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Sport-Stammtisch (vom 30. April)

Nach der ersten Halbzeit lugen zwei innerspanische Endspiele um die Ecke. Ob Bayern und Klopp das noch verhindern können? Halbzeitstand jeweils 1,5:0 für den Gegner. Mindestens, denn das nicht geschossene Auswärtstor wiegt eher mehr als halbes Tor. Aber immer mit der Ruhe. Auch ein 0:1,5 ist in Halbzeit zwei locker wettzumachen. Dazu benötigt man kein »Wunder« wie in Frankfurt.
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Ach, Quatsch. »Wunder«, wieso Wunder? Nach dem Sieg gegen Mainz und den Punktverlusten der Konkurrenz hat die Eintracht  alles in eigener Hand und muss kein »Wunder«, sondern nur sich selbst bemühen. Zudem sind Darmstadt, Dortmund und Bremen machbar. Ja, auch Dortmund. Dort hat man anderes im Kopf als die Eintracht. Nicht nur Hummels, und vor allem das Pokalfinale.
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Den Wechsel  kann einer partout nicht verstehen: »Ich glaube einfach, dass es sportlich wenig bis keine Gründe gibt, uns zu verlassen.« Sagte Hummels, als Götze zu den Bayern ging.
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Hummels und Götze. Dazu der Liveticker des Fußballmagazins »11Freunde« am Mittwoch: »Hummels zunächst auf der Bank. (…) Hummels: ›Irgendwie war Dortmund besser.‹ Götze: ›Stimmt.‹ Hummels: ›Dafür sind wir jetzt reicher.‹ Götze: »Shoppen?« Hummels: ›Cool.‹«
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Sehr hübsch. Allerdings wird es zu dem Bank-Pärchen nicht kommen, denn Götze gehört wohl zum Hummels-Deal. Das scheint fast so sicher wie schon vor zehn Tagen Hummels’ Entschluss. Den verriet er, als er noch von schlaflosen Stunden sprach: Wenn er »irgendwann« die Entscheidung »getroffen habe, werden alle verstehen, warum es so schwierig für mich ist«. – »So schwierig« konnte kein Wechsel ins Ausland oder ein (unrealistischer) zu einem anderen deutschen Klub sein. Da Hummels sprachgewandt genug ist, um sich nicht zu verplappern, und da sein Berater-Vater die Bayern früh und ohne Not ins Spiel gebracht hatte, erscheint das ganze Theater als konzertierte Aktion, um den Schock für die BVB-Fans abzumildern. Wie gut das gelungen ist, wird man heute in Dortmund sehen und hören.
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Der Fan, das unbekannte Wesen. Zum Hickhack um das Darmstädter Innenstadt-Verbot will ich nicht auch noch meinen Senf dazugeben. Aber ob Verbot oder nicht: Nicht nur die Hohl-Hools, sondern alle Spaß-Chaoten (1. Mai!) werden fröhlich weiter randalieren, solange es nach dem Schlusspfiff das übliche Ergebnis gibt: hohe zweistellige Niederlage für die Polizei in in der Verletzten-Quote.

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Am besten wäre natürlich eine beiderseitige Nuller-Bilanz, aber wenn schon, denn schon lieber ein deutlicher Sieg unserer Freunde und Helfer. Wer bei einem anderen Ergebnis jubelt, hat ein Problem mit unserer zivilen Gesellschaft und ihren Schutzbeauftragten.
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Allgemein kopfnickende Zustimmung darf ich nicht erwarten. Auch nicht dafür, dass ich die »offizielle« Medaillenprognose ins alte »Wörterbuch des Unmenschen« aufnehme. Denn DOSB-Boss Vesper hat die »Medaillen-Vorgabe« für Rio gesenkt, »den Zielkorridor aktualisiert« und ist von 40 bis 70 »auf 38 bis 68 Medaillen heruntergegangen«. – »Vorgabe«, »Zielkorridor«, von 40 bis 70 auf 38 bis 68 aktualisiert – packt da wirklich nur mich die kalte Wut auf die Medaillen-Apparatschiks? Was soll dieser zutiefst unsportliche Blödsinn? Er dient doch nur dem Aufpumpen des grotesken Selbstwertgefühls von Funktionären. Man sollte ihnen ihr eigenes Olympia geben. Als Sportarten sind sommers wie winters nur Biathlon, Rodeln, Dressurreiten und Kanu-Rennsport zugelassen, aber mit diversen Staffel-Disziplinen.
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Ebenfalls in dieser Woche beschlossen: Deutsche Goldmedaillengewinner von Rio erhalten 20 000 Euro Prämie. Das gilt auch für die Paralympics. Allen sei das Geld gegönnt. Aber aus rein sportlicher Sicht halte ich die Gleichsetzung für problematisch. Wer an die kaum überschaubaren Schadensklassen denkt und daran, dass – zum Glück! – die weltweite Konkurrenz im Vergleich zum, beispielsweise, 100-m-Lauf sehr überschaubar ist, der … schweigt lieber. Zu heikel.
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Schließlich noch das Urteil der Woche: Einige hohe Deutschbanker wurden in dem Prozess freigesprochen, in dem es auch darum ging, ob sie seinerzeit Leo Kirch gezielt in den Ruin getrieben hätten. Mich hat das Gericht nicht als Zeugen vernommen, obwohl ich (schon 1997) »gespannt« war auf die »verzweifelten Bemühungen zur Quadratur des Kreises: der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen.« Ich war sicher, dass »Kirch die Puste ausgeht«.
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Aber nicht nur ich kleiner Spatz, sondern alle pfiffen es damals von den Dächern. Schuld an der Pleite waren nicht die Banker, sondern letztlich die Fantastillionen, die Kirch für Bundesliga-Senderechte hinblätterte.
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Alter Streit der Historiker: Verläuft Geschichte zyklisch oder linear? In diesem Fall wette ich auf zyklisch.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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