Archiv für Mai 2016

Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Dumpfbacken

Es geht um die Dumpfbacken und die etablierten Parteien im Anstoß von heute. Nun gut: wir Bürger, Ihre Freunde, die gut gebildeten und ebenso situierten enttäuschten Freunde finden Ihr Verständnis, Herr Boateng ist ein guter Nachbar, Herr Gauland nicht. Also: These und Antithese. Aber wo bleibt bei Ihnen die Synthese? Was fangen wir mit dem Verständnis für Ihre Freunde, damit für viele andere auch, mit der Kritik an den etablierten Parteien und an den kritisierten AfD-Politikern an? Zwei Möglichkeiten bleiben. Die etablierten Parteien wenden sich endlich dem Bürger, der Bürgerin mit mehr Verständnis zu, was ich für ausgeschlossen halte, oder die Fraktion der Nichtwähler wird immer größer. Ausgeschlossen? Jawohl, oder glauben Sie, dass in Deutschland eine Auffassung wie die des österreichischen Außenministers von jenen Parteien vertreten würde? Was hat der gesagt? „Wer nach Euopa kommt, das bestimmen wir und nicht die Schlepper. Europa muss seine Außengrenzen schützen. Und Europa muss wirksamst in den Krisengebieten helfen.“ Nicht alles davon ist richtig und durchführbar. Aber es wäre ein Signal. Das kommt aus deutschen Politikerkreisen nicht. Höchstens von Herrn Seehofer. Aber der ist eine lahme Ente. Also: wohl nichts zu machen und es bleibt bei Ihrer Dialektik ohne den dritten lösenden Schritt. Ach übrigens: „Dumpfbacken“. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Kampfbegriff wirklich kritiklos verwenden sollten, stammt er doch von einer der größeren Dumpfbacken, oder wurde doch von ihm hoffähig gemacht, die der moderne Politikbetrieb kennt: Schäuble. Sein nach Griechenland geschmettertes  „Isch over“ muss doch in seiner ganzen verzweifelten Schamlosigkeit den griechischen armen Menschen gegenüber noch in Erinnerung sein. Aber insgesamt waren Ihre Einlassungen äußerst wohltuend und endlich sogar hilfreich. Respekt. Und danke. Nur: wer macht jetzt etwas daraus?

Da hilft wieder Hölderlin, den Sie unverständlicherweise zu Gunsten „Ihres Landsmanns“ Goethe aufgegeben haben.

„ Viel hat von Morgen an, Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang. Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet, Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.“

Aus Hölderlins Friedensfeier entnommen sagt dieser kurze Ausschnitt: der geschichtserfahrene Mensch trennt sich von der geschäftigen Politik, die nur das Gespräch, also These und Antithese kennt, nur zeitgeistoffen ist, und geht ein Bündnis mit sich selber, also mit seiner Vernunft, ein. Oder mit Kant: Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, nur das ist Aufklärung, nur so ist Politik möglich, nicht mit den etablierten Parteien. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Veröffentlicht von gw am 30. Mai 2016 .
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Ohne weitere Worte (vom 31. Mai)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Witziges oder einfach nur Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Die Marketingidee, Jugendbilder der Spieler auf die Kinderschokolade-Packungen zu drucken, fühlt sich jedenfalls gerade nicht ganz schlecht an. Eine Handvoll Rassisten (…) teufelte gegen die Ausländer auf den Packungen. Sie wussten nicht, dass das der kleine Boateng ist und der kleine Gündogan. Und der große Boateng spielt nun mal für Deutschland. Mit einer Schokoladenverpackung den Hitzegrad von lodernder Dummheit anzeigen: eine schöne, weil beiläufige Überraschung. (Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung schon vor der »Nachbar«-Affäre)
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Nicht zum ersten Mal laufen deutsche Spieler mit Migrationshintergrund für Deutschland auf, aber 2016 herrscht vor dem Turnier eine andere Stimmung im Land als früher, verbissener, unversöhnlicher. In dieser Situation postet nun (…) Mesut Özil ein Foto auf Facebook, das ihn im langen, weißen Gewand eines muslimischen Pilgers vor der Kaaba in Mekka zeigt. (…) Özils Foto ist (…) ein kraftvolles Statement in der deutschen Islamdebatte. Denn wer bald für ihn jubelt (…), der beantwortet die Frage nach der Zugehörigkeit des Islam ebenso beiläufig wie Özil mit seinem Pilgerfoto. (Stefan Kuzmany in der Spiegel-Rubrik »Leitartikel«)
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Haris Seferovic hat seit einer halben Ewigkeit nicht mehr aufs Tor geschossen, ist völlig von der Rolle. (…) Es ist ein großes Rätsel, weshalb Kovac den Stürmer Seferovic immer wieder aufstellt. (Frankf. Rundschau vor dem Spiel, in dem Seferovic das entscheidende Tor schoss)
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Als Fabian dem Nürnberger Keeper Schäfer, der auch ein Lump ist, ins Gesicht trat (…) und sich dann schmerzensreich auf dem Rasen wälzte, sagte ich durchaus etwas erregt: »Der muss Rot kriegen!« Ich war in meiner Stammkneipe. (…) Ein paar Leute, mit denen ich seit Jahren ab und an plaudere und Bier trinke (…) brüllten mich an, unter ihnen eine ehrenwerte, sozial engagierte Linke: »Verpiss dich aus Frankfurt!« – »Halt’s Maul, du Sau!« Einer hat mir Prügel angedroht und geiferte: »Ich schlag dich tot!« (…) Wahnsinn. Es sind Vernichtungsphantasien. So weit hat es diese Gesellschaft gebracht. (Jürgen Roth in der taz)
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Was der Trainer sagt, ist oftmals nicht das, was er denkt. Ein Mangel an Authentizität, der auch vielen Fans und Journalisten auffällt. Über die theatralischen Auftritte an der Seitenlinie mokieren sich aber nicht nur die Beobachter, auch (…) die Mehrzahl der Spieler ist am Ende eher genervt als motiviert. Abseits aller taktisch-spielanalytischen Finessen hat Guardiola kein psychologisches Gespür im Umgang mit vielen Spielern. (Mounir Zitouni im Kicker)
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Tuchels Frustkrampf (…) Ein Kontrollverlust im rationalen Gewand. (…) Die Borussen gaben über zwei Stunden alles, brachten die Bayern an den Rand einer Niederlage (…) und bekamen von ihrem Trainer nur eine ganz einseitige und damit ziemlich ungerechte Beurteilung zu hören. Das hatten die Spieler (…) nicht verdient. Und Kapitän Hummels schon gar nicht, dem zum Abschied (…) mindestens ein paar warme Worte gebührt hätten – und keine (…) Unterstellung, dass es dem künftigen Bayern-Profi (…) an Willenskraft und Leidensfähigkeit gemangelt haben könnte. Aus dieser Niederlage werden die Borussen (…) eine Menge lernen. Ihr Trainer hoffentlich auch. (Michael Horeni in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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Eine Bekannte meiner Mutter (…) sagte zu ihr, ich sei ein Talent. Von da an war meine Kindheit vorbei. (…) Meine Mutter (…) war eine richtig ehrgeizige »Eislaufmutti«. (…) Wobei Marika es leichter hatte. Wenn ihre Mutter zu ehrgeizig wurde, ging der Vater, ein Frankfurter Friseur, dazwischen. »Hör doch mal uff!«, sagte er dann zu seiner Frau. (Hans-Jürgen Bäumler, mit Marika Kilius zweifacher Paarlauf-Weltmeister, in der SZ-Serie »Fotoalbum«)
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Wann wissen Sie, dass Sie wieder in Form sind? – »Ich habe eine Faustregel. (…)  Wenn ich nach dem Training unter der Dusche stehe, an mir hinunterschaue und meinen Schwanz wieder sehen kann. Dann weiß ich: I’m back!« (Russell Crowe im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) (gw)
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(www.anstoss-gw.de / gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 30. Mai 2016 .
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Montagsthemen (vom 30. Mai)

Zinedine Zidane und Diego Simeone sind völlig unterschiedliche Charaktere, aber auf ihre spezielle Art die geerdeten Gegenentwürfe zu den wolkig überinterpretierten Guardiolas und Tuchels. Bei Zidane, dessen Akzeptanz als Trainer hauptsächlich auf früherer fußballerischer Genialität beruht, verhindert schon angenehme Wortkargheit den Verdacht auf Überintellektualität. Zu Simeone schreibt Jean-Julien Beer im Kicker: »Nachdem drei Jahre über verschobene Salz- und Pfefferstreuer referiert wurde, kam ein Trainer, der einfach mal sein Steak damit würzte.« Herrlich. Darauf wäre ich selbst gerne gekommen.
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Diese Krämpfe! Wie schon in der Verlängerung des deutschen Pokalfinales. Die Fachwelt rätselt. Woran liegt es? An der Ernährungs-Mode des »Low Carb«, mit dem Magermodel Tuchel als deutschem Diät-Guru? Schon dem Laien kommt es ja auch absurd vor, den Fußballern eben jene Kohlenhydrate zu verweigern, die der hart beanspruchte Muskel zur Verbrennung benötigt. Oder liegt es am unterentwickelten Ausdauertraining der Fußballer, die langweilig-anstrengende Laufeinheiten hassen und sich nur mit Ball bespaßen lassen wollen?
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»Bespaßen« – sie »bespielten« sich über 120 Minuten, die Entscheidung nach dieser »Nullnummer« war »denkbar knapp«, auch weil kein »Doppelpack geschnürt« wurde. Toni Kroos kann es wohl »erst in einigen Tagen realisieren«. Unter manchem Jubelfoto wird stehen: »So sehen Sieger aus«, und verdächtig viele der Sieger und Verlierer (siehe Ramos!) sehen so aus, wie heutzutage jedes Männlein-Model in Mode-Magazinen aussieht – mit jenem affig gestylten Hipster-Vollbart, diesem trendigen Look, alberner noch als alle Fußballer-Sprachtorheiten, prächtig konterkariert nur von »Toni« Sailers Zausel-Wildwuchs.
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Eine Verlängerung mag die männermordende Version des Fußballs sein, aber für echte Männersportler ist dieses Attribut dem Zehnkampf vorbehalten. Allerdings weiß mann erst, wie buchstäblich »männermordend« der Zehnkampf wirklich ist, seit Bruce Jenner zur Frau wurde.
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Jenner definiert sich als Frau, Spielerfrauen definieren sich nicht als Mann, sondern über ihre Männer (es gibt Ausnahmen, siehe Frau Müller). Zur EM feiern sie ihre mediale Hoch-Zeit. Sie wollen durch einen anderen berühmt und doch als eigene Persönlichkeit anerkannt werden – da warten hinter den Spielerfrau-Models von heute schon die desperate Housewives von morgen.
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Die jagen mir immerhin nicht so einen höllischen Schrecken ein wie die zurückgekehrte ukrainische Kampfpilotin. Haben sie gesehen, wie sie sich aufführt? Wie sie empfangen wurde? Grusel, grusel. Sehr verstörend. Dieser Konflikt wird noch lange dauern. Aber das ist ein anderes Thema.
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Es gibt auch harte Jungs, sogar echt deutsche. Aus den Polizeimeldungen des Wochenendes: Ein Achtjähriger fährt mit dem Rad auf der Autobahn – Vollsperrung. Ihm passiert nichts, aber er gewinnt eine Wette um zehn Euro und ein Überraschungsei. Ein Sechsjähriger wird stundenlang vermisst, erst suchen ihn die Eltern vergeblich, dann die Polizei. Er wird heil gefunden. Alle atmen auf, er wundert sich über die Aufregung. Ich war doch nur mit dem Kinderrad auf Tour! So viele Stunden im Sattel – aus diesem Holz werden Tour-Sieger geschnitzt.
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Auch ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Mit alten Freunden. Angenehme Menschen. Gut situierte Bürger. Gebildet. Haben früher, schätze ich, SPD oder CDU gewählt. Im Gespräch, wie das so ist unter alten Jungs, werden alle Probleme dieser Welt gelöst. Dabei wird mir klar: Heute wählen sie AfD.
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Wehe, wenn in diesem Sammelbecken ein charismatischer Menschenfänger zu fischen beginnt. Noch sind es nur zweitrangige Figuren, die sich zudem oft genug lächerlich machen. Wie ihr stellvertretender Vorsitzender, der meint, die Menschen fänden Jerome Boateng zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben. Doch so lange die meisten Menschen einen wie Boateng lieber zum Nachbarn hätten als einen wie Gauland, ist Deutschland noch nicht verloren.
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Allerdings sind nicht die Dumpfbacken das Problem. Es gibt schon genug Idioten, da muss man nicht auch noch Verunsicherte, Enttäuschte und von den etablierten Parteien Entsetzte zu Idioten erklären. Wer das tut, ist selber einer. Aber auch das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. Mai 2016 .
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Sonntag, 29. Mai, 6.50 Uhr

Lange bei den Meldungen der Nacht aufgehalten. Viele Verletzte, vor allem Kinder, bei Blitzeinschlag “aus heiterem Himmel” auf einem Fußballplatz. Ein NBA-Profi will seine Ex-Freundin besuchen, um den ersten Geburtstag der gemeinsamen Tochter zu feiern, und wird erschossen, weil er sich in der Tür geirrt hat. Ein Sechsjähriger wird vermisst,  aber heil gefunden. Alle atmen auf, er wundert sich: War doch nur mit dem Fahrrad unterwegs. Kleine Sechs-Stunden-Tour. Aus dem Holz werden Tour-Sieger geschnitzt. Ein Achtjähriger fährt mit dem Rad auf der Autobahn – Vollsperrung. Ihm passiert nichts, aber er gewinnt eine Wette um zehn Euro und ein Überraschungsei.

Auch ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Letzte Woche, mit drei alten Freunden. Angenehme Menschen. Gut situierte Bürger. Gebildet. Haben früher, schätze ich, SPD oder CDU gewählt, Keinesfalls Links oder Rechts oder Grüne. Im Gespräch, wie das so ist unter alten Jungs, alle Probleme dieser Welt gelöst. Dabei wird mir klar: Heute wählen sie AfD.

Nicht die Dumpfbacken sind das Problem. Es gibt schon genug Idioten, da muss man nicht auch noch Verunsicherte und Enttäuschte zu Idioten erklären. Wer das tut, wie viele in den CDUSPDGRÜNLINKS-Parteien, ist selber einer.

Was hat der AfDler, der früher CDU war, in der FAS wirklich gesagt oder gemeint? Skandal-Meldung in Bild und SZ online: Er habe gesagt, Boateng sei ein guter Fußballer, aber niemand wolle ihn als Nachbarn haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das wirklich so gesagt und gemeint hat. Das wäre nicht nur dumm und dumpfbackig, sondern auch furchtbar unclever. Gleich werde ich das Interview in der FAS lesen, sie liegt schon neben mir.

Erste Stichwortsammlung für die Montagsthemen: Krämpfe, Kohlenhydrate, Low Carb / Bärte, Ramos / die Maer von Spaniens Liga / Mo Farah, Joe Kovacs, David Storl, Sandra Perkovic und die Jungs, die “was mit Bodybuilding machen” / Zehnkampf, männermordende Disziplin, weiß man spätestens, seit Bruce Jenner zur Frau wurde / die Kolumne “bespielen” / Doping und Russland und wir: 8 von 23, Ritalin und Co., Hirndoping, Botox, 600 000 Mäuse, Klopp, Höwedes, Bellarabi / Dieter Baumanns Tochter “knackt die Olympianorm (400 m Hürden). Doppelpack schnüren, realisieren usw. / natürlich Boateng / Zidane und Simeone beide auf unterschiedliche Weise Gegenentwurf zu Guardiuola und Tuchel, dazu das schöne Pfefferstreuer-Zitat.

Alles noch bunt durcheinander. Aber immerhin schon viel Auswahl. Packen wir’s an. Später. Erst KKKK plus FAS und Samstags-SZ. Dann erst Neusichtung und Gliederung (ja, ich mach das wie früher beim Schulaufsatz). Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 29. Mai 2016 .
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Sport-Stammtisch (vom 28. Mai)

Durchatmen nach der Liga-Saison und vor der EM. Die Ruhepause haben wir uns verdient. Heute Real gegen Atletico? Ach, was ist denn schon eine Stadtmeisterschaft von Madrid gegen den deutschen Relegationstitel der Frankfurter Eintracht? Diese Nervenzerfetzung! Event-Junkies, die nach Erlebnisfußball und großen Emotionen gieren, blieb im düsteren Tabellenkeller eine späte Ersatzdroge, das Methadon der Relegation.
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Niko Kovac kam, sah, siegte … und bestätigte Hölderlins unsterbliche Zeile: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Ohne Zweifel trägt das glückliche Frankfurter Ende den Namen des Rettenden. Aber ich sollte mit Hölderlins »Patmos«-Hymne etwas vorsichtiger umgehen. Als ich diese Zeile vor Jahren schon einmal in Sachen Eintracht zitierte, wies ein Hölderlin-Kenner auf die ihr folgende hin: »Im Finstern wohnen / Die Adler.« – Düstere Aussichten für die Adlerträger? Da geben wir dem Schwaben Hölderlin aber energisch Kontra mit der Forderung unseres hessischen Landsmannes Goethe für die nächste Saison: »Mehr Licht!«
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Niko Kovac war mit seiner zupackenden, antreibenden und dennoch nüchternen Art genau der Richtige für die Herkules-Arbeit der Abstiegsverhinderung auf den letzten Drücker. Aber ist er auch der Richtige für die kommenden Aufgaben in Frankfurt? Kann er eine Mannschaft neu aufbauen und perspektivisch in eine endlich verheißungsvolle Zukunft führen? Niemand weiß es, aber die Chance zu beweisen, dass er es kann, hat er sich redlich verdient. Viel Erfolg! Auf dass nicht dort, wo er das Rettende war, durch ihn auch die Gefahr wächst.
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Wie demnächst in Darmstadt? Wie demnächst in Darmstadt. Auf ein feiges Fragezeichen verzichte ich. Neuerlicher Nichtabstieg wäre eine noch größere Sensation als die schon unglaubliche in dieser Spielzeit. Doch die kann den »Lilien« niemand mehr nehmen. Nächstes Traumziel Relegation. Aber ach, manchmal spielt »Tasmania« erst in der zweiten Saison …
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Schuster weiß, warum er wechselt. Einige Spieler auch. Ginge Guardiola jetzt nach Darmstadt und führte den Verein auf Platz 15, es wäre ein Meisterstück, beeindruckender als ein Triple. Zum Abschied beschwert er sich: »Was die Leute gesagt haben, bevor ich meine Entscheidung für Manchester getroffen habe, war komplett etwas anderes als das, was sie danach gesagt haben.« – Stimmt nicht! Aber das kann der Pep nicht wissen, da er unsere mittelhessische Sportkolumne nicht liest. Die empfing ihn vor drei Jahren nicht ekstatisch jubelnd, wie alle deutschen Medien, sondern sachlich: »Ist Guardiola wirklich der beste Trainer der Welt? In Barcelona konnte er auf Cruyff bauen, der den Barca-Stil erfunden hat, und auf Xavi und Iniesta, deren kluges und ein wenig langweiliges Monoton-Tocktocktock erst durch den Genialitäts-Irrwisch Messi Einmaligkeitsgröße erreichte. All das, was ihm zugefallen ist und zugeschrieben wird, kommt erst in München auf den Prüfstand.« – Ergebnis: Im langjährigen Vergleich schneidet die Pep-Ära bei den Bayern sowohl in Titeln als auch in spielerischer Klasse hauchdünn überdurchschnittlich ab. Immerhin. Aber Weltbewegendes hat Guardiola nicht geleistet. Und nichts weniger als das hat alle übergeschnappte Fußballwelt vor drei Jahren erwartet.
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Russen raus aus der … nee, bleiben wir im Sport: raus aus Olympia? Bitte nicht. Kollektivstrafen treffen Unschuldige am härtesten. Außerdem riecht es im Weltsport immer verdächtiger nach neuem kalten Krieg. So hat der in die USA geflohene Chemiker Rodschenkow, »Whistleblower« der aktuellen Affäre, in seinem neuen gelobten Land schon eine Stellung gefunden, für die er beste Referenzen mitbringt: bei einer US-Firma, die Doping-Tests für private Zwecke anbietet. Ein Privatissime sozusagen, um für nicht private Zwecke, also offizielle Doping-Tests, »sauber« vorbereitet zu sein?
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Zum Lachen, wenn’s nicht zum Heulen wäre. Wie für Ariane Friedrich, Christina Obergföll oder Markus Esser, die jetzt Medaillen gewinnen, ohne das dazugehörige innere und äußere Erleben auskosten zu können. Habe ich eine entschiedene Meinung dazu? Nein. Bin ratlos.
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Sitze ich heute wieder zwischen den Stühlen? Als ich diese Vermutung in der vorigen Woche äußerte, setzten sich einige Leser demonstrativ zu mir. Wie Heidelinde Obermann aus Friedberg oder Matthias Weidner (Lollar), deren Zustimmungen in Sachen »Charlie Hebdo«/Böhmermann beziehungsweise Weißbierduschen und Sprachmoden im Internet-Begleitprogramm der »Anstoß«-Kolumnen (»Sport, Gott & die Welt«, dort Link zur »Mailbox«) nachzulesen sind.
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Und da wäre noch der echte Skandal, der neben den vielen aufgebauschten fast untergegangen ist: Ein Gericht hat entschieden, dass Millionen männlicher Küken im Einklang mit dem Tierschutzgesetz vergast und geschreddert werden dürfen. Da bleibt mir nur der schwarze Humor, den Küken mit dem fatalen Geschlecht zu empfehlen, die Transgenderkarte zu ziehen. Kein Gericht  würde dann noch wagen, das Selektieren und Vergasen abzusegnen. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 27. Mai 2016 .
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Baumhausbeichte - Novelle