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Sport-Stammtisch (vom 23. April)

Der arme Arturo Vidal. Zum Glück kann er nicht lesen, was über ihn geschrieben wird. Na ja, zumindest nicht auf Deutsch. Seine Schwalbe war »die größte Sauerei, die es im Fußball gibt« (Alfred Draxler, Sport-Bild-Chefredakteur). Es war, »als wenn jemandem die Handtasche geklaut wird, so unfair, hinterlistig. Ich will Sie beim FC Bayern nicht mehr spielen sehen« (Franz-Josef Wagner, »Gassen-Goethe« bei Bild). Auch die ganz seriösen Schreiber kriegen sich kaum noch ein vor Abscheu und Empörung. Aber gemach, Leute – sooo schlimm war es nun doch nicht!
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Am tolerantesten reagieren noch die Bremer, und sie wissen, warum. Einer der Ihren rauscht heran, mit beiden Beinen voraus, Vidal bringt sich mit einer Meidbewegung in Sicherheit und nimmt dankend die Einladung zum Sturzflug an. Business as usual im Strafraum. Leider. Der Haudegen Vidal, nicht umsonst »Krieger« genannt und nicht »Hinterfotz« oder gar »Inzaghi« (Sie erinnern sich …?), war nur zu ungeschickt, um elegant einzufädeln, so dass seine »Schwalbe« jämmerlich durch die Luft flatterte und Fußball-Deutschland vor Entrüstung in Schnappatmung geriet.
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Natürlich sind »Schwalben« auch für mich eine große Sauerei und als Sportbetrug  sogar viel fieser als das, was einst ein schlichtes deutsches Gemüt in naiver Nachteils-Vermeidungsabsicht getan hat (gelle, Ulle?!). Aber schon dieser Vergleich würde mich hochkant aus der Konsensgesellschaft des Sports katapultieren – wenn ich denn jemals zu ihr gehört hätte.
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Nicht Vidals »Schwalbe« war unsportlich, sondern sein Verhalten danach. Jeder, der schon einmal einen zweikampfbetonten Mannschaftssport betrieben hat, weiß, dass man in hitzigen Duellen zu spontanen Überreaktionen neigt. Aber schon Sekundenbruchteile danach weiß man: Ach, war ja nix. Und sagt das auch dem Schiedsrichter.
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Was?! Ja. Zum Beispiel im Rugby. Und wehe, wenn man es dort nicht täte! Das gäbe Klassenkeile! Im Fußball aber gilt die scheinheilige Devise: Nur die schlecht geschauspielerte Schwalbe ist eine fiese Unsportlichkeit. Typisch auch, dass es als achtes Weltwunder gälte, wenn einer wie Vidal zum Schiedsrichter ginge und zugäbe, nicht gefoult worden zu sein. Man würde ihn mit allen Fairnesspreisen dieser Sportwelt überschütten. Was aber ebenfalls ein sportliches Armutszeugnis wäre, denn das hieße, stinknormale Fairness als sensationelle Ausnahme zu feiern.
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Aber nun werden Schmähgedichte auf Vidal geschrieben. Allerdings ohne Griff in die unterste Schublade, denn der »Krieger« gehört trotz allem noch zur deutschen Konsensgesellschaft. Verbalinjurien wie »Ziegenficker« oder »Krebsgeschwür des Fußballs« bleiben anderen vorbehalten – und straflos. Siehe Zwanziger/Katar. Merkspruch im Mainstream: Wichtig ist nicht wie, sondern wen man beleidigt. Aber das ist ein anderes Thema.
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Wenden wir uns den wahrhaft edlen Seiten des Sports zu, und was ist edler, hehrer als der Idealismus des olympischen Gedankens? Meldung des Tages: »Das Olympische Feuer ist 107 Tage vor Eröffnung der Sommerspiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) im Heiligen Hain des antiken Olympia in Griechenland entzündet worden.« Olympia wirft also schon seine Fackeln voraus, mit allem Schwulst-Brimborium. In der Bildunterschrift auf ihrer Titelseite lässt die »Süddeutsche Zeitung« die »Hohe Priesterin« ihren Spruch aufsagen: »Apollon, Gott der Sonne und des Lichtes, schicke deine Strahlen und zünde die Fackel für die gastfreundliche Stadt von Rio.« Ohne jeden satirischen Unterton. Nur zur Erinnerung: Der Fackellauf ist eine Nazi-Erfindung, Premiere in Berlin 1936. Klappte auf Anhieb – sie hatten ja schon jahrelang auf Reichsparteitagen geprobt. »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte«, sagte der Berliner Maler Max Liebermann, als er einen Fackelzug der Nazis durch das Brandenburger Tor beobachtete.
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Kotzen. Schönes, fast rein deutsches Wort, zwar aus dem Jiddischen (»qoz«) entlehnt, aber schon seit sechs Jahrhunderten alltagsdeutsch. Dazu Hans Sachs: »den tollen macht der wein noch töller, / bisz dasz er grölzet, speit und kotzt«.
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Hans Sachs? Kennt heute kaum jemand mehr, weder als Nürnberger Meistersinger noch als unwesentlich jüngeren gleichnamigen Oberstaatsanwalt aus Robert Lembkes »Was bin ich?« Aber auch das ist ein anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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