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“HIT” & fit? (“Anstoß” vom 28. April)

»Fit in den Frühling.« Beim Schmökern im Archiv stoße ich auf diese 25 Jahre alte Überschrift einer auch »Zeitungs-Trimme« genannten »gw«-Serie. Ein leicht bizarr wirkendes Kontrastprogramm zu aktuellen und strikt seriösen »Fit in den Frühling«-Aktionen. Zum Beispiel eine Übung, die jeden »musculus gluteus maximus« (großer Gesäßmuskel) zum Traum-Po machen kann: In der Hocke, Hinterteil stets nur ganz knapp unter Kniehöhe, um den Frühstückstisch watscheln, mit der aufgeschlagenen Zeitung in den ausgestreckten Händen. Der vierfache Diskus-Olympiasieger Al Oerter galt als Spezialist in dieser Übung. Er watschelte in diesem »Entengang« sogar täglich um seine Sporthalle – allerdings nicht mit der Zeitung in der Hand, sondern einer 260 kg schweren Hantel auf den Schultern.
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Verrückt? Mag sein. Aber auf Dauer garantiert wirksam. Und natürlich. Viel natürlicher und weniger verrückt als der heroische Selbstversuch, von dem »Spiegel«-Redakteur Uwe Buse in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins berichtet. Er unterzog sich einer Testosteron-Kur, um am eigenen Leib zu spüren, wie es Hunderttausenden von alten Narren geht, die den Testosteron-Umsatz in Industrieländern zwischen 2000 und 2011 um das Zwölffache auf 1,8 Milliarden Euro explodieren ließen.
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Irre. Buchstäblich. Das männliche Sexualhormon Testosteron wirkt, sehr vereinfacht ausgedrückt, wie ein Anabolikum und steht natürlich auf der Dopingliste. Besitz und Einnahme von Dopingmitteln sind laut Anti-Doping-Gesetz strafbar, aber Pharmafirmen verdienen damit Milliarden, und viele Hunderttausend müssten in den Knast, wenn das Anti-Doping-Gesetz logisch und nicht absurd wäre.
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Aber ich will nicht abschweifen. Sonst müsste ich auch auf die weit verbreitete Doping-Mentalität in unserer Leistungsoptimierungs-Gesellschaft kommen. Nur noch einmal zum Selbstversuch: Buse schaffte nach seiner ersten Testosteron-Dosis sofort zehn statt fünf Klimmzüge – das erhöht bei naiven Interessenten die Attraktivität, entlarvt für Experten aber nur das Lächerliche dieses Placebo-Effektes. Aber auch das ist ein anderes, zu weit gehendes Thema.
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Kürzlich fragte Ralf Protzel (Bonn): »Ich habe in der ›Zeit‹ vom High Intensity Training gelesen. Mich würde interessieren, wie Sie das einschätzen. Wenn ich mich richtig erinnere, dürften Sie die Sache skeptisch sehen.« – Allerdings. Die »Zeit« zieht sich mit »HIT« den gleichen alten Hut auf wie  sieben Jahre zuvor der »Spiegel«. Im Fitness-Geschäft wird eine Sau nach der anderen durch das Dorf gejagt, und am Ende merkt man, dass man selbst der Gejagte ist.
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Alle Jahre wieder werden allerneueste Trainingstrends angepriesen, die »bei minimalem Zeitaufwand rasanten Muskelzuwachs« verheißen (»Spiegel« 2009 über die »Turbo-Trainingsmethode«). Doch »HIT« ist kaum mehr als das uralte Intervalltraining der 50er Jahre – und  für nicht gut trainierte mittelalte Gelegenheits-Fitnessstudiobesucher gesundheitlich hoch riskant. Warum? Auch das würde hier zu weit führen. Wen es interessiert, der kann in »Sport, Gott & die Welt« unter »Sonntag, 10. April« meine »HIT«-Warnung von 2009 nachlesen.
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In späteren Jahren wollte ich die »Fit in den Frühling«-Serie neu auflegen, unterließ diese jugendliche Sorglosigkeit aber nach reiflicher Überlegung. Die »Zeitungs-Trimme« enthielt auch isokinetische und isometrische Übungen, bei denen Pressatmung notwendig ist, und es ist  statistisch erwiesen, dass im  Boxen bei weitem nicht so viele Todesfälle zu verzeichnen sind wie beim . . .   »großen Geschäft«, bei dem die Pressatmung in . . . Härtefällen bei latenter Vorschädigung Hirnblutungen auslösen kann.
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Solche Skrupel haben »Zeit« und »Spiegel« und alle geschäftlich profitierenden Propheten von »HIT« & Co. offenbar nicht. Doch das Naturgesetz des Trainings verspricht nicht, mit wenig Aufwand viel Erfolg zu haben, sondern verlangt unerbittlich für kleine Erfolge große, aber wohl dosierte Anstrengungen. Über viele Monate hinweg, nicht nur im Frühling.
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Ein Ruck muss durch Deutschland gehen – aber bitte nicht durch Ihren Körper.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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