltig” (Förster, Baumwirtschaft, Knoten ins Taschentuch: nachlesen und evtll. in die Montagsthemen einbauen).

Oder auch nicht, ich glaube, die Herkunft der Nachhaltigkeit hatte ich schon mal. Aber Carmen Thomas, die muss rein. Sie betreibt jetzt eine ”Agentur für Kommunikations-Optimierung”, lese ich. Na ja. Wäre ich Satiriker, würde ich sagen: Wenn’s kein Larifari ist, dann mindestens Farilari. Kein Wort im Geburtstagsartikel über die Pipi-Geschichte vom “besonderen Saft”, die ich nicht vergessen habe (der Vorpubertäre hat auch Lieblingspipi…).

Schluss für heute früh. Diesmal gähnt mir das Themenblättchen für die Kolumne besonders leer und drohend entgegen. Natürlich, die Eintracht, Hummels, die Bayern … aber immer die gleiche Chose? Wenn schon, denn schon a la Montagsthemen im Sinne des Wortes (analog zu Montagsmaler), aus spezieller Sicht, mit eigener Maltechnik und ungewöhnlichem Blickwinkel. Genug warmgeschrieben. Ahhh!!! KKKK.

 

Baumhausbeichte - Novelle